Hagnau - Hagnau in der Seestraße am Freitag um 11.25 Uhr. „Könnten Sie bitte absteigen und Ihr Fahrrad schieben?“ Erstaunt schauen vier Radfahrer in viele Kinderaugen. Noch erstaunter sind sie, als ihnen die Kinder mit den Worten „Danke, dass sie abgestiegen sind“ Süßigkeiten anbieten. Und schon laufen sie auf die nächsten Radler zu, um ihren Auftritt zu wiederholen.

Die 14 Schülerinnen und neun Schüler der ersten Klasse der Hagnauer Grundschule sind begeistert von ihrem Projekt. Der sechsjährige Ben strahlt: „Mir macht es Spaß zu fragen, ob die Radfahrer absteigen können. Und fast immer machen sie das dann.“ Und die gleichaltrige Samira ergänzt: „Ich finde das gut, dass die alle absteigen. Warum die sonst durchfahren, weiß ich auch nicht.“

Gespannt warten die Schüler darauf, ob denn endlich Radfahrer vorbeikommen. Schulleiterin Silke Dimmeler (hinten links) und Bürgermeister Volker Frede (hinten rechts) begleiten das Projekt.
Gespannt warten die Schüler darauf, ob denn endlich Radfahrer vorbeikommen. Schulleiterin Silke Dimmeler (hinten links) und Bürgermeister Volker Frede (hinten rechts) begleiten das Projekt. | Bild: Uwe Petersen

Das Projekt ist Teil des Unterrichts und wird von der Schule und der Gemeinde gemeinsam umgesetzt. Warum sich die Grundschule daran beteiligt? Noch ehe Schulleiterin Silke Dimmeler darauf antworten kann, ruft Max, ebenfalls sechs Jahre alt, dazwischen „Weil es nötig ist.“ Die Pädagogin lacht. „Da hat er Recht. Wir unterstützen die Gemeinde, weil Handlungsbedarf besteht. Und die Kinder trifft es als erstes. Außerdem machen wir gerade Verkehrserziehung im Unterricht; da passt das super.“ Dafür „opfern“ sie und ihre Kollegin Verena Volk gerne eine Schulstunde.

Die Zusatztafeln für Radfahrer, die hier noch zu sehen sind, mussten nach wenigen Wochen wieder abgeschraubt werden, weil sie sichtbar nicht beachtet wurden.
Die Zusatztafeln für Radfahrer, die hier noch zu sehen sind, mussten nach wenigen Wochen wieder abgeschraubt werden, weil sie sichtbar nicht beachtet wurden. | Bild: Uwe Petersen

Der Handlungsbedarf ergibt sich aus den vielen Misserfolgen bei dem Versuch, die Verkehrsprobleme in den Griff zu kriegen. Die Seestraße ist für Hagnau quasi ein Testfeld für den innerörtlichen Verkehr, denn hier scheinen bisher alle Lösungen zu versagen. 2017 hatte man es mit dem Schild „Anliegerverkehr“ versucht – mit sehr mäßigem Erfolg. Im Februar wollte der Gemeinderat für die Saison 2018 die ganze Seestraße in eine Fußgängerzone verwandeln. Doch das rief viele Bürger auf den Plan, die für sich und ihre Feriengäste Nachteile befürchteten. In einer denkwürdigen Bürgerversammlung im April fand man gemeinsam einen Kompromiss: Eine Kombination aus Fußgängerzone und Anliegerverkehr sollte den Verkehr beruhigen und dennoch den Anliegern alle Rechte einräumen. Zudem sollten Fahrräder laut Zusatztafeln in den Zeiten vor 10 Uhr und nach 20 Uhr freie Fahrt haben.

Doch genau da lag bei dieser Lösung der Haken. Denn die Radler und E-Biker sind das eigentliche Problem der Seestraße. Sie nutzen nur zum kleinen Teil die ausgewiesene Umleitung durch die Hansjakobstraße. Auch die Alternative – absteigen und sein Rad durch die Seestraße schieben – wählen nur wenige. Die meisten fahren mehr oder weniger rasant an der Beschilderung vorbei und gefährden damit sich und vor allem die zahlreichen Fußgänger. Nach nur wenigen Wochen hat die Gemeinde die Zusatztafeln in der Hoffnung wieder abgeschraubt, die Radfahrer würden jetzt keine Ausreden mehr haben. Doch deren Verhalten änderte sich kaum.

So viele Radfahrer auf einmal! Mit Feuereifer erklären ihnen die Schüler, warum sie hier nicht durchfahren dürfen. Bei so viel Verkehr sind die süßen Belohnungen schnell weg.
So viele Radfahrer auf einmal! Mit Feuereifer erklären ihnen die Schüler, warum sie hier nicht durchfahren dürfen. Bei so viel Verkehr sind die süßen Belohnungen schnell weg. | Bild: Uwe Petersen

„Das hatte bisher alles keinen Effekt“, berichtet Erika Schmidt von der Eisdiele Kiebele. „Hier passiert immer einiges. Autos fahren hier seit der neuen Regelung weniger, aber die Radfahrer fahren fast alle durch, so wie vorher.“ Ähnlich sieht es auch Gemeinderat und Winzerstubenwirt Horst Müller: „Ich finde es gut, dass man etwas probiert. Aber die Situation hat sich bisher nur leicht entspannt und überhaupt erst, seit die Ausnahmeregel für Radfahrer abgeschafft wurde. Die ungefähr 10 Prozent der unbelehrbaren Raser, die mit ihrem Rad einfach durchbrettern, kann man damit allerdings nicht erreichen.“

Radler auf eine neue Art sensibilisieren

Nun will Bürgermeister Volker Frede neue Wege gehen, will mit Aktionen wie dieser dafür sorgen, dass dem Thema mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird. „Die Grundidee dabei ist, die Radler auf eine neue Art zu sensibilisieren. Natürlich treffen wir mit so einer Aktion nur wenige; aber vielleicht spricht es sich herum: Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Es sollen weitere Aktionen stattfinden. „Heute mit den Kindern war sozusagen eine Softaktion. Wir planen demnächst eine Aktion mit der Polizei. Das ist dann die härtere Variante.“

Ha, da ist er: Der erste Radfahrer, den die Kinder dazu bewegen können, von seinem Rad abzusteigen. Als Dank erhält er ein Tütchen mit Gummibären.
Ha, da ist er: Der erste Radfahrer, den die Kinder dazu bewegen können, von seinem Rad abzusteigen. Als Dank erhält er ein Tütchen mit Gummibären. | Bild: Uwe Petersen

Auch eine Wiederholung mit den Schülern kann er sich vorstellen. „Ich freue mich, dass es heute so gut funktioniert hat und die Radler auf die Kinder eingegangen sind. Ein großes Dankeschön an die Grundschule und die Kinder.“ Wie zur Bestätigung rufen einige Passanten im Vorübergehen: „Prima! Superaktion für die Kinder und von den Kindern.“ Die müssen leider abbrechen: Schulschluss. Als Dank spendiert der Bürgermeister allen noch ein Eis für den Nachhauseweg.