Damals, im Februar 1963, war es Berthold Arnold noch nicht klar: Der heute 80-jährige Hagnauer erlebte in jenen Tagen ein Jahrhundertereignis, das ihn ein Leben lang begleiten sollte. Am 6. Februar 1963 überquerte er mit einer Gruppe Männern den zugefrorenen Bodensee. Sie waren die Erstüberquerer bei der ersten kompletten Seegfrörne seit 1880. Gemeinsam liefen sie von Hagnau in Richtung Schweiz. Ein Berufsfischer drehte aus Angst vor der Witterung wieder um. Zu gut kannte er die Tücken des großen Gewässers, rief, dass sie alle ertrinken würden. Die anderen sechs gingen trotzdem weiter, ausgerüstet mit Seilen, einer Leiter, einem Schlitten, Schlittschuhen, einem Kompass und Ersatzwäsche. Ein damals Zwölfjähriger schlich hinterher.

Berthold Arnold sagt heute: "Alleinig hätte ich es überhaupt nicht gewagt." Beim Gespräch in seinem Haus in Hagnau hält er die Trompete in Händen, auf der er 1963 und zum 50-Jährigen im Jahr 2013 das Lied "Behüt dich Gott, es wär zu schön gewesen" gespielt hat. "Die Trompete war immer bei mir", sagt Arnold. Um 9 Uhr morgens hatten sich die Männer 1963 vom Hagnauer Ufer aus auf den Bodensee gewagt. Eine zweite Gruppe war später gestartet. Immer, ohne zu wissen, was sie unterwegs erwartet. Das mit Raureif bedeckte Eis habe sich wie eine Gummimatte unter ihnen durchgebogen, erinnert sich Arnold. Weiter draußen "hat es gedonnert, wie bei einem Gewitter". Tiefe Spalte taten sich durch die Spannungen auf. Offene Flächen und Treibeis mussten umgangen werden. Die Männer marschierten keilförmig und mit Seilen gesichert. Der Leichteste ging voraus.

Berthold Arnold (Mitte) spielt am Tag der Erstüberquerung auf seiner Trompete.
Berthold Arnold (Mitte) spielt am Tag der Erstüberquerung auf seiner Trompete. | Bild: RSPS/Südkurier-Archiv

"Je mehr wir auf den See kamen, desto glatter wurde es", berichtet Arnold. Der Raureif verschwand allmählich. Der Blick nach unten offenbarte ihnen den tiefen, schwarzen Bodensee. Die Sicht beschränkte sich aufgrund des starken Nebels auf 20 bis 30 Meter. Mit einem zehn Zentimeter langen Nagel bohrte Arnold ins Eis. Es wurde immer dicker. "Das Eis hat stündlich zugenommen", berichtet Anni Arnold, seine Ehefrau. Sie ist an jenem 6. Februar 1963, einem Mittwoch, mit drei Freundinnen losgelaufen. "Euren Spuren nach", erklärte sie Berthold Arnold, als sie ihn im Gasthaus "Schiff" im Schweizer Güttingen antraf. Aus Hagnau hatten sie sich schon gekannt, aber noch nie wirklich miteinander gesprochen. "Eigentlich hat es da drüben gefunkt", sagt sie. Inzwischen sind sie seit 53 Jahren verheiratet. Die Seegfrörne vor 55 Jahren war der Anfang.

Die sechs Männer hatten das Ufer erreicht, "als die Kirchenglocken 11 Uhr läuteten und Geräusche eines Zuges zu hören waren", sagt Berthold Arnold. Plötzlich seien sie vom Eis runter auf festen Untergrund gekommen. Obwohl das Gasthaus in Güttingen eigentlich Ruhetag hatte, wurden die Hagnauer mit Gulaschsuppe und Getränken versorgt. "Wir wurden gastfreundlich aufgenommen", sagt Arnold. Immer mehr Neugierige aus Hagnau trafen ein – darunter die spätere Frau Arnold. Fürstlich hätten die Männer beieinander gesessen, beschreibt sie die Situation in dem Lokal, die sich ihr dort nach der Seeüberquerung darbot. Ihr Mann, 1963 25 und heute 80 Jahre alt, muss schmunzeln, wenn er an die jungen Männer von einst denkt. Sechs Tage nach der Erstüberquerung, am 12. Februar 1963, fand die Prozession statt, bei der die Büste des Heiligen Johannes aus Hagnau zurück nach Münsterlingen geholt wurde. Ein religiöser Brauch, sobald der Bodensee komplett erstarrt. Berthold Arnold pilgerte drei, vier Wochen lang jeden Tag in die Schweiz. Die Arbeit in der Landwirtschaft ließ dies zu. "Das war mein größtes Erlebnis", sagt Arnold. Wie Ameisenstraßen schlängelten sich die Menschenketten 1963 über den Bodensee: von Hagnau in die Schweiz, von der Schweiz nach Hagnau. Luftbilder erinnern daran. Auf beiden Seeseiten waren die Lokale jeden Tag gefüllt.

Anni Arnold half bei Wirtsleuten in Hagnau aus, deren Saisonkräfte im Winter nicht zur Verfügung standen. Dass das so ein Ereignis sei, habe man damals nicht gewusst, sagt sie. Es war den Menschen bekannt, dass eine Seegfrörne nur auftritt, wenn spezielle Wetterbedingungen aufeinandertreffen: unter anderem lang anhaltende Kälte und Windstille. Dennoch wurde ihnen, den Arnolds und wohl auch anderen, erst im Lauf der Zeit bewusst, dass die Kinder und Enkel so etwas nicht erleben werden. Die Nachkommen kennen ausschließlich die Erzählungen und Bilder. Sie haben das riesige Medieninteresse mitbekommen, vor allem zum 50-Jährigen im Jahr 2013.

Wieder und wieder wurden die Arnolds aufgefordert, von dem Besonderen zu erzählen. Dabei war es 1963 schon nach einer Woche vollkommen normal, über den Bodensee zu laufen. "So wie auf einer Straße", sagt Berthold Arnold. Für alle war es ein großes Glück, dass nichts passierte. Mit Kinderwagen, mit allem seien die Menschen auf dem Eis gewesen, erklärt Anni Arnold. Heute vermitteln die Berichte der Arnolds nicht nur das Geschehene, sondern auch eine Portion Magie. Berthold Arnold hat sternenklare Nächte auf dem Bodensee erlebt, wenn er aus Güttingen zurückkam. Dann hat er aus der Ferne den Hagnauer Kirchturm gesehen und ist losgelaufen. Viele Freundschaften mit Schweizern bestehen noch heute. Gegenseitige Besuche gehören dazu. Ebenso die Jungen kämen miteinander aus, sagt Anni Arnold, etwa beim Hagnauer Brunnenfest. Der Jahrestag der Seegfrörne gehört fest in den Kalender der Arnolds. Sollten sie es nicht im Februar schaffen, dann fahren sie im Sommer in die Schweiz. Im Gasthaus "Schiff" saß Berthold Arnold schon auf demselben Platz wie 1963. Und in Münsterlingen versäumen sie es nie, die Büste des Heiligen Johannes zu besuchen. Wer weiß, wann sie wieder nach Hagnau geholt werden kann.

 

Zu den Personen

Berthold und Anni Arnold, geborene Siebenhaller, sind in Hagnau zu Hause und wurden im April 1964 getraut. Beide stammen aus Familien, die in Hagnau in der Landwirtschaft, im Obstbau und als Winzer tätig waren. Berthold Arnold ist Gründungsmitglied des Fanfarenzuges. Arnolds haben zwei Söhne und drei Enkelkinder. 1983 eröffneten sie das Hotel Hansjakob, das seit 2000 von Sohn Markus geführt wird. Beide helfen noch in dem Hotel mit. Hotelgäste schicken ihnen oft allerlei Zeitungsartikel zur Seegfrörne 1963.