Ein etwas ungewöhnlicher Stau schlängelte sich in den vergangenen Tagen durch Hagnau. Wer durch den Ort oder gar zum dortigen Winzerverein wollte, hatte verkehrstechnisch sicherlich ein kleines Problem, denn von der Kellerei bis in die Dorfmitte standen Winzer mit ihren Trauben in einer Schlange und warteten, bis sie ihr wertvolles Gut abladen konnten – frisch gelesene Trauben. Das dauerte zum Teil über eine Stunde.

Video: Jäckle, Reiner

In der Kellerei wird währenddessen im 24-Stunden-Schichtbetrieb und wie am Fließband gearbeitet. Die Winzer laden ihre riesigen Kisten ab, dann werden die Trauben geprüft, der Oechslegrad wird gemessen und in drei Kategorien eingeteilt.

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„Das Material ist dieses Jahr unglaublich gut“, erklärt Tobias Keck, Geschäftsführer des Hagnauer Winzervereins – übrigens der älteste in ganz Baden. „Wir haben so gut wie keine Fäulnis, sodass wir keine Vorlese benötigen, sondern alles herunterschneiden können.“ Deshalb bilde sich auch ein so langer Stau durch das Dorf.

Das Herzstück der Verabreitung: die vollautomatische Steuerung. Der Geschäftsführer des Winzervereins Hagnau, Tobias Keck (rechts), zeigt, wie von hier aus die verschiedenen Pressen gefüllt werden können.
Das Herzstück der Verabreitung: die vollautomatische Steuerung. Der Geschäftsführer des Winzervereins Hagnau, Tobias Keck (rechts), zeigt, wie von hier aus die verschiedenen Pressen gefüllt werden können. | Bild: Jäckle, Reiner

Heiße Sommer, goldener Herbst

An einem Tag werden hier bis zu 200 000 Kilogramm Trauben angeliefert. Diese müssen dann sofort verarbeitet werden, damit kein Aroma verloren geht. Wenn Tobias Keck durch den Keller läuft und die vielen bereits gefüllten Tanks begutachtet, schüttelt er immer wieder den Kopf und schmunzelt: „Es ist unglaublich, fast in jedem Tank ist Wein mit einem Oechslegrad von etwa 100.“ Diese Qualität kommt nur ganz selten vor. Grund dafür sind der heiße Sommer und der goldene Herbst. Hinzu komme, erklärt Keck, dass die Weinlese so früh wie selten ist. „Wir sind dieses Jahr wohl bereits Anfang Oktober fertig. Zu diesem Zeitpunkt geht es meistens erst richtig los.“

Die Verarbeitungsstrecke bei der Trauben-Anlieferung beim Winzerverein Hagnau (von links): Die Trauben werden in Kisten angeliefert. Danach werden sie geprüft, der Oechslegrad gemessen und in drei Qualitäten eingeteilt. Anschließend werden sie zur Verarbeitung ausgekippt und die Kisten verlassen das Gebäude wieder zur Vollautomatischen Reinigung.
Die Verarbeitungsstrecke bei der Trauben-Anlieferung beim Winzerverein Hagnau (von links): Die Trauben werden in Kisten angeliefert. Danach werden sie geprüft, der Oechslegrad gemessen und in drei Qualitäten eingeteilt. Anschließend werden sie zur Verarbeitung ausgekippt und die Kisten verlassen das Gebäude wieder zur Vollautomatischen Reinigung. | Bild: Jäckle, Reiner

Wenn die Trauben in der Kellerei getestet und zugeordnet sind, gehen sie sofort in die Verarbeitung. Kiste um Kiste verschwindet in den Leitungen, die sich scheinbar kilometerlang durch das Gebäude schlängeln. „Alles kann mit dem Computer angesteuert werden“, erklärt der Geschäftsführer. „Die Trauben werden von den Stengeln entfernt und in drei verschiedene Pressen gepumpt.“ Der Hagnauer Winzerverein hat fünf davon. Drei Mal mit 15 000 Liter Volumen, eine mit 10 000 Liter und eine mit 5000 Liter. „Momentan sind alle im Einsatz“, sagt Tobias Keck.

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Der gepresste Traubensaft fließt umgehend in einen vorbereiteten Tank, in dem er etwa zehn Tage gären kann.

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Danach wird der vergorene Saft umgelagert und in einen weiteren Tank gepumpt, um dort mehrere Monate zu lagern.

Hier lagern verschiedene Rotweine in den Tanks und vergären.
Hier lagern verschiedene Rotweine in den Tanks und vergären. | Bild: Jäckle, Reiner
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Wenn der Wein gebraucht wird, steht die Veredelung an, dann geht es durch eine Filtrieranlage direkt in die Abfüllhalle, in der eine große Maschine den Wein direkt in die Flaschen abfüllt.

Das Grinsen des Kellermeisters

Die Hagnauer rechnen dieses Jahr mit bis zu 1,5 Millionen Kilo Trauben. Im Verein sind 60 Winzer organisiert, die insgesamt 165 Hektar Rebland bewirtschaften. Immer wieder ist auch Kellermeister Jochen Sahler zu sehen. Er überwacht das Ganze und ist der Weinmacher im Winzerverein Hagnau. Natürlich lässt er sich nicht in die Karten schauen, was die Feinabstimmung der jeweiligen Weine angeht. Dennoch ist nicht zu übersehen, dass der Jahrgang 2018 ein gigantischer werden wird, denn sein Grinsen, mit dem er durch den Keller läuft, ist etwas breiter als gewöhnlich.

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Mittlerweile ist es draußen schon dunkel geworden. Dennoch stehen die Winzer immer noch Schlange. „Die Rebenannahme ist jeden Tag unterschiedlich“, sagt Tobias Keck. „Es kann aber schon sein, dass es mal bis zu 23 Uhr wird, bis der Letzte abgeladen hat.“ Die Winzer nehmen übrigens die Kisten gleich wieder mit, denn nach dem Abladen, der Kontrolle und dem Ausschütten, werden sie automatisch auf einem Band weitergeleitet, automatisch ausgespült und sofort wieder aufgeladen. „Die Reinigungsstrecke ist dieses Jahr ganz neu“, berichtet der Geschäftsführer stolz. Damit können die Winzer direkt wieder in den Weinberg fahren und weiter lesen.

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Wie gut der Wein nun wirklich wird, lässt sich noch nicht genau abschätzen. Dass es aber ein extrem guter Jahrgang sein wird, das steht jetzt schon fest. Außerdem ist der 2018er Jahrgang nicht nur in der Qualität, sondern auch in der Quantität außerordentlich. Deshalb wird das Tankvolumen von 3,3 Millionen Litern im Hagnauer Winzerkeller auch benötigt. Wann es den ersten Wein geben wird, ist ebenfalls noch nicht klar. Aber spätestens zum traditionellen Winzertrunk kann der 2018er Jahrgang genossen werden.

Emil Schaudt passt auf, ob irgendwo Vögel in die Trauben einfallen. Doch bei so einem Traumwetter genießt er auch die schöne Aussicht.
Emil Schaudt passt auf, ob irgendwo Vögel in die Trauben einfallen. Doch bei so einem Traumwetter genießt er auch die schöne Aussicht. | Bild: Uwe Petersen

Besuch im Traubenwachturm: Mit Schreckschuss und anderem Krach gegen hungrige Vögel

Vom Traubenwachturm aus beobachten Winzer die Rebhänge. Wenn Vogelschwärme in die Reben einfallen, ist die Antwort vor allem meist eines: laut.

Fröhlich ruft Emil Schaudt hinunter: "Kommen Sie rauf, ich mach die Klappe auf." Eine steile Holzleiter führt in die Kabine des Hagnauer Traubenwachturmes, von dem aus man die westlichen Rebhänge des Winzervereines überblickt. "Da können wir sehen, wann Vogelschwärme in die Reben einfallen und wie groß sie sind", erklärt Schaudt. Dann muss er reagieren. "Normalerweise habe ich hier einen Verstärker. Mit dem kann ich Krach machen – lauter Geräusche, die für Stare unangenehm oder erschreckend sind." Kreischende Bremsen von Zügen, startende Flugzeuge und die Rufe der natürlichen Feinde wie Adler oder Bussard.

Doch heute bleiben die Töne weg und Schaudt verscheucht die Vögel auf die herkömmliche Weise mit einer Schreckschusspistole. "Wenn wir alle Hänge beschallen wollen, müssen wir viele Kilometer Kabel verlegen, um die Lautsprecher zu erreichen", erklärt Karl Megerle – Vorstand des Winzervereins – das System. "In diesem Jahr kommen die Vögel erst jetzt, wo wir unsere Trauben fast alle geerntet haben. Da lohnt sich das nicht mehr." Auch der behelfsmäßige Turm auf den Osthängen wurde diesmal nicht aufgebaut. Stattdessen gehen Winzer dort zu Fuß durch die Reben.

Warum dieser Aufwand? "Wenn hier große Schwärme einfallen, sind die Trauben ganz schnell kaputt." Ein Allheilmittel ist das aber auch nicht. "Natürlich gehen die dann erstmal in einen anderen Hang. Wenn sie dort auch verscheucht werden, fliegen sie – wenn wir Glück haben – weiter. Manchmal sind sie aber auch so hungrig, dass sie sich nicht verscheuchen lassen." Doch insgesamt rentiert sich das System. "Und es muss sich ja nicht jeder Winzer selbst drum kümmern, wenn wir diesen Dienst für alle einrichten."

Der Dienst auf dem Turm wird vor allem von Rentnern geleistet. Von 7.30 Uhr bis 18.30 Uhr werden zwei Schichten à fünfeinhalb Stunden gewacht. "Ich bin jetzt 75", erzählt Schaudt. "Ich bin vor allem gerne an der frischen Luft, in meinem Garten oder eben hier auf dem Turm. Bei so einem Wetter wie heute ist das traumhaft. Man sieht die Alpen, den See und hat einen Blick über ganz Hagnau."

Uwe Petersen

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