Ins Homeoffice oder zur Mathestunde im Kinderzimmer muss niemand fahren. Der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV), so schilderte es Bernd Hasenfratz jüngst bei einem Pressegespräch, gehöre zu den Bereichen, die die Corona-Krise besonders heftig trifft. Er ist Prokurist beim Verkehrsverbund Bodensee-Oberschwaben (Bodo). „Unsere Branche kann man nicht einfach anknipsen und es läuft wieder.“ Vor Corona habe der ÖPNV in der Region eine kleine Hochphase erlebt, sagte Hasenfratz. Der oder zumindest ein Grund dafür nach seiner Einschätzung: die Klimaschutz-Debatte.

Das Vor-Corona-Hoch in Zahlen

Anhand einiger Zahlen des Häfler Stadtverkehrs lässt sich dieses Vor-Corona-Hoch gut nachzeichnen: „2019 hatten wir ein Rekordjahr mit rund 4,1 Millionen Fahrgästen. Damit haben wir erstmals in unserer Firmengeschichte die Marke von 4 Millionen Fahrgästen überschritten“, teilt Sprecher Stephan Senftleben auf SÜDKURIER-Anfrage mit. 2018 seien 3,95 Millionen Fahrgäste in den Stadtbussen verzeichnet worden. „Wir sehen, dass mit unseren stetig erweiterten Angeboten insbesondere Berufspendler im Sinne des Klimaschutzgedankens verstärkt auf unsere Busse umsteigen“, so Senftleben.

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„Die Fahrgastzahlen beim Katamaran waren vor Corona gut“, teilt auch Susi Mikulic, Sprecherin der Katamaran-Reederei auf Anfrage mit. Eine Tendenz, die auf die Klimaschutz-Debatte zurückführt, lasse sich bei den Entwicklungen allerdings nicht erkennen. „Wenn wir uns die vergangenen Jahre anschauen, war die Fahrgastentwicklung im Januar gut, im Februar im Durchschnitt“, so Mikulic. „Unserer Erfahrung nach spielen die Wetterbedingungen und Wirtschaftslage eine sehr viel stärkere Rolle bei der Fahrgastentwicklung.“

Einbruch der Fahrgastzahlen um bis zu 98 Prozent

Ab Mitte März spielten in der Hinsicht ohnehin weder Klimaschutzgedanken, noch das Wetter weiter eine erwähnenswerte Rolle. Reihum wurden Fahrpläne drastisch reduziert, nur noch wenige Fahrgäste stiegen zu. Vor der Corona-Krise wurden Stephan Senftleben zufolge pro Tag durchschnittlich 13 000 Menschen in den Häfler Stadtbussen befördert, während der Corona-Hochphase nur noch etwa 2000. „Seit dem Lockdown Mitte März bis Ende April hatten wir einen Einbruch bei den Fahrgastzahlen von 98 Prozent“, schildert Susi Mikulic.

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Seit Anfang Mai steigen die Fahrgastzahlen sowohl in den Stadtbussen als auch auf der Seeverbindung zwischen Friedrichshafen und Konstanz wieder. „Dennoch: Mit einer um 50 Prozent reduzierten Fahrgastkapazität rechnen wir 2020 mit einen enormen Rückgang der Fahrgastzahlen und einem entsprechend hohen Defizit“, so Mikulic. Die Reduktion auf maximal 70 Fahrgäste pro Überfahrt ist der Einhaltung des Mindestabstandes an Bord der Katamarane geschuldet.

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OB Andreas Brand setzt sich im Mai für ÖPNV-Rettungsschirm ein

„Insgesamt sind die Erlöse drastisch um bis zu 90 Prozent pro Monat zurückgegangen“, schrieb Oberbürgermeister Andreas Brand laut Mitteilung der Stadtverwaltung Mitte Mai in einem Brief an Verkehrsminister Winfried Hermann. Selbst unter günstigen Annahmen betrage der Einnahmeausfall für den Stadtverkehr allein in diesem Jahr mindestens 1 Million Euro. Damit würde sich, so Brand, ein Defizit für die kommunale Verkehrsgesellschaft von voraussichtlich 3,5 bis 4 Millionen Euro ergeben.

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„Der Stadtverkehr Friedrichshafen und auch unsere weiteren kommunal getragenen ÖPNV-Gesellschaften, die Bodensee-Oberschwaben-Bahn und die Katamaran-Reederei Bodensee, sind wie andere Verkehrsgesellschaften jetzt dringend auf einen gut ausgestatteten Rettungsschirm für den Nahverkehr angewiesen“, appellierte der OB. Sonst könnten die enormen Aufgaben zur Stabilisierung und Weiterentwicklung des ÖPNV auch und vor allem im Interesse des Klimaschutzes auf absehbare Zeit nicht gemeistert werden.

Finanzielle Hilfen für den ÖPNV stehen inzwischen in Aussicht. Parallel gibt es eine weitere Herausforderung. „Das Vertrauen muss wiedergewonnen werden“, beschrieb Bernd Hasenfratz. Für die Sicherheit der Fahrgäste wird jedenfalls einiges unternommen.

Und was das Vertrauen unter Fahrgästen anbelangt: „Trotz allerhand Einschränkungen empfinden wir die Stimmung an Bord als entspannt“, beschreibt Susi Mikulic. „Verständnis und Rücksicht sind allgegenwärtig und unterstützen uns in der Einhaltung der Hygieneregeln.“

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