Es ist dieser eine Moment, direkt nach dem ersten Klingeln, der kribbelt. Wenn Regina Raaf nicht weiß, welche Geschichte sie erwartet, ob sie es schafft, während ihrer Schicht bei der Telefonseelsorge genug Vertrauen aufzubauen. Und ob ihr Gegenüber wirklich etwas sagt. Denn: Manchmal hört Raaf nur ein leises Atmen, ein Schweigen am Ende der Leitung.

Seit neun Jahren arbeitet Regina Raaf bei der Telefonseelsorge Oberschwaben-Allgäu-Bodensee. Getragen wird die Einrichtung, die ihren Sitz in Ravensburg hat, von der katholischen und evangelischen Kirche und von Landkreisen und Städten wie Friedrichshafen, Ravensburg, dem Bodenseekreis und Sigmaringen. Raaf coacht Ehrenamtliche, gibt ihnen Rückhalt, übernimmt aber auch selbst Seelsorge-Schichten. Und weiß: „Jeder Anruf ist anders.“

Mit Corona stieg die Anrufrate um 20 Prozent

Da ist eine Schülerin, deren Mutter gestorben ist. Ein älterer Mann, der sich einsam und eine Frau, die sich ganz und gar verloren fühlt, von ihrem Partner wurde sie geschlagen, hielt die Gewalt nicht mehr aus. Mit ihr spricht Raaf ein Gebet

Bild: Ute Schönlein

Es fallen aufmunternde, tröstende Worte. Manchmal ganz beiläufig. Nur Ratschläge will Raaf nicht geben. Denn „Telefonseelsorge ist kein Beratungsangebot. Und auch keine Therapie“, der Unterschied ist ihr wichtig. Raaf will für die Anrufer einfach nur da sein.

Als Corona kam, stieg die Anrufrate um 20 Prozent. Es ging um das Virus. Die Angst vor Ansteckung. Um Existenzängste und Einsamkeit. „Aber das konnte ich gut nachvollziehen“, sagt Raaf. Auch für sie war die Einrichtung eine Anlaufstelle in dieser Zeit.

Die Telefonseelsorge, und auch der angegliederte Chat und die Mailseelsorge, sind immer besetzt. „Vierundzwanzig sieben“, sagt Raaf. Spätabends und nachts, wenn die Ängste größer, die Lebensfragen schneller da sind, ist eine zweite Leitung besetzt. Doch immer bleibt alles anonym. Es gibt keine Fangschaltung: „Anrufe kann man nicht zurückverfolgen“, sagt Gabriela Piber, die Leiterin der Telefonseelsorge. Die Adresse der Seelsorgeeinrichtung ist – aus Sicherheitsgründen – geheim. Und am Telefon nennt niemand – auch Raaf und Piber nicht – seinen echten Namen. Für die Anrufer soll es ein niederschwelliges Angebot sein. „Die Anonymität ist oft ein Türöffner“, sagt Piber. „Und für die Mitarbeiter ist es ein Schutzraum.“

Jugendliche nutzen verstärkt die Mailseelsorge

Rund 12 300 mal pro Jahr klingelt im Durchschnitt das Telefon. Zieht man die Schweigeanrufe und Verwähler ab, bleiben rund 9700 Gespräche „Und das ist nur eins unserer Standbeine“, sagt Piber. Auch im Chat und per Mail ist die Seelsorge erreichbar und führte im letzten Jahr 348 Gespräche per Mail und 245 im Chat.

In der Corona-Krise gibt es für die Telefonseelsorge mehr zu tun.
In der Corona-Krise gibt es für die Telefonseelsorge mehr zu tun. | Bild: Uli Deck/dpa

Auffällig sei, dass es vor allem Jugendliche, zwischen 15 und 19 Jahren sind, die sich per Mail an die Seelsorge wenden. Und junge Erwachsene, zwischen 20 -29 , die den Chat aufsuchen. Und dass bei ihnen viel häufiger die Themen Depression und Suizid eine Rolle spielen, als bei den deutlich älteren – meist über 50 -Jährigen – Anrufern am Telefon.

Auch in ihrem Leben hat die Arbeit Spuren hinterlassen, sagt Raaf. Sie sei ruhiger geworden. Dankbarer für die kleinen Momente. Und wenn ein Gespräch sie doch mal mitnimmt, geht sie zur Supervision. „Und dann haben wir so ein Ritual“ Die Stabübergabe, wie Raaf es nennt. Von einer Schicht zur anderen erzählen sich die Mitarbeiter von den Gesprächen am Telefon. „So stützen und begleiten wir uns gegenseitig.“

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