675 Euro kalt für 125 Quadratmeter Wohnfläche: Dieser Mietpreis ist nahezu unschlagbar. Andreas Gramlich weiß, dass er mit 5,40 Euro pro Quadratmeter in Friedrichshafen sehr gut bedient ist. Selbst das Doppelte wäre für Häfler Verhältnisse noch moderat. Bezahlen könnte er seine Wohnung als Alleinstehender mit zwei Kindern dann aber nicht mehr, sagt er.

Die Wohnung von Andreas Gramlich in der Hebelstraße verfügt über 125 Quadratmeter – und Parkettboden wie fast alle Wohnungen im Quartier der früheren „Franzosenwohnungen“.
Die Wohnung von Andreas Gramlich in der Hebelstraße verfügt über 125 Quadratmeter – und Parkettboden wie fast alle Wohnungen im Quartier der früheren „Franzosenwohnungen“. | Bild: Cuko, Katy

Seit anderthalb Jahren wohnt er in der Hebelstraße 46 in Friedrichshafen, einem der ältesten der 16 Häuser in der „Franzosensiedlung„. Die Gebäude hier wurden in der Nachkriegszeit für die Familien der französischen Streitkräfte gebaut, die in Friedrichshafen stationiert waren: Massive Bauten, Parkettboden, große und gut ausgestattete Wohnungen mit meistens mehr als 100 Quadratmeter Fläche. Viel Luft und Grün mit großen Bäumen in den Höfen und zwischen den Bauten. Und sie alle werden mit Nahwärme aus Erdgas versorgt, die aus dem flachen Heizhaus an der Ekkehardstraße in die Häuser gebracht wird.

Reif für den Abriss? Eigentümer der Mehrfamilienhäuser im Areal Ekkehardstraße ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Die 16 Häuser hier sollen Neubauten weichen.
Reif für den Abriss? Eigentümer der Mehrfamilienhäuser im Areal Ekkehardstraße ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Die 16 Häuser hier sollen Neubauten weichen. | Bild: Cuko, Katy
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Andreas Gramlich ist in der Nachbarschaft groß geworden, kennt viele Bewohner seit den Kindertagen und ist inzwischen ihr Sprecher. „Das Quartier ist gut durchmischt, die sozialen Strukturen sind über Jahrzehnte gewachsen. Hier wohnt Alt neben Jung, Arm neben Reich, hier ist einer für den Anderen da“, sagt er. Die Leute leben gern hier, erzählt er am Küchentisch sitzend.

115 Unterschriften gegen die Abrisspläne gesammelt

Für die meisten kam die Ankündigung, dass ihr Vermieter die Häuser im Quartier abreißen und neu bebauen will, wie ein Schlag ins Gesicht. Keine zwei Tage hat Andreas Gramlich mit ein paar Mitstreitern gebraucht, um 115 Unterschriften bei den Mietern einzusammeln, die sich gegen diese Pläne wehren wollen. Am 4. Februar wollen sie die Listen im Rathaus beim Oberbürgermeister abgeben.

Zwischen Ekkehardstraße und Notkerweg ist eine große Wiese mit Bäumen, die der BImA gehört. Viel Platz für Neubauten, wenn es denn unbedingt sein muss und die anderen Häuser stehen bleiben können, sagen die Anwohner der Siedlung.
Zwischen Ekkehardstraße und Notkerweg ist eine große Wiese mit Bäumen, die der BImA gehört. Viel Platz für Neubauten, wenn es denn unbedingt sein muss und die anderen Häuser stehen bleiben können, sagen die Anwohner der Siedlung. | Bild: Cuko, Katy

Sie verstehen nicht, warum die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), ihr Vermieter, sämtliche Häuser abreißen will, obwohl keines abrissreif sei. Allenfalls gebe es hier und da „einen leichten Sanierungsbedarf“, sagt Andreas Gramlich. „Das sind stabile Häuser, so baut heute keiner mehr.“ Die Franzosensiedlung sei ein Quartier, „wie es die Stadt anderswo gern hätte“, meint er.

Abrisspläne in der Ratssitzung

Erst vor fünf Jahren wurde Lars Scheiders Wohnung in der Ekkehardstraße war sie von der BImA modernisiert. Das Bad ist faktisch neu und modern.
Erst vor fünf Jahren wurde Lars Scheiders Wohnung in der Ekkehardstraße war sie von der BImA modernisiert. Das Bad ist faktisch neu und modern. | Bild: Cuko, Katy

780 Euro warm für 113 Quadratmeter Wohnfläche: Lars Scheider hatte Glück, als er vor fünf Jahren mit seinen beiden Mädchen in die Wohnung in der Ekkehardstraße ziehen konnte – zu diesem Preis. Denn sie war von der BImA gerade frisch modernisiert worden. „Andere Mieter zahlen rund 200 Euro mehr für ihre erneuerte Wohnung. Aber 8 Euro warm pro Quadratmeter sind immer noch unschlagbar“, erzählt er – und zeigt gern, wie schön er wohnt. Bad, WC und Küche sind modern gefliest und neu ausgestattet. Der Parkettboden wurde abgeschliffen und neu versiegelt, Türen und Wände neu gestrichen.

Der Wohnung sehe man überhaupt nicht an, dass sie schon fast 70 Jahre bewohnt wird, so solide ist die Substanz, sagt Lars Scheider.
Der Wohnung sehe man überhaupt nicht an, dass sie schon fast 70 Jahre bewohnt wird, so solide ist die Substanz, sagt Lars Scheider. | Bild: Cuko, Katy

„Das sind doch keine Abrissbuden“, sagt Lars Scheider. Erst vor zwei Jahre habe sein Nachbar im ersten Obergeschoss, der im Rollstuhl sitzt, mit Erlaubnis der BImA und einem hohen Eigenanteil einen Treppenlift bis in den Keller einbauen lassen, damit er hier wohnen bleiben kann.

In 23 Jahren viel Geld in die Wohnung gesteckt

„Ich kann nachts schon kaum mehr schlafen, das Ganze macht mich richtig fertig“, sagt Gabi Loth. Sie wohnt ein Stockwerk höher, schon seit 23 Jahren. Die beiden Töchter sind inzwischen erwachsen und gehen arbeiten. Für eine eigene Wohnung reicht das Geld aber nicht. Bis auf die Erneuerung der Elektrokabel habe sie in der Wohnung über die Jahre alles selbst gerichtet, erzählt sie. Die ist modern gestaltet und sehr gepflegt. „Was ich sparen konnte, habe ich in die Wohnung gestreckt. Soll das alles futsch sein?“, fragt Gabi Loth.

Parkettboden selbst in der Küche: Gabi Loth hat jedes Zimmer ihrer Wohnung über die Jahre selbst aufwändig renoviert.
Parkettboden selbst in der Küche: Gabi Loth hat jedes Zimmer ihrer Wohnung über die Jahre selbst aufwändig renoviert. | Bild: Cuko, Katy

So richtig verstehen können alle drei Bewohner der Siedlung nicht, warum die BImA hier alles platt machen will, um neu zu bauen. Sie verweisen auf die Häuser in der Nachbarschaft, wo andere Eigentümer vorgemacht haben, wie man selbst alte Häuser mit guter Substanz modernisieren kann. So wie die Städtische Wohnungsbaugesellschaft, die in der Ehlersstraße fünf Blocks nicht nur energetisch modernisiert, sondern auch Balkone angebaut hat.

Nachverdichtung und Modernisierung im Bestand: Die Zeppelin Wohlfahrt hat drei Mehrfamilienhäuser in der Schwabstraße um ein Geschoss aufgestockt und auch Aufzüge nachgerüstet.
Nachverdichtung und Modernisierung im Bestand: Die Zeppelin Wohlfahrt hat drei Mehrfamilienhäuser in der Schwabstraße um ein Geschoss aufgestockt und auch Aufzüge nachgerüstet. | Bild: Cuko, Katy

Oder in der Freiligrathstraße: Bei den drei Mehrfamilienhäusern packte die Zeppelin-Wohlfahrt als Eigentümer jeweils einen vierten Stock drauf und schuf so 18 zusätzliche Mietwohnungen. Die Häuser sind ebenfalls energetisch modernisiert, haben nun auch einen Aufzug und sehen fast wie neu aus.

Zwischen Ekkehardstraße und Notkerweg ist eine große Wiese mit Bäumen, die der BImA gehört. Viel Platz für Neubauten, wenn es denn unbedingt sein muss und die anderen Häuser stehen bleiben können, sagen die Anwohner der Siedlung.
Zwischen Ekkehardstraße und Notkerweg ist eine große Wiese mit Bäumen, die der BImA gehört. Viel Platz für Neubauten, wenn es denn unbedingt sein muss und die anderen Häuser stehen bleiben können, sagen die Anwohner der Siedlung. | Bild: Cuko, Katy

Aufstocken, Sanieren und auf der großen Wiese zwischen Ekkehardstraße und Notkerweg vielleicht auch neu bauen: „Wäre das nicht der bessere Weg“, fragt Andreas Gramlich. Dass sie dann künftig mehr Miete bezahlen müssten, wäre schon klar. Aber der Anstieg wäre moderater. „Und keiner verliert sein Zuhause“, ergänzt Lars Scheider.