Mit Aktivkohle werden Hormone, Pestizide und Medikamentenrückstände aus unserem Abwasser gefiltert. Beim Zweckverband Abwasserreinigung Kressbronn-Langenargen geschieht das bereits seit 2011 in einer vierten Klärstufe, nachdem das Seenforschungsinstitut eine Verweiblichung der Fische durch Hormonrückstände im Bodensee festgestellt hatte. Damit hat die Kläranlage in Kressbronn als erste in Baden-Württemberg Spurenstoffe entfernt.

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Nachfrage und Preise für importierte Aktivkohle steigen

Die Aktivkohle dafür musste bisher allerdings größtenteils aus China importiert werden. „Sie ist fossilen Ursprungs, über die ökologisch und soziale Nachhaltigkeit gibt es keine Auskunft, weil sich die Hersteller nicht in die Karten schauen lassen“, sagt Andreas Ziermann von der Bodensee-Stiftung. Nachfrage und Preise steigen zudem, weil es immer mehr ältere Menschen gibt, die immer länger Medikamente nehmen.

„Das CoAct-Projekt am Bodensee durchzuführen, Europas größtem Trinkwasserspeicher, hat eine besondere Bedeutung für uns“, ...
„Das CoAct-Projekt am Bodensee durchzuführen, Europas größtem Trinkwasserspeicher, hat eine besondere Bedeutung für uns“, sagt Volker Komrey, Geschäftsführer der Bodensee-Stiftung. | Bild: Bodensee-Stiftung

Hier kommt das ForschungsprojektCoAct ins Spiel. Ziel des vom Bundesministerium für Forschung und Bildung geförderten Projekts ist es, die Aktivkohle vor Ort herstellen zu können. Unter der Projektleitung der Universität Kassel und in Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern hat die Bodensee-Stiftung geeignete Aktivkohle aus Restbiomasse entwickelt, die regional generiert werden kann. Nun steht die seit 2018 laufende Forschungs- und Entwicklungsphase vor dem Praxistest.

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Projekt setzt auf vor Ort produzierte Aktivkohle

Im Ergebnis hat sich gezeigt, dass es die CoAct-Aktivkohle in Sachen Wirksamkeit mit handelsüblichen Aktivkohlen durchaus aufnehmen kann. Der bei der Herstellung gewonnene energiereiche Presssaft kann zudem in Biogasanlagen in regenerative Energie gewandelt werden, was zusätzlich ein nachhaltiger Beitrag zum Ausbau der erneuerbaren Energien leistet, denn die Aktivkohleproduktion soll direkt auf dem Gelände der Kläranlage Kressbronn stattfinden. Biomasse ist in der Region das ganze Jahr über verfügbar und der Pyrolyse-Ofen passt in einen Überseecontainer.

Im Frühjahr 2023 soll in der Kläranlage Kressbronn erstmals mit einer gemieteten mobilen Anlage solche Aktivkohle aus lokaler Restbiomasse hergestellt und im Praxisversuch über mehrere Monate getestet werden. Betriebsleiter Alexander Müller ist zuversichtlich, dass der Betrieb der vierten Klärstufe mit CoAct-Aktivkohle funktionieren wird. „Es ist ein langer Weg und wir müssen noch viel tüfteln, aber es ist wichtig, dass man etwas tut“, sagt er. Denn dass die Preise steigen, ist für ihn absehbar.

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Zwei Anlagen im Bodenseekreis denkbar

„Das CoAct-Projekt am Bodensee durchzuführen, Europas größtem Trinkwasserspeicher, hat eine besondere Bedeutung für uns“, sagt Volker Komrey, Projektleiter und Geschäftsführer der Bodensee-Stiftung. Bestätigen sich die Laborergebnisse auch im Praxistest, könnten zwei Anlagen im Bodenseekreis realisiert werden und die Ergebnisse wären übertragbar auf andere Regionen in Deutschland.

Um bestehende Infrastruktur und mögliche Synergieeffekte zu nutzen, bietet sich als Standort neben der Kläranlage Kressbronn auch das Entsorgungszentrum Weiherberg bei Friedrichshafen-Raderach an. „Die Gemeinden Kressbronn und Langenargen stehen dem Projekt schon jetzt sehr positiv gegenüber“, sagt Projektmanager Andreas Ziermann. Rohstoffzyklen regional zu denken und sich so von importierter Aktivkohle unabhängig zu machen, begeistere die Bürgermeister beider Gemeinden.