Sven van Elsacker steht auf dem Romanshorner Platz: Der 40-Jährige trägt Laufschuhe, Sportsocken und eine Sonnenbrille – er könnte sofort loswandern. Dabei geht es heute nur einige hundert Meter die östliche Uferstraße entlang. Normalerweise wandert der gebürtige Häfler entweder 30, 55 oder 60 Kilometer an einem Tag. Ende Mai stehen sogar 100 Kilometer auf dem Programm. Denn van Elsacker ist Extremwanderer – er nimmt an organisierten Mammutmärschen teil.

Mammutmärsche: Bis zu 100 Kilometer an einem Tag

Diese Wandertouren finden auf festgelegten Routen statt. Manche sind bis zu 100 Kilometer lang – „die Königsklasse“, wie Sven van Elsacker sagt. Die Strecken werden per GPS angezeigt und müssen am Stück gelaufen werden. Für die 100 Kilometer haben die Läufer zum Beispiel 24 Stunden Zeit. Auf die Geschwindigkeit kommt es dabei aber nicht an, in regelmäßigen Abständen stehen Versorgungsposten und Sanitäter bereit.

Sven van Elsacker beim 55 Kilometer langen Mammutmarsch im Ruhrgebiet.
Sven van Elsacker beim 55 Kilometer langen Mammutmarsch im Ruhrgebiet. | Bild: Sven van Elsacker

„Extremwandern ist Bewegung ohne Wettkampf. Es geht um das Gemeinschaftserlebnis und den Spaß daran, über die eigenen Grenzen zu gehen. Die Zeit ist egal“, berichtet van Elsacker. Beim Spaziergang entlang des Bodenseeufers legt der 40-Jährige, der bereits die 30-Kilometer-Tour in München, 55 Kilometer im Ruhrgebiet und 60 Kilometer in Hamburg gelaufen ist, dennoch ein ordentliches Tempo vor.

Corona-Beschränkungen? „Ich wollte raus ins Freie“

Dass Sven van Elsacker an den Märschen überhaupt teilnimmt, ist nicht selbstverständlich. Zwar hat der 40-Jährige in seiner Jugend einige Jahre Fußball gespielt. Doch zwischenzeitlich sei er ziemlich unsportlich gewesen. „Ich war in keiner besonders guten Form, hatte ein paar Kilo mehr als jetzt“, beschreibt er. Doch vor etwa drei Jahren habe bei ihm ein Umdenken stattgefunden. Inzwischen, so van Elsacker, laufe er täglich. Am Wochenende sogar zehn bis 20 Kilometer.

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Wie es dazu kam? Van Elsacker sagt: „Ich habe einen großen Freundeskreis, bin sehr kontaktfreudig.“ Während der Corona-Einschränkungen seien größere Treffen aber nicht mehr möglich gewesen. „Darum sind wir immer wieder zu zweit spazieren gegangen – teilweise drei bis vier Stunden. Ich wollte einfach raus ins Freie“, erinnert er sich an seine ersten Schritte beim Wandern. Auf YouTube sei er nach einigen Monaten zufällig auf das Extremwandern gestoßen, das ihn sofort begeistert habe.

Was der Mammutläufern Anfängern rät

Sein neues Ziel: Andere Menschen zum Sport zu motivieren. „Ich habe das Gefühl, viele sind in der Corona-Zeit etwas eingestaubt und träge geworden“, erklärt er. Das wolle er ändern. Doch wie wird man von der faulen Couch-Potato zum Extremwanderer?

„Es klingt simpel, aber: Einfach machen, loslegen, keine Ausreden suchen. Laufen kann jeder, der zwei Beine hat. Man braucht keine Ausrüstung, kein Geld, man kann einfach raus in Grüne und sich bewegen“, sagt van Elsacker. Viele Menschen würden immer Ausreden finden – mal sei es das Wetter, mal habe man nicht die passenden Schuhe. „Aber bewegen kann man sich auch in normalen Schuhen.“

Extremwanderer Sven van Elsacker läuft auch im Alltag viele Strecken.
Extremwanderer Sven van Elsacker läuft auch im Alltag viele Strecken. | Bild: Mario Wössner

Wenn man unterwegs ist, müsse man in kleinen Schritten denken. „Ich setze immer Etappen von je zehn Kilometern“, erklärt er. Nach 40 oder 50 Kilometern kommen dann zwar die ersten Blasen, die Waden zwicken und die Oberschenkel krampfen. „Aber dann geht es um das richtige Mindset. Der Kopf ist entscheidend. Einfach weiterlaufen.“ Man müsse sich schon beim Start klarmachen, sich von solchen Kleinigkeiten nicht aufhalten zu lassen.

Und schon bald würden einen dann die ersten Erfolge weiter antreiben. „Ich habe schon nach kurzer Zeit gemerkt, dass ich fitter werde und abnehme. Das hat mich motiviert, weiterzumachen“, beschreibt er. Zudem treibt van Elsacker das Gefühl an, das er am Ende eines Laufes spürt: „Diese Mischung aus totaler Erschöpfung und einem überwältigenden Glücksgefühl, dass man sein Limit ausgetestet und mehr geschafft hat, als man davor selbst dachte.“

Medaillen-Sammlung: Sven van Elsacker hat in diesem Jahr bereits die Mammutmärsche über 30 Kilometer in München, 55 Kilometer im ...
Medaillen-Sammlung: Sven van Elsacker hat in diesem Jahr bereits die Mammutmärsche über 30 Kilometer in München, 55 Kilometer im Ruhrgebiet und 60 Kilometer in Hamburg erfolgreich absolviert. Nun stehen die 100 Kilometer in Berlin Ende Mai an. | Bild: Sven van Elsacker

Die Herausforderung des Jahres: 100 Kilometer durch Berlin

Die 60 Kilometer zuletzt in Hamburg seien aber auch für ihn eine Extremerfahrung gewesen. „Es war schön, nachts in die beleuchtete Innenstadt einzulaufen. Aber ich war so erschöpft, direkt danach dachte ich: Nie wieder wandern“, erzählt er. Am Tag danach habe er sich dennoch für die 100 Kilometer in Berlin angemeldet. Dort startet van Elsacker nun am 28. Mai. Von Potsdam geht es in die Berliner Innenstadt, vorbei am Brandenburger Tor und wieder zurück nach Potsdam. „Das wird die Herausforderung des Jahres für mich.“

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