Miriam Moll und Nadja Gauß sind beim Landratsamt Bodenseekreis in der Servicestelle Bürgerschaftliches Engagement tätig, sie teilen sich dort eine Stelle. Im Interview erklären sie unter anderem, welchen Einfluss die Corona-Pandemie auf das Ehrenamt hat.

Warum ist bürgerschaftliches Engagement in unserer Gesellschaft so wichtig?

Miriam Moll: Es stärkt den sozialen Zusammenhalt und viele Bereiche wären ohne bürgerschaftliches Engagement gar nicht denkbar. Beispiele findet man in der Nachbarschafts- und Behindertenhilfe. Ohne das vielfältige Engagement der Bürgerinnen und Bürger wäre unsere Gesellschaft um vieles ärmer.

Nadja Gauß: Für jeden einzelnen Ehrenamtlichen ist das Zusammenkommen mit Gleichgesinnten wichtig. Das Engagement von vielen bringt Chancen für alle mit sich. Hierzu braucht es gute Rahmenbedingungen und Partner.

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Hier kommt das Netzwerk Bürgerschaftliches Engagement Bodenseekreis ins Spiel. Was sind seine Aufgaben und wer ist dabei?

Miriam Moll: Es hat mehr als 70 Mitglieder. Das sind Institutionen, Vereine und Initiativen, in erster Linie aus sozialen Bereichen. Hinzu kommen einige Selbsthilfegruppen sowie Gemeinden und Städte und der Landkreis als Dach darüber. Wir informieren, beraten und unterstützen bei allen Fragen rund ums bürgerschaftliche Engagement und sorgen für die Vernetzung. Einmal im Jahr organisieren wir die Vollversammlung. Wir begleiten die verschiedenen Steuerungs- und Arbeitsgruppen und laden zu Sitzungen ein. Corona hat die Präsenztreffen natürlich verhindert und wir haben auf digitale Treffs umgestellt.

Nadja Gauß: In Kooperation mit Bildungsträgern bieten wir ein Fortbildungsprogramm an. Wir stellen die Angebote in einem Heft und online zusammen. Außerdem versenden wir einen monatlichen Newsletter an unsere Mitglieder. Erstmals veranstaltete unser Netzwerk Mitte September eine Engagementwoche mit 40 Veranstaltungen. Neben unseren Aufgaben für das Netzwerk sind wir als Servicestelle auch Ansprechpartner für alle Fachkräfte und Laien in der Arbeit mit bürgerschaftlich Engagierten, die nicht im Netzwerk organisiert sind.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen bürgerschaftlichem Engagement und Ehrenamt?

Miriam Moll: Wir nutzen gerne den Ausdruck bürgerschaftliches Engagement, weil er als Überbegriff alle Formen des freiwilligen Engagements umfasst, auch das klassische, komplett unentgeltliche Ehrenamt, das oft mit der Arbeit in Vereinen oder der Kirchengemeinde verbunden wird.

Wie steht es generell um die Bereitschaft im Bodenseekreis, sich zu engagieren?

Nadja Gauß: Grundsätzlich sind wir im Kreis ganz gut aufgestellt. Immer wieder erreichen uns Mails, in denen Menschen nachfragen, in welchem Bereich sie sich engagieren können. Bald erreichen ja die Baby-Boomer das Rentenalter. Da sehen wir ein großes Potenzial. Aber auch junge Leute engagieren sich zunehmend, vor allem im Bereich Umwelt.

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Welchen Einfluss hatte Corona auf das Ehrenamt?

Miriam Moll: Die digitalen Alternativen konnten die persönlichen Kontakte leider nicht ersetzen. Pandemiebedingt sind viele Engagierte weggebrochen, auch deshalb, weil sie älter sind oder zu einer Risikogruppe gehören. Nun ist die Situation zwar besser geworden, aber einige sind nicht wieder eingestiegen. Leider stirbt ein bisschen was, wenn man Beziehungen aufgrund von Beschränkungen nicht pflegen kann. Für unser Netzwerk haben wir den monatlichen „digitalen Stammtisch“ ins Leben gerufen, um in Kontakt zu bleiben. Wir können uns gut vorstellen, ihn künftig auch in Präsenz an unterschiedlichen Orten im Kreis anzubieten. Der Wunsch der Netzwerkmitglieder ist einfach, sich untereinander auszutauschen.

Nadja Gauß: Gerade durch Corona haben sich aber auch neue Möglichkeiten für ehrenamtliches Engagement ergeben. Dazu zählen die Organisation von Impfterminen, Einkaufsservice und das Telefonprojekt „Offenes Ohr für Senioren“, das aus der Einsamkeit helfen sollte. Nun ist die Herausforderung, für diese Menschen neue Aufgaben zu finden. Aber wer vorzugsweise telefonisch begleitet, möchte nicht unbedingt in einer Einrichtung vor Ort tätig sein.

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Welche Veränderungen gab es unabhängig von Corona in den vergangenen Jahren?

Miriam Moll: Wir stellen fest, dass die Bereitschaft zum langfristigen Engagement eher abnimmt. Gerade die Jüngeren wollen sich projektbezogen und für einen begrenzten Zeitraum einbringen.