Oktay Hastemir war 23 Jahre alt, als er die Diagnose bekam: „Sie haben Multiple Sklerose„, hieß es vom Facharzt. Noch heute, knapp zehn Jahre später, kann sich Hastemir genau an diesen Moment erinnern. „Ich wollte es einfach nicht glauben. So lange habe ich mir ins Bewusstsein geredet, dass ich nichts Schlimmes habe“, erzählt er.

Angefangen hat alles am 3. März 2010. Hastemir wachte am frühen Morgen auf und rannte ins Bad. Er musste sich übergeben. „Es ging schnell. Wahnsinnig schnell. Quasi von heute auf morgen habe ich angefangen zu stottern“, blickt der junge Häfler zurück. Weil ihm die Situation komisch vorkam, machte er sich noch am selben Tag auf den Weg ins Krankenhaus Friedrichshafen.

„Die Schmerzen wurden immer schlimmer“

„Die Schmerzen wurden immer schlimmer“, erzählt Hastemir. Und doch fällt es ihm schwer, das Gefühl von damals zu beschreiben. „Es war wie eine Taubheit, die sich langsam in meinen Beinen ausbreitete, sodass ich immer größere Schwierigkeiten bekam, normal zu laufen.“

Im Krankenhaus bekam der junge Mann vorerst noch keine Diagnose. Er blieb zehn Tage in stationärer Behandlung. Jeden zweiten Tag musste er ein starkes Medikament einnehmen, Kortison. „Ich hatte sehr große Schmerzen“, erinnert sich Hastemir.

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Danach wurde der Häfler ins Krankenhaus nach Ravensburg verlegt. Dort blieb er eine weitere Woche in stationärer Behandlung. Auch danach gab es noch immer keinen Befund. „Mir ging es von Tag zu Tag schlechter. Als ich entlassen wurde, konnte ich mit einem Fuß nur noch auf der Außenkante laufen. Gestottert habe ich weiterhin.“

Über die Krankheit Multiple Sklerose

Für Oktay Hastemir war die Situation unverständlich: „Ich habe mich gefragt, wieso ich nicht endlich eine Diagnose bekomme.“ Schließlich ging er in die Praxis seines Hausarztes und lies sich dort untersuchen. „Mein Arzt hat gleich gesagt, dass es nicht gut aussieht und mich in eine Reha geschickt.“

„Ich habe mir so lange eingeredet, dass es nichts Schlimmes ist“

Erst nach einigen Tagen in der Reha-Klinik erfuhr der junge Mann, dass er an Multipler Sklerose erkrankt war. „Ich konnte es nicht fassen. Ich habe mir so lange eingeredet, dass es nichts Schlimmes ist“, sagt Hastemir und lächelt dabei ein trauriges Lächeln.

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Nach der Diagnose gleich der nächste Schlag für den Häfler: Die Entzündungswerte in seinem Gehirn waren hoch. Er sollte ins Krankenhaus nach Singen verlegt werden. „Ich wurde auf mein Zimmer geschickt, damit ich packen kann. Doch ich konnte nicht. Ich habe mich auf das Bett gesetzt und angefangen zu weinen. Ohne meine Freunde und meine Familie war ich mit der Diagnose ganz allein.“

Oktay Hastemir bekommt seine erste „Blutwäsche“

Einige Tage später hatte Hastemir den ersten Schock überwunden. Er telefonierte fast täglich mit seinen Angehörigen. Mittlerweile im Singener Krankenhaus angekommen, bekam der junge Mann seine erste „Blutwäsche“. Er erklärt den Vorgang in groben Zügen, will nicht viel darüber sagen: „Bei der Plasmapherese wird das kaputte Plasma gefiltert und nach einer Reinigung wieder zugeführt. Das dauert etwa zehn bis 14 Tage. Zwischen jedem Austausch des Blutes liegt ein Tag Pause.“

Während seiner Zeit im Krankenhaus lernte der Mann eine ältere Frau kennen. „Wir trafen uns häufig im Fahrstuhl“, sagt Hastemir und schmunzelt. Dank dieser Dame habe er mit Mut in die Zukunft geblickt und die Hoffnung nie verloren. Denn obwohl die Frau schwer an Krebs erkrankt war, habe sie stets ein Lächeln auf den Lippen gehabt. „Sie war so glücklich und sagte: Ich genieße jeden Tag, als wäre es mein letzter. Seitdem denke ich so wie diese Frau.“

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Nach der Blutwäsche durfte Hastemir wieder nach Hause. Auf Anordnung der Klinik suchte er sich einen Neurologen, bei dem er regelmäßige Termine zur Kontrolle vereinbarte. Beim ersten Termin bekam der Mann ein Medikament, das er ein Jahr lang jeden Tag einnehmen sollte. Zusätzlich musste er regelmäßig zur Kernspintomografie.

Gesundheitlicher Zustand bleibt unverändert

Wochen und Monate zogen vorbei. Der Zustand von Hastemir blieb unverändert. „Immerhin wurde es nicht schlimmer. Und irgendwann dachte ich mir, ich setze das Medikament ab“, erzählt der Mann. Seitdem ist Hastemir regelmäßig bei seinem Arzt, um seinen gesundheitlichen Zustand zu kontrollieren. „Ich habe viele Jahre lang keinen Schub mehr gehabt – ausgenommen mein Rückfall 2019.“

Im vergangenen Jahr sah Hastemir plötzlich doppelt und ging direkt zum Neurologen. „Er hat mir dieselben Tabletten verschrieben, die ich damals abgesetzt habe. Seitdem nehme ich sie wieder und alles ist gut“, erzählt er.

Bild: Mona Lippisch

Hastemir hält trotz allem am Motto der alten Dame fest, die er im Krankenhaus kennenlernte: Jeder Tag wird gelebt, jeder Tag wird genutzt und jeder Tag ist dafür da, um glücklich zu sein. „Denn MS ist eine Krankheit mit 1000 Gesichtern. Sie kann jederzeit ausbrechen, auch noch viel schlimmer als davor.“

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