9.50 Uhr: „Schiff schwimmt auf“. Mitarbeiter der Bodensee-Schiffsbetriebe (BSB), der Stadtwerke Konstanz und alle Zuschauer auf der Mole klatschen. Die umliegenden Fähren und Schiffe begrüßen den Neuankömmling mit Schallsignalen, kleine Signalhörner quäken in allen Frequenzen. Das erste vollelektrisch betriebene Schiff der BSB schwimmt nach einer Bauzeit von neun Monaten vor der Werfthalle in Friedrichshafen in seinem Element.

Stapellauf mit Nebel, Funken und Piraten-Klängen

So überschwänglich wie die Begrüßung, so bühnenreif läuft zuvor der Stapellauf ab. Nebel, Laserstrahlen und sprühenden Funken begleiten die Titelmelodie von „Fluch der Karibik“, die Bässe wummern, als sich um 9.15 das Werfttor öffnet und der beinahe 100 Tonnen schwere Katamaran Heck voraus im Schneckentempo auf dem Schlitten Richtung Hafenbecken rollt.

Video: Anette Bengelsdorf

Das Feuerwehrschiff hat im Westen des Slips bereits Stellung bezogen. „Wir werden den Stapellauf mit zwei Fontänen begleiten“, sagt Karsten Timmerherm und erklärt, warum das Schiff dafür am Steg festgemacht werden muss: Schießen mit einem Druck von acht Bar aus beiden Werfern jeweils 2500 Liter Wasser in der Minute in dieselbe Richtung heraus, dann würde das Schiff sonst durchs Hafenbecken treiben. Großer Aufwand, große Show.

Die Feuerwehr begrüßte das Schiff mit zwei Fontänen.
Die Feuerwehr begrüßte das Schiff mit zwei Fontänen. | Bild: Anette Bengelsdorf

Getauft wird die Elektrofähre am 17. Juli

Die Elektrofähre ist beinahe fertiggestellt, Innenausbau und Mobiliar sind eingebaut. Nachdem klar ist, wie tief sie im Wasser liegt, wird sie zurück in die Werfthalle geschleppt und aufgepallt, dann der Unterwasseranstrich aufgetragen. Nach ein paar Probefahrten, kurz vor der Taufe am 17. Juli, wird die Fähre auf eigenem Kiel die Reise zur Mainau antreten, bevor sie in ihrem Heimathafen Uhldingen anlegen wird. Von dort wird das Schiff bis zu 300 Fahrgäste zur Insel Mainau und zurück transportieren.

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Mit zwei Rümpfen, als Katamaran gebaut, fährt es mit geringem Wasserwiderstand etwa 15 Stundenkilometer schnell über den Überlinger See. Über Nacht und in der Mittagspause werden die Akkus, die zusammen ein Megawatt in der Stunde leisten, mit zweimal 63 Amper aufgeladen. Auf vier Räume verteilt, bringen sie ein Gewicht von 10 Tonnen auf die Waage. „Wir arbeiten mit geringen Ladeströmen, da wir die Akkus schonen wollen“, erklärt Christoph Witte. Der technische Leiter der BSB rechnet mit einer Lebensdauer der Akkus von zwölf Jahren. Zehn Jahre läuft die Garantie. Zusätzlich hilft ein mit Solarzellen ausgerüstetes Sonnendach, das sich über beinahe die gesamte Länge erstreckt, die Akkus nachzuladen.

Christoph Witte ist technischer Leiter der BSB.
Christoph Witte ist technischer Leiter der BSB. | Bild: Anette Bengelsdorf

Nicht nur die Kosten von 3,82 Millionen Euro – 300.000 Euro davon wurden vom Bund als Förderung übernommen – blieben im vertraglich vereinbarten Rahmen, auch die Lieferzeit wurde coronabedingt und wegen Lieferengpässen der 40 Tonnen Aluminium um nur vier Wochen überschritten. Ein Zeitraum, mit dem Christoph Witte gut leben kann.

Die Elektrofähre bietet Platz für 300 Passagiere und viele Fahrräder.
Die Elektrofähre bietet Platz für 300 Passagiere und viele Fahrräder. | Bild: Anette Bengelsdorf

„Wir haben mit der Werft Ostseestaal einen tollen Partner gefunden“, lobt er. Der Austausch mit Stralsund während Corona über MS Teams, statt gemeinsam über Konstruktionspläne gebeugt, sei immer konstruktiv gewesen. „Da haben wir schon ganz andere Erfahrungen gemacht“.

Mit Motorbooten wird die Fähre vom Schlitten geschoben.
Mit Motorbooten wird die Fähre vom Schlitten geschoben. | Bild: Anette Bengelsdorf

Inzwischen haben zwei Motorkähne die Fähre nach Westen geschoben, damit der Schlitten zurück in die Werfthalle gezogen werden kann. Mit dicken Festmachern wird das Schiff gesichert, damit der frische Südostwind es nicht auf das Feuerwehrschiff drückt.

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Auch Jürgen Marin hat die Zeremonie verfolgt und ist voller Vorfreude. Er ist einer der Schiffsführer, der die Fähre bewegen wird. Seit acht Jahren fährt er sämtliche Konstanzer Schiffe, die Schwaben, die Stuttgart, die Karlsruhe. Ob sich die elektrisch betriebene Fähre im Fahrverhalten von den konventionellen Schiffen unterscheiden wird?

Sie sind stolz auf die erste Elektrofähre auf dem See: (von links) Jürgen Marin, Christoph Witte, Rainer Blumenstein, ...
Sie sind stolz auf die erste Elektrofähre auf dem See: (von links) Jürgen Marin, Christoph Witte, Rainer Blumenstein, BSB-Geschäftsführer Frank Weber und Tobias Kurz. | Bild: Anette Bengelsdorf

Ja, meint er. Mit zwei Rümpfen werde sie etwas behäbiger zu manövrieren sein, das sei aber mit den beiden Propellern, die man um 360 Grad drehen kann, vermutlich kein Problem. Genaues würden die ersten Probefahrten zeigen. Sicher ist, dass der Elektroantrieb für die Fahrgäste angenehm ist. Kein Lärm, keine Vibrationen, kein Abgasgestank. „Ich freue mich sehr über das Projekt und seine Technik“, sagt Marin und ist stolz darauf, bald als Pionier über den See fahren zu dürfen.