Ein Schüler wird an einer Schule positiv durch einen Schnelltest getestet? Was im vergangenen Schuljahr noch für große Aufregung bei Rektoren, Lehrern, Schülern und Eltern gesorgt hatte, ist jetzt zum Routineakt geworden. Der betroffene Schüler wird nach Hause geschickt und macht erstmal einen PCR-Test, denn ein positiver Schnelltest allein sagt zunächst wenig aus. In 60 bis 70 Prozent aller Fälle zeigen die Schnelltests aufgrund ihrer geringen Sensitivität und anderer Faktoren ein falsches Ergebnis an, so das Gesundheitsamt Bodenseekreis. Erst der PCR-Test, also die Laboruntersuchung, bringt Gewissheit.

Das könnte Sie auch interessieren

Damit nicht zu viel Zeit vergeht, beginnen die Schulen sofort mit ihren Sicherheitsvorkehrungen, sobald ein Fall auftritt. „Die anderen Schüler bleiben in der Klasse, werden an fünf aufeinander folgenden Schultagen täglich getestet und tragen wieder Maske“, erklärt Axel Ferdinand, Leiter des Graf-Zeppelin-Gymnasiums (GZG). Zudem wird die betroffene Klasse von den anderen Klassen des Jahrgangs abgeschottet – auf dem Hof, in der Mensa.

Axel Ferdinand, Schulleiter am Graf-Zeppelin-Gymnasium, sagt: „Wir wünschen uns alle mehr Normalität an den Schulen, beobachten das nun aber noch mit Vorsicht.“ Er hofft, dass es im Frühjahr keine Tests und Kohortenregelungen mehr geben wird.
Axel Ferdinand, Schulleiter am Graf-Zeppelin-Gymnasium, sagt: „Wir wünschen uns alle mehr Normalität an den Schulen, beobachten das nun aber noch mit Vorsicht.“ Er hofft, dass es im Frühjahr keine Tests und Kohortenregelungen mehr geben wird. | Bild: Lippisch, Mona

Dafür mussten auch im GZG neue Strukturen geschaffen werden, beispielsweise bei den Essenszeiten in der Mensa, aber das sei gut gelungen, so Ferdinand. „Wir hatten nach den Sommerferien einen Fall in der Oberstufe, da mussten letztlich 25 Schüler aus unterschiedlichen Kursen getestet werden“, erinnert er sich. Da die Oberstufenschüler nicht mehr in festen Klassenverbänden lernen und teilweise bis zu 50 Kontakte am Tag haben, wird es da ein bisschen kompliziert. „Aber das wird auch alles sehr genau mit dem Gesundheitsamt besprochen“, so der Rektor.

Keine komplette Klasse in Quarantäne

Sollte es zu mehreren Fällen in einer Klasse kommen – und mehr als 20 Prozent der Schüler infiziert sein – schickt das Gesundheitsamt Bodenseekreis die Klasse ins Homeschooling. Das ist bislang im ganzen Bodenseekreis nicht der Fall. „Aktuell befinden sich keine kompletten Klassenverbände auf Anordnung des Gesundheitsamtes in Quarantäne“, erklärt eine Sprecherin des Landratsamts auf SÜDKURIER-Anfrage. Allerdings könnten die Schulen auch bei mehreren Infektionen in der Klasse auf Online-Unterricht umstellen, solche Fälle seien dem Landratsamt aber nicht bekannt.

Auch wenn der Organisationsaufwand durch die Tests und Kohortierung an Schulen, insbesondere an denen mit Ganztagesbetreuung, hoch ist, ist für Rektor Axel Ferdinand klar: „Die Schüler brauchen so viel Präsenz wie nur möglich – und vor allem auch die soziale Interaktion miteinander, denn hier herrscht riesiger Nachholbedarf.“

So sieht es auch Steffen Rooschüz, Geschäftsführender Schulleiter in Friedrichshafen und Rektor der Merianschule: „Die Schulen müssen offen bleiben und spätestens wenn es eine Zulassung der Impfung für Kinder unter zwölf Jahren gibt, sollten auch die Tests fallen und wieder vollständige Normalität an Schulen herrschen.“ Die Lockerung bei der Maskenpflicht sieht Rooschüz als längst überfällig: „Ich sehe da nicht mehr Infektionsrisiko, wenn die Kinder die Maske am Platz oder in Grundschulen im Klassenraum ablegen, denn sie wurden ja auch vorher nicht durchgängig getragen.“ Zudem könne jeder die Maske ja freiwillig weiter tragen.

Auf dem Pausenhof der Pestalozzi-Grundschule in Friedrichshafen wird wieder gespielt. In den Häfler Schulen gab es zwar seit den Sommerferien immer wieder einzelne Corona-Fälle, aber keine größeren Ausbrüche.
Auf dem Pausenhof der Pestalozzi-Grundschule in Friedrichshafen wird wieder gespielt. In den Häfler Schulen gab es zwar seit den Sommerferien immer wieder einzelne Corona-Fälle, aber keine größeren Ausbrüche. | Bild: Wienrich, Sabine

Weniger Quarantänen, gelockerte Maskenpflicht – dafür mehr Infektionen?

Bisher gibt es laut Kultusministerium Baden-Württemberg nach wie vor kein verstärktes Infektionsgeschehen an Schulen. Rund 0,13 Prozent der Schüler gelten aktuell (Stand 20. Oktober) als positiv getestet – eine Zahl, die sich seit gut einem Monat eingependelt hat und sich auch seit Wegfall der Maskenpflicht am Platz nicht verändert hat. Für Friedrichshafen oder den Bodenseekreis lassen sich diese Zahlen allerdings nicht herunterbrechen.

„Es ist völlig klar, dass die Antigen-Schnelltests nicht alle Infektionen aufdecken“, sagt Dr. Andreas Kirsner, der in Oberteuringen eine Corona-Schwerpunktpraxis führt. Immer wieder kämen Klassen zu ihm, die er mit PCR-Tests abstreicht, weil es einen Fall gab. „Da erkennen wir schon eine hohe Dunkelziffer“, sagt er. Allerdings sieht er das eher unproblematisch, denn die Krankheitslast bei Kinder und Jugendlichen sei deutlich geringer als bei Erwachsenen.

Viele würden ihre Infektion gar nicht bemerken oder hätten lediglich eine leichte Erkältung. Auch Langzeitfolgen, wie Long Covid, kämen bei Kindern selten vor. „Wenn in der jungen Alterskohorte nun kontrolliert Infektionen zugelassen werden, ist das für die Immunität der Bevölkerung gut“, erklärt Dr. Kirsner. Für ihn steht fest: „Es darf auf keinen Fall mehr Unterricht ausfallen.“ Denn das schade den Kindern und Jugendlichen enorm.

Das könnte Sie auch interessieren

Was ist mit der Impfung von Kindern und Jugendlichen?

„Es ist viel wichtiger, dass sich die Alten impfen lassen“, sagt Dr. Kirsner entschlossen, „die Jungen sollten sich nicht impfen lassen müssen, nur weil es die Alten nicht tun.“ Bisher hätten die meisten Eltern die Impfung ihrer Kinder und Teenager mit dem Sekundärnutzen begründet: Urlaube, keine Quarantänen. „Das Familienrad muss sich weiter drehen“, sagt der Internist, „Krankheiten sind einfach nicht mehr vorgesehen im eng getakteten Alltag.“

Sobald sie impfen darf, will die Immenstaader Ärztin Dr. Katrin Wiesener auch Kindern unter zwölf Jahren die Möglichkeit geben,
Sobald sie impfen darf, will die Immenstaader Ärztin Dr. Katrin Wiesener auch Kindern unter zwölf Jahren die Möglichkeit geben, | Bild: Katrin Wiesener

Das sieht seine Kollegin Dr. Katrin Wiesener, Hausärztin in Immenstaad, allerdings anders. Sie habe schon einige Familien betreut, in denen Grundschüler hochfiebrig mit einer Covid-19-Infektion zuhause lagen. „Ich hoffe sehr auf eine baldige Zulassung des Impfstoffs für Kinder unter zwölf Jahren“, sagt sie. Viele Eltern hätten sich bereits erkundigt, weil sie täglich in Sorge um ihre Kinder seien, die sich noch nicht impfen lassen können.

Auch der Wegfall der Maskenpflicht käme aus ihrer Sicht zur falschen Zeit. „Man hätte da unbedingt auf die Impfmöglichkeit warten müssen.“ Doch erst in dieser Woche hatte das deutsche Paul-Ehrlich-Institut vermeldet, dass die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) die Erweiterung der Zulassung des Biontech-Impfstoffs für die Altersgruppe fünf bis elf Jahre zwar prüft, mit einem Ergebnis aber erst in „wenigen Monaten“ zu rechnen sei. Die Ständige Impfkommission (Stiko) hatte bereits angekündigt, voraussichtlich zunächst keine allgemeine Empfehlung aussprechen zu können.

Das könnte Sie auch interessieren