Frau Lander, was tut eine Sterbeamme?

Ich helfe Menschen dabei, einen heilsamen Umgang mit Sterben, Tod und Trauer zu finden. Ich begleite dabei einerseits lebensbedrohlich Erkrankte, Sterbende und deren Angehörige in allen Phasen – je nach Wunsch. Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt aktuell in der Begleitung von Trauernden. Hinter allem, was wir Sterbeammen tun, steht das Ziel, den größtmöglichen Frieden für alle Beteiligten zu erreichen.

Ich will auch eine unerschrockene Mutmacherin sein, die dabei hilft, selbst in den größten Katastrophen Wege zurück ins Leben zu finden. Ein wichtiges Anliegen ist mir auch die Sensibilisierung von Unternehmen. Ich war selbst fast 20 Jahre lang Führungskraft und bin dem Abschied dabei in verschiedenen Rollen begegnet.

Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich habe zwischen 2008 und 2014 meine Mutter, meinen Vater, meine Schwester und meine Schwägerin verloren. 2011 habe ich ein Kind geboren. Ich hatte keine leichte Schwangerschaft, aber ich habe mich bei meiner Hebamme und den Ärzten immer aufgehoben gefühlt. Im Abschied und der Trauer hätte ich mir als Angehörige genauso jemanden gewünscht, der mich an die Hand nimmt und der immer da ist, wenn ich ihn brauche. Da dachte ich: Was es am Anfang gibt, das muss es doch auch am Ende geben. Das war der Grund, meine Ausbildung zu beginnen. Heute biete ich also das an, was ich damals vermisst habe.

Was braucht ein sterbender Mensch?

Das ist natürlich sehr unterschiedlich, aber nicht alleine sein zu müssen ist ein wichtiger Punkt. Und größtmögliche Schmerzfreiheit mit Hilfe der Palliativmedizin. Es gibt Dinge, die uns den Abschied erleichtern können. Diese „Reisevorbereitungen“ können wir ruhig frühzeitig treffen. Dazu gehören praktische Fragen wie Vollmachten oder Verfügungen, die Frage, wo man sterben möchte und was man tun kann, damit dies möglichst auch geschieht – was sehr oft nicht der Fall ist. Ich denke hier etwa an Palliativdienste und Hospize. Und dann geht es um eine Lebensbilanz und die Frage nach dem Sinn: Gibt es noch etwas nachzuholen, habe ich offene Rechnungen, muss ich mir oder anderen noch etwas verzeihen? Was möchte ich hinterlassen?

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Wie helfen Sie dabei?

Zum Beispiel können greifbare Erinnerungsstücke entstehen: Briefe, Erinnerungskisten, kleine Bücher. Das Wichtigste aus meiner Sicht ist aber: Es herrscht angesichts von Krankheit, Sterben und Tod in Familien oft eine große Sprachlosigkeit. Da steht so ein großer rosa Elefant im Raum und es wird über ihn geschwiegen. Ich ermutige dazu, ins Gespräch zu kommen.

Warum ist der Tod so ein Tabu?

Weil er uns an unsere eigene Sterblichkeit erinnert, und das möchten wir verständlicherweise nicht. Dabei ist der Tod immer ein Begleiter unseres Lebens. Meine Erfahrung ist: Seit ich mich meiner Endlichkeit gestellt habe, ist mir wirklich bewusst geworden, was ich am Leben habe. Ich bin demütiger geworden. Und vielleicht sogar ein bisschen lebendiger.

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Wie begleiten Sie Trauernde?

Während einer intensiven Abschiedsphase stehen auch die Angehörigen häufig am Abgrund, diese Phase kann unglaublich schwer sein. Sie verlieren nicht nur einen geliebten Menschen, sondern auch ihr bisheriges Leben. Nichts ist mehr, wie es war. Manchmal stehen auch existentielle Ängste und Sorgen im Raum. Umso wichtiger ist es, Angehörige dabei zu unterstützen, handlungsfähig zu bleiben, eine neue Verbindung zum Verstorbenen zu finden und sich behutsam in das neue Leben zu wagen.

Ich habe schon erlebt, dass Trauernde fast ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie trotz eines großen Verlusts zwischendurch mal glücklich sind. Es hilft ihnen dann zu hören, dass dies in Ordnung und sogar gut ist. Trauer ist keine Krankheit, sondern eine natürliche Reaktion auf einen Verlust – und man muss da nicht alleine durch.

Welche Rolle spielen religiöse Vorstellungen in Ihrer Arbeit?

Ich arbeite nicht religiös gebunden, aber wenn jemand eine bestimmte Glaubensrichtung hat, versuche ich, diese einzubeziehen. Religiöse Menschen können viel Halt in ihrem Glauben finden. Wenn eine Vorstellung vom Jenseits fehlt, kann es eine Aufgabe sein, eigene Bilder zu entwickeln. Überhaupt spielen Bilder, Metaphern und Symbole in meiner Arbeit eine große Rolle. Das Schneckenhaus zum Beispiel. Das hat sehr geholfen, meiner noch kleinen Tochter zu erklären, dass wir auch bei der Beisetzung ihrer Tante nur die Hülle, also das Haus der Seele beerdigen. So wie bei einer Schnecke, die eben ihres verlassen hat.

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Hat Corona in der Einstellung zu Tod und Sterben etwas verändert?

Meiner Beobachtung nach haben der Tod und das Sterben für eine kurze Zeit medial mehr Aufmerksamkeit erfahren. Die strikten Besuchereinschränkungen und teilweise -verbote in Pflegeheimen, Kliniken und Hospizen während des Lockdowns waren für alle Beteiligten sicherlich eine große Belastung. Bestattungen und Trauerfeiern durften nur im engsten Kreis stattfinden. Das hat uns andererseits dafür sensibilisiert, wie wichtig Nähe und Gemeinschaft in solchen Momenten sind. Das gilt aber auch nach Corona, und hoffentlich hält dieses Bewusstsein länger an als die mediale Aufmerksamkeit.

Wie arbeiten Sie mit Unternehmen zusammen?

Den Tod bringt man mit Unternehmen zunächst nicht zusammen. Dabei sterben in Deutschland jährlich 140.000 Menschen im erwerbsfähigen Alter. Hinzu kommen kranke Angehörige im engsten Umfeld und – ein besonders großes Tabu – Fehlgeburten. Ungeahnt viele Frauen erleben das und entsprechend ungeahnte Dynamiken wirken auch in die Unternehmen hinein. Der Tod ist also auch in Unternehmen immer präsent, und das hat verschiedene Auswirkungen. Trotzdem sind Betriebe selten gut vorbereitet.

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Führungskräfte und Kollegen reagieren häufig verunsichert und sprachlos, und das wiederum führt zur Isolation der Betroffenen. Ich unterstütze Unternehmen in Akutsituationen, biete Workshops und Einzelcoachings an und berate beim Aufbau eines betrieblichen Trauermanagements. So wie Betriebsvereinbarungen und Notfallpläne in vielen anderen Bereichen selbstverständlich sind, könnten auch Abläufe und Zuständigkeiten nach einem Todesfall festgelegt werden. Die Kontaktaufnahme mit der Familie des Kollegen, eine Traueranzeige und die Organisation einer Begleitung für trauernde Kollegen. Es gibt eben viele Maßnahmen.

Gibt es so etwas wie Grundregeln für den Umgang mit Trauernden?

Es gibt kein Patentrezept. Grundsätzlich sollten wir aber akzeptieren, dass jeder Mensch individuell trauert. „Ach, Du trauerst immer noch?“ oder im Arbeitskontext „Jetzt muss das aber auch mal gut sein“ sollte man sich verkneifen. Das geläufige „Melde dich, wenn Du etwas brauchst“ ist gut gemeint, besser ist es aber, konkret zu fragen: „Was brauchst Du?“. Zuhören. Und Dasein, weit über die Anfangszeit hinaus. Mich hat es kürzlich sehr berührt, dass mir jemand am Geburtstag meiner Schwester einfach nur ein Herz per WhatsApp geschickt hat.

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