Auf die erste Probe mit der Kantorei an der Schlosskirche nach mehr als einem Jahr freut sich Stefanie Gottuk schon seit Tagen. „Das gemeinsame Singen hat mir so gefehlt, dass es fast weh getan hat“, sagt sie. Sie hat die Gemeinschaft im Chor vermisst, das gemeinsame Arbeiten und das Gefühl, mit ihrer Stimme Teil eines Ganzen zu werden. „Wir haben seit 15 Monaten nicht geprobt“, sagt sie.

Nun ist es endlich soweit. Stefanie Gottuk beeilt sich, ihr Arbeitstag war lang. Sie unterrichtet als Pflegepädagogin an der Pflegeschule Wangen, heute hat sie eine Fortbildung für Erwachsene gehalten. Schon vor der Schlosskirche begrüßen sich die ersten Chormitglieder. „Umarmen geht ja leider nicht, aber es ist schön, sich wiederzusehen“, sagt Gottuk.

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Am Eingang der Schlosskirche prüfen zwei Vertreterinnen des Chors, ob die Ankommenden getestet, geimpft oder genesen sind. Die Sänger verteilen sich mit Abstand in den Bänken, fröhliche Erwartung liegt in der Luft. Alle Fenster und Türen bleiben geöffnet, ein Luftzug weht durch die Kirche. „Ich heiße euch willkommen, wir fangen gleich an mit einem großen Seufzer“, begrüßt Chorleiter Sönke Wittnebel seine Kantorei. Einstimmiges Seufzen ist die Antwort. „Und noch einmal seufzen, legt alles Schwere der letzten Wochen in diesen Seufzer!“

Mit Durchzug, Abstand und Pause probt die Schlosskirchenkantorei erstmals nach der Corona-Pause wieder.
Mit Durchzug, Abstand und Pause probt die Schlosskirchenkantorei erstmals nach der Corona-Pause wieder. | Bild: Corinna Raupach

Das Einsingen fällt ausgiebig aus in dieser ersten Probe. „Achtet darauf, dass es eurer Stimme gut geht“, rät Wittnebel. Nach dem Recken, Strecken, Kicken und tiefem Luftholen erklingt der erste gesungene Ton. Wittnebel ist begeistert: „Das ist schon ein Erlebnis, ein Klang-Ereignis, wenn ein Chor so einen Ton macht.“ Weiter geht es mit dem Summen, mit Tonleitern und mit Dreiklängen. Stefanie Gottuk steht in der zweiten Reihe. Sie folgt den Anweisungen mit hoher Konzentration und bewegt sich kaum merklich zur Musik. Auch andere Chormitglieder wiegen sich im Takt.

Seit ihrer Kindheit singt Stefanie Gottuk in Chören. „Die Tiefe der Musik drückt so viel aus, allein erlebt man das nicht“, sagt sie.
Seit ihrer Kindheit singt Stefanie Gottuk in Chören. „Die Tiefe der Musik drückt so viel aus, allein erlebt man das nicht“, sagt sie. | Bild: Corinna Raupach

Als erstes Stück singen sie den Choral „Nun jauchzet alle Gott“. Der erste Durchgang ist noch verhalten, der zweite aber schon so klar, dass sich Wittnebel spontan an den Orgeltisch setzt. Zusammen mit der Orgel brausen die Stimmen durch die Kirche. Stefanie Gottuk singt im Sopran, auch nach Monaten Pause schwingen sich die Frauenstimmen mühelos in die Höhe. „Das sind zauberhafte Töne, die ihr da schafft, wie dunkles Gold“, sagt Wittnebel.

Unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Sönke Wittnebel singt die Schlosskirchenkantorei die ersten Choräle.
Unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Sönke Wittnebel singt die Schlosskirchenkantorei die ersten Choräle. | Bild: Corinna Raupach

Stefanie Gottuk hat schon als Kind gesungen. „Meine Mutter sang im Chor, Gesang und Kirchenmusik waren bei uns immer wichtig“, sagt sie. Sie engagierte sich im Kinderchor und im Kirchenchor, 2003 kam sie zur Schlosskirchenkantorei. „Hier habe ich meine musikalische Familie gefunden“, sagt sie.

Sie hofft, dass der Chor bald wieder anspruchsvollere Werke einstudiert und sehnt sich nach dem Moment, in dem aus Tönen Musik wird. „Es ist toll zu erleben, wie aus den ersten zaghaften Tönen so ein Jahrhundertwerk wie die h-Moll-Messe oder die Johannespassion von Bach wird“, sagt sie. „Die Tiefe der Musik drückt so viel aus, allein erlebt man das nicht.“

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Eineinhalb Stunden dauert die erste Probe, mit einer Pause von 20 Minuten. „Das tut so gut bis tief in die Seele hinein“, sagt Stefanie Gottuk nach der Probe. Sie hat sich über die Begegnungen gefreut und die Choräle genossen. „Die Töne klingen noch nach. Es war wunderschön, wieder mit so vielen zu singen, wenn auch noch unter Pandemiebedingungen“, sagt sie. Jetzt freut sie sich auf die nächste Probe und hofft, dass mit Abschwächung der Pandemie auch der Chor von Woche zu Woche der Normalität näher kommen wird.