Bei der Steuererklärung für 2020 ist für Arbeitnehmer, die in Kurzarbeit waren, einiges anders. Wir haben mit Experten gesprochen und erklären, was bei der Steuererklärung zu beachten ist – und warum es möglich ist, dass Arbeitnehmer für die Zeit der Kurzarbeit Steuern nachzahlen müssen.

Wie viele Menschen im Bodenseekreis sind überhaupt von Kurzarbeit betroffen?

Von Februar bis September waren laut Arbeitsagentur Konstanz-Ravensburg maximal 57 807 Mitarbeiter in 4 687 Betrieben von Kurzarbeit im Bodenseekreis betroffen. Im vergangenen Monat Oktober waren noch maximal 598 Mitarbeiter in 40 Betrieben in Kurzarbeit. Die Angabe „maximal“ bedeutet, dass die Arbeitsagentur noch nicht genau sagen kann, wie viele Menschen tatsächlich in Kurzarbeit waren. Das lasse sich erst sechs Monate später berechnen. Es könnten also weniger oder mehr Arbeitnehmer betroffen sein.

Walter Nägele, Pressesprecher der Agentur für Arbeit Konstanz-Ravensburg, erklärt, woran das liegt: „Der Betrieb hat drei Monate Zeit, die Kurzarbeit umzusetzen. Wenn diese vorbei sind, vergehen wieder drei Monate, in denen das Unternehmen die Kurzarbeit abrechnen kann.“

Muss jeder, der in Kurzarbeit war, eine Steuererklärung abgeben?

Wenn das Kurzarbeitergeld 410 Euro im Jahr nicht übersteigt, ist der Arbeitnehmer nicht verpflichtet, eine Steuererklärung abzugeben. Umgekehrt gilt: Wer mehr als 410 Euro Kurzarbeitergeld in Zeiten der Corona-Pandemie bezieht, kommt an einer Einkommenssteuererklärung für 2020 mit entsprechendem Eintrag, wie lange Kurzarbeitergeld bezogen wurde, nicht vorbei. Der Grund: „Wer Lohnersatzleistungen wie das Kurzarbeitergeld von mehr als 410 Euro im Jahr erhält, ist verpflichtet, eine Einkommensteuererklärung abzugeben“, sagt Isabel Klocke, Abteilungsleiterin für Steuerrecht und Steuerpolitik beim Bund der Steuerzahler Deutschland.

„Da es sich bei den 410 Euro um einen Jahresbetrag handelt, ist dieser schnell überschritten. Sodass diejenigen, die Kurzarbeitergeld erhalten, in der Regel eine Steuererklärung abgeben müssen“, sagt Isabel Klocke.
„Da es sich bei den 410 Euro um einen Jahresbetrag handelt, ist dieser schnell überschritten. Sodass diejenigen, die Kurzarbeitergeld erhalten, in der Regel eine Steuererklärung abgeben müssen“, sagt Isabel Klocke. | Bild: Annette Koroll

Stichtag für die Steuererklärung ist der 31. Juli 2021. „Ob es irgendwelche speziellen Ausnahmeregelungen anlässlich der Corona-Krise geben wird, wird sich zeigen. Derzeit ist dies nicht der Fall“, sagt Geschäftsführer Bernhard Brugger von der Steuerberatungsgesellschaft Brugger und Partner in Friedrichshafen.

Doch warum muss überhaupt Kurzarbeitergeld in der Steuererklärung aufgeführt werden?

Das Kurzarbeitergeld zählt wie zum Beispiel auch das Arbeitslosengeld zu den Lohnersatzleistungen. Diese werden wie im Falle der Kurzarbeit in Form von Kurzarbeitergeld gezahlt, weil der Arbeitgeber kein volles Gehalt ausbezahlen kann. Das Besondere an Kurzarbeitergeld: Es ist zwar steuerfrei, aber unterliegt dem sogenannten Progressionsvorbehalt.

Wie wirkt sich der Progressionsvorbehalt konkret auf die Steuererklärung aus?

Da das Kurzarbeitergeld dem Progressionsvorbehalt unterliegt, steigt der Steuersatz. Somit erhöht sich in der Einkommenssteuererklärung auch die Steuerbelastung für das übrige Einkommen. Daher kann in den meisten Fällen eine Steuernachzahlung des Finanzamtes nach Abgabe der Steuererklärung anfallen. Auch hierbei gilt: Das Kurzarbeitergeld ist lohnsteuerfrei, aber bei der Berechnung der prozentualen Steuersätze fließt es mit ein. Dadurch verändert sich das Jahreseinkommen, welches die Basis der Steuer ist.

In der Zeit, in der Arbeitnehmer vor Ausbruch der Pandemie kein Kurzarbeitergeld bezogen haben, sondern sozialversicherungspflichtiges Einkommen, gilt Folgendes: Vom Arbeitgeber wird die Lohnsteuer wie gewöhnlich abgezogen.

Wann weiß man, ob es zu einer Steuernachzahlung kommt?

Nach Abgabe der Unterlagen für die Steuererklärung bestimmt das Finanzamt den „korrekten Steuersatz für das Arbeitseinkommen“, heißt es in einer Pressemitteilung vom Bund der Steuerzahler Deutschland. Wie viel Steuern letztendlich gezahlt werden müssen, hängt neben dem Kurzarbeitergeld davon ab, welche Summe bereits durch den Lohnsteuerabzug beglichen wurde.

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Wie hoch können die zusätzlichen Kosten sein?

Bei der Frage, in welcher Höhe Steuern gezahlt werden müssen, spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Zum einen, wie viel Lohnsteuer davor abgeführt wurde, zum anderen, wie lange sich der Steuerzahler in Kurzarbeit befand.

Außerdem hängt es davon ab, welche Ausgaben steuerlich abzusetzen sind und ob bei einem Paar einer der Partner Lohnersatzleistungen wie das Kurzarbeitergeld erhalten hat. Dann ist es möglich, dass beide Partner davon profitieren, wenn sie separate Steuererklärungen machen. Ob es sich für den Steuerzahler lohnt, kann er mit einem Steuerprogramm oder Steuerrechner berechnen.

Ein Rechenbeispiel mit Steuerberaterinnen aus Friedrichshafen

Silvia Zembrodt und Cara Raff von der ETL Friedrichshafen Steuerberatungsgesellschaft haben für unsere Leser ein Rechenbeispiel erstellt. In diesem gehört der Arbeitnehmer der Steuerklasse IV (Leistungssatz 1) an, sprich es handelt sich um verheiratete Paare oder eingetragene Lebenspartner.

Das Beispiel gilt auch für Steuerklasse I und einem Kinderfreibetrag von 0,5. Durchgerechnet ist das Beispiel mit einem Soll-Entgelt von 3000 Euro. Darunter versteht man das Bruttogehalt, das der Arbeitnehmer ausbezahlt bekommen hätte, wenn kein Arbeitsausfall durch Kurzarbeit entstanden wäre.

Für folgende drei Varianten entsteht diese Lohnabrechnung von Mai bis Dezember 2020: keine Kurzarbeit (im Beispiel 0 Euro Ausfall), 50 Prozent Kurzarbeit (im Beispiel 1500 Euro Ausfall) sowie 100 Prozent Kurzarbeit (im Beispiel 3000 Euro Ausfall).

Bild: Schönlein, Ute

Das Fazit der beiden Steuerberaterinnen: „Je kürzer und je anteiliger, kommt es zu Nachzahlungen. Dabei kommt es sehr auf den jeweiligen Einzelfall an, zum Beispiel auch auf das Gehalt des Ehegatten et cetera.“ Und weiter: „Je länger und je mehr Anteil an Kurzarbeit zu 100 Prozent, umso weniger Nachzahlung – ab acht Monaten gibt es keine Nachzahlung mehr“, sagt Cara Raff.

Cara Raff, Geschäftsführerin der Steuerberatungsgesellschaft ETL Friedrichshafen.
Cara Raff, Geschäftsführerin der Steuerberatungsgesellschaft ETL Friedrichshafen. | Bild: ETL Friedrichshafen

Da es sich um eine Beispielrechnung handelt, könne es jedoch sein, dass eine Nachzahlung bei 100 Prozent Kurzarbeit bereits nach vier, fünf oder sechs Monaten entfällt. Auch hier hängt es vom Einzelfall ab.

Dass sich der prozentuale Anteil und die Dauer der Kurzarbeit auf eine Nachzahlung oder Erstattung auswirken, wird in dem Rechenbeispiel deutlich. Bei 50 Prozent Kurzarbeit in einem Zeitraum von acht Monaten und Steuerklasse IV steht eine Nachzahlung von 207 Euro aus, bei 100 Prozent Kurzarbeit werden hingegen 976 Euro erstattet.

Unter welchen Voraussetzungen wirkt sich Kurzarbeit in der Steuererklärung gar nicht mehr aus?

Das Einkommen spielt dabei eine Rolle. Steuerexpertin Cara Raff erklärt: „Je höher das Einkommen ist, desto früher kommt es dazu, dass sich der Nachteil der Kurzarbeit nicht mehr auswirkt.“

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Warum hilft Kurzarbeit den Betrieben auch auf längere Sicht?

Das Anmelden von Kurzarbeit stellt für viele Betriebe in der Corona-Krise eine große finanzielle Hilfe dar. Sie können an Personalkosten sparen und erhalten somit ihre Mitarbeiter. „Die Kurzarbeit ist ein absolut sinnvolles Instrument. Es gibt daran nichts zu verbessern und hilft, über das Tal der Arbeitslosigkeit zu kommen. Denn die Alternative wäre, alle Mitarbeiter zu entlassen. Und das ist keine Alternative“, erläutert der Pressesprecher der Agentur für Arbeit Konstanz-Ravensburg, Walter Nägele.

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