Belarus spielt derzeit auf der politischen Bühne eine unrühmliche Rolle. Die Wahl von Präsident Alexander Lukaschenko im Jahr 2020 gilt als manipuliert. 2021 machte das Land international Schlagzeilen, als es widerrechtlich den Oppositionellen Raman Pratassewitsch festsetzte – sein Flugzeug wurde zur Landung gezwungen. Hinzu kommt die Unterstützung für den russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Und dennoch engagieren sich Menschen in Friedrichshafen für Bedürftige, die gut 2000 Kilometer entfernt leben.

Bild 1: Spenden nach Belarus: Geht das überhaupt – und sollte man?
Bild: Kerstan, Stefanie

Jahrzehntelange Freundschaft

Seit über 30 Jahren pflegt die Zeppelinstadt eine Partnerschaft mit der 85.000-Einwohner-Stadt Polozk. Uwe Lenz, Vorsitzender des städtischen Arbeitskreises, berichtet bei einem Pressetermin: „Ich war im September seit drei Jahren Pause wieder in Polozk. Es hat sich einiges verändert.“

So gebe es keine Flüge mehr in die Hauptstadt Minsk. Jetzt müsse man mit dem Flugzeug nach Warschau (Polen) oder nach Vilnius (Litauen) reisen, um von dort mit dem Bus weiterzufahren. „Es gibt keine Zugverbindungen vor Ort und auch der bürokratische Aufwand für die Einreise ist gestiegen.“

Spenden ins Land zu schicken, sei wegen geltender Sanktionen ebenfalls nicht einfach. „Doch wir finden immer Wege, damit die alle Spenden Bedürftige erreichen.“ Das funktioniere etwa durch das Mitführen von Bargeld, manchmal durch Visa-Karten. Und in einem Punkt ist Lenz überzeugt: „Wir wollen mit den Bewohnern von Polozk weiterhin zusammenarbeiten – ungeachtet der Politik.“ Das wollen laut ihm die Menschen vor Ort ebenfalls.

So sehen es auch die anderen Vertreter des Hilfsnetzwerks, die zum Pressetermin gekommen sind. Elvira Müller vom Freundeskreis Polozk betont: „Wir sollten Freunde bleiben.“ Marianne Dressler vom Arbeitskreis der katholischen Gesamtkirchengemeinde „Mission-Entwicklung-Frieden-Polozk“ (MEFP) betont: „Es sind über die Jahre so viele persönliche Verbindungen gewachsen, die kann man nicht einfach aufgeben.“ Es gehe darum, die Menschen in Polozk nicht zu vergessen. Und Pfarrer Bernd Herbinger ergänzt: „Wir sind unpolitisch.“

Unterstützt werden die Menschen in Polozk etwa bei der Modernisierung von medizinischem Gerät. Hier zu sehen: ein Stereoskop aus den ...
Unterstützt werden die Menschen in Polozk etwa bei der Modernisierung von medizinischem Gerät. Hier zu sehen: ein Stereoskop aus den 1980er-Jahren zur Untersuchung der Bewegungs- und Funktionskoordination der Augen und zur Schielbehandlung. | Bild: Stadt Friedrichshafen (Archiv)

In Polozk herrscht Armut

Für die Helfer steht fest: Trotz kritikwürdiger Entscheidungen von Präsident Lukaschenko leben in Polozk Menschen, die Unterstützung brauchen – und die nichts können für ihren Herrscher. So sei Altersarmut noch immer ein Tabu-Thema, berichtet Elvira Müller. „Wir wollen versuchen, den älteren und einsamen Frauen in Polozk, die sich regelmäßig treffen, eine kleine Weihnachtsüberraschung zu bereiten.“ Daher steht der diesjährige Weihnachts-Spendenaufruf unter dem Motto „Einsame Menschen“.

Zusätzlich unterstützt der Freundeskreis weitere Gruppen in Polozk. Mit dem Geld sollen etwa einkommensschwache Menschen und Familien unterstützt werden. „In Polozk leben Leute, denen es wirtschaftlich schlecht geht. Viele müssen trotz steigender Lebensmittelpreise mit kleinen Renten, Löhnen und Gehältern auskommen“, so Elvira Müller. Uwe Lenz: „Ein normaler Arbeiter verdient gerade einmal 150 bis 200 Euro, ein Arzt 300 Euro. Auch das Lohn-Preis-Niveau ist ein ganz anderes.“

Im Jahr 1991: Der damalige Häfler Oberbürgermeister Bernd Wiedmann (rechts) überreichte dem Vorsitzenden des Exekutivkomitees im ...
Im Jahr 1991: Der damalige Häfler Oberbürgermeister Bernd Wiedmann (rechts) überreichte dem Vorsitzenden des Exekutivkomitees im Stadtsowjet von Polozk, Konstantin Homitsch, bei der ersten Bürgerreise Gastgeschenke. | Bild: Uwe Lenz

Auch Kirche unterstützt Familien

Der kirchliche Arbeitskreis bittet ebenfalls um Spenden zur Unterstützung der sozialen Arbeit in den Partnergemeinden von Polozk und Novo Polozk. „Die Menschen leiden unter der derzeitigen Situation in ihrem Land“, so Marianne Drechsler. „Die Inflationsrate steigt, Lebensmittel sind sehr teuer geworden.“ Medikamente seien rar und nur noch begrenzt zu kaufen, auch die Arbeitslosigkeit wachse.

„Vor allem das Leben alter und kranker Menschen, die oft nur eine kleine Rente beziehen, ist hart von der Entwicklung betroffen“, so Pfarrer Herbinger. Insgesamt werden 180 Familien in den Gemeinden betreut. Laut Herbinger und Dressler werden Spenden zum Kauf von Medikamenten, Hilfsmitteln wie beispielsweise Gehhilfen, Verbandsmaterial, Windeln, Lebensmitteln und Bekleidung benötigt. Der Unterhalt eines Kleinbusses mit Rampe, der dem Krankentransport dient, könne ebenfalls aus Spenden finanziert werden.