Das Telefon stand nicht mehr still. Medienvertreter kontaktierten Nic Dilger in den vergangenen Wochen auf allen Kanälen. Von „Bild“ über „Stern“ bis zu Tageszeitungen: In ganz Deutschland wurde über den Hühnerretter vom Bodensee berichtet. Er gab Interviews fürs Radio und Fernsehsender drehten auf seinem Hühnerhof.

Keine Schönheit, aber auf dem Weg der Besserung: Diesem Huhn aus der konventionellen Hühnerhaltung schenkt Nic Dilger ein zweites Leben.
Keine Schönheit, aber auf dem Weg der Besserung: Diesem Huhn aus der konventionellen Hühnerhaltung schenkt Nic Dilger ein zweites Leben. | Bild: privat

Sechseinhalb Stunden dauerten die Dreharbeiten mit RTL für einen 1,47 Minuten langen Beitrag, der am Montag ausgestrahlt wurde. Dafür fuhr er sogar extra mit dem Rad die acht Kilometer von Tettnang zum Hühnerhof – so wie jeden Tag. „Sie wollten filmen, wie ich dort mit dem Rad ankomme“, erzählt Nic. Auch in der SWR-Landesschau war er bereits zu sehen.

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Publicity ist gut, um über Zustände in Massentierhaltung zu informieren

Schon vor dem Medienrummel hätten Leute, die zufällig bei seinen Hühner vorbeikommen seien, gesagt: „Das ist ja der Nic aus dem SÜDKURIER.“ Als dann dpa und Fernsehsender kamen, habe er sich gesagt, dass die Publicity ja nur gut sei, um mehr Leute über die Zustände in der Massentierhaltung zu informieren.

Der 17-Jährige Nic Dilger aus Tettnang kümmert sich auf seinem Hühnerhof um die geretteten Hühner.
Der 17-Jährige Nic Dilger aus Tettnang kümmert sich auf seinem Hühnerhof um die geretteten Hühner. | Bild: Felix Kästle/dpa

Auf die vielen Zeitungsartikel hat der angehende Landwirt viele Zuschriften von Lesern bekommen, die sein Engagement bewundern. „Ein 17-Jähriger, dem es nicht egal ist, was mit anderen lebenden Kreaturen auf diesem Planeten geschieht“, schrieb eine Leserin des Westfälischen Anzeigers. Sie habe durch den Artikel gelernt, dass auch Bio-Eier von Hühnern stammen, von denen sechs auf einem Quadratmeter leben. Immerhin drei weniger als bei der konventionellen Freilandhaltung. Jetzt wolle sie sich einen Bauern vor Ort suchen, damit sie sehe, wie die Tiere gehalten werden.

Auf der Seite „Aus aller Welt“ direkt unter Prince Charles

Eine andere Frau habe ihm aufgrund eines Fernsehbeitrags spontan Geld für Hühnerfutter oder für seinen Traum, ein Hühnermobil, gespendet. „Wo Hühner ihr Glück finden“ lautet die Überschrift in einer Tageszeitung aus Norddeutschland. Hier schaffte es Nic auf die Seite „Aus aller Welt“ und stand dort direkt unter dem Bild vom Besuch von Prince Charles und Camilla in Berlin. „Die gute Hühnersache kann nicht genug Aufmerksamkeit bekommen“, schrieb die Leserin, die ihm die Seite geschickt hat.

Es gab auch penetrante Fernsehsender

Nur mit einem privaten Fernsehsender hatte Nic Probleme. „Es war terminlich eng und ich wurde total unter Druck gesetzt“, berichtet er. Sie hätten sogar nach 22 Uhr bei seiner Mutter auf dem Handy und auf dem Festnetz angerufen. „Das war schon sehr penetrant“, bestätigt Andrea Dilger.

Die dpa habe sie darauf vorbereitet, dass es sein könne, dass sich Radiosender melden. „Da dachte ich noch: Ach was, wegen ein paar Hühner.“ Es sei toll, dass durch die Berichte und Beiträge doch einigen Menschen die Augen geöffnet worden seien, sagt Andrea Dilger, die ihren Sohn mit seinen Hühnern voll und ganz unterstützt.

Ein neues Leben in Freiheit: Im Mai hat Nic Dilger die ersten 25 Hühner vom Verein „Rettet das Huhn“ übernommen.
Ein neues Leben in Freiheit: Im Mai hat Nic Dilger die ersten 25 Hühner vom Verein „Rettet das Huhn“ übernommen. | Bild: Claudia Wörner

Im September hat Nic Dilger eine Berufsausbildung zum Landwirt begonnen. Von Montag bis Donnerstag hat er Schule, am Freitag ist er im Betrieb. Trotzdem findet der Teenager täglich drei Stunden Zeit für seine Hühner. Wenn er während der Schul- oder Betriebszeit einen Interview- oder Fernsehtermin hatte, stieß er auf Verständnis. „Mein Chef vom Betrieb meinte, dass das voll cool sei.“ Die Stunden wolle er nachholen. Der Lehrer hätte gemeint, dass er Artikel und Fernsehbeiträge für alle in die Schule mitbringen soll, um sie gemeinsam mit der Klasse anzuschauen.

Nics großer Wunsch ist ein Hühnermobil

Aktuell ist Dilgers großes Ziel, ein Hühnermobil für sein Federvieh zu erwerben, mit dem er den Standort immer wieder wechseln kann. Dafür legt er seine Spenden an – wenn die geretteten Hühner medizinisch versorgt sind.

Die weißen Hühner stammen aus dem Legebetrieb. Bei Nic Dilger dürfen sie sich frei bewegen und finden ihren Platz zwischen ihren Artgenossen auf dem Hühnerhof.
Die weißen Hühner stammen aus dem Legebetrieb. Bei Nic Dilger dürfen sie sich frei bewegen und finden ihren Platz zwischen ihren Artgenossen auf dem Hühnerhof. | Bild: Claudia Wörner

Aktuell hat er 55 in seine Hühnerschar mit 130 Tieren integriert. Darunter sind 30 ausgemusterte Hühner, die er über Ebay bekommen hat. „Von ihnen hatte kein einziges mehr Federn auf dem Rücken.“ Zwei seien immer noch komplett nackt und zwei seien gestorben. „Die anderen bekommen langsam Federn und sehen im Moment aus wie Igel“, erzählt er. Trotz ihres verstörten Verhaltens würden sie spüren, dass er ihnen helfen wolle und nicht mehr in Panik davonlaufen, wenn er in den Stall komme. „Ich weiß, dass sie im Legebetrieb einfach mit dem Fuß weggekickt werden, wenn jemand rein kommt.“

Es geht nicht um Nic, sondern um das Bewusstsein der Verbraucher

Genervt habe ihn der Medienhype nicht, sagt Nic Dilger. „Das hat eher Spaß gemacht.“ Unter dem Strich gehe es ja nicht darum, dass ihr Sohn publik werde, fügt seine Mutter hinzu. „Es geht viel mehr um die Haltung der Hühner und um das Bewusstsein der Verbraucher.“ Wenn jeder Artikel nur 30 Leute erreiche, die daraufhin ihr Konsumverhalten ändern, sei viel erreicht.