Pünktlich um 18 Uhr fallen dicke Tropfen vom Himmel. Rund 25 Jugendliche bleiben stehen, Chorleiterin Martina Hasenmüller lässt sich nicht beirren. Fünf Minuten später regnet es heftiger. Einige Sänger spannen Regenschirme auf, für E-Piano und Chorleiterin holen Helfer Schirme.

Es beginnt zu regnen Video: Corinna Raupach

Als alles steht, verzieht sich der Regen, doch der aufkommende Wind bläst die Noten vom Pult und wirft die Schirme um. „Liegen lassen!“, ruft Hasenmüller ihrem Chor zu.

Der Wind wirft die Schirme um Video: Corinna Raupach

Der Jugendchor St. Columban probt zum ersten Mal nach der Coronapause. Die Jugendlichen stehen auf der Wiese hinter der Arche, jeder in einem Kreis von Sägespänen und mit drei Metern Abstand in alle Richtungen.

Zum ersten Mal singt der Jugendchor St. Columban wieder gemeinsam – während der Corona-Pause gab es Proben per Videokonferenz.
Zum ersten Mal singt der Jugendchor St. Columban wieder gemeinsam – während der Corona-Pause gab es Proben per Videokonferenz. | Bild: Corinna Raupach

Den irischen Reisesegen können sie auswendig, manche lächeln während des Singens. Bald scheint wieder die Sonne. „Ich finde es wahnsinnig toll, dass ihr hier seid und wir wieder singen können. Ich habe sehr gelitten unter dem Shutdown“, sagt Hasenmüller.

Probe auf der Wiese hinter der Kirche Video: Corinna Raupach

In den vergangenen Wochen haben sie per Videokonferenz geprobt. „Das funktioniert nur als Einbahnstraße, für gemeinsames Singen sind die Verzögerungen zu groß“, sagt Hasenmüller.

Gemeinsame Proben sind Chorleiterin Marita Hasenmüller wichtig, auch, um das Gemeinschaftsgefühl wieder zu stärken.
Gemeinsame Proben sind Chorleiterin Marita Hasenmüller wichtig, auch, um das Gemeinschaftsgefühl wieder zu stärken. | Bild: Corinna Raupach

Sie hat die Stimmen vorgesungen, die Jugendlichen haben zu Hause mitgemacht. Den Salsa-Rhythmus setzten sie jetzt zum ersten Mal zusammen: zur Percussion von den Bässen kommen eine Art Scat-Gesang der Sopranstimmen und eine wortlose Melodielinie im Alt.

„Die Gemeinschaft hat gefehlt“

Nach einer Stunde ist Schluss. Mit Mundschutz verlassen die Sänger die Wiese. „Es war schön, dass wir wieder in der Gruppe singen konnten“, sagt Clemens. Jessica meint: „Die Gemeinschaft hat gefehlt. Man ist das so gewöhnt, sich am Mittwoch zum Singen zu treffen.“ Salome ergänzt: „Mit allen Stimmen gemeinsam ist es ganz anders. Es hat großen Spaß gemacht.“

Hasenmüller ist zufrieden mit dem Verlauf der ersten Open-Air-Probe

Sie hat als Chorsprecherin bei der Vorbereitung geholfen. Selbstgemalte Schilder erinnern die Sänger an Mundschutz und Abstand. „Wir haben uns vorher getroffen und per Hoolahoop-Reifen die Kreise gestreut“, sagt sie. Hasenmüller ergänzt: „Wir haben an alles Mögliche gedacht, aber mit Regen haben wir nicht gerechnet, der sollte erst heute Nacht kommen.“ Trotzdem ist sie zufrieden. „Die Jugendlichen waren sehr diszipliniert und es hat gut geklappt.“ Sie denkt darüber nach, auch mit den Erwachsenen wieder anzufangen.

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Philharmonischer Chor probt auf Yacht-Club-Gelände

Mit dem Wetter hat der Philharmonische Chor mehr Glück: an einem lauen Sommerabend treffen sich seine Sänger auf dem Gelände des Württembergischen Yacht-Clubs.

Der Philharmonische Chor probt auf dem Gelände des Württembergischen Yacht-Clubs.
Der Philharmonische Chor probt auf dem Gelände des Württembergischen Yacht-Clubs. | Bild: Corinna Raupach

Dafür bleibt hier das Keyboard stumm. Nach mehreren Versuchen wendet sich Musikdirektor Joachim Trost an seinen Chor: „Wenn die Technik nicht funktioniert, stellen wir um auf analog.“ Er hält eine Stimmgabel in die Luft und singt die ersten Töne der einzelnen Stimmen vor. Erst zögernd, dann immer sicherer setzt der Chor ein.

Beim nächsten Lied bringt die Trommel eines vorbeifahrenden Ruderboots den Rhythmus etwas durcheinander. Aber das „Abschiedslied“ von Brahms klingt in schöner Ausgewogenheit über den See, in die Pausen rascheln leise die Blätter der alten Bäume am Ufer. „Wir wissen, Open Air klingt nicht so gut, wir hören uns nicht wie sonst. Aber das Ziel ist, dass wir wieder im Chor singen und Freude haben“, sagt Trost.

Für Chorleiter Joachim Trost steht bei der ersten gemeinsamen Probe nach der Corona-Pause die Freude am Singen im Vordergrund.
Für Chorleiter Joachim Trost steht bei der ersten gemeinsamen Probe nach der Corona-Pause die Freude am Singen im Vordergrund. | Bild: Corinna Raupach

23 Frauen und Männer haben sich im Kreis aufgestellt, mit mindestens zwei Meter Abstand voneinander. Andrea Wesener hat mit dem Vorstand die Hygieneregeln für die Probe erarbeitet und sich an den Vorgaben des Schwäbischen Chorverbands orientiert. „Da wir draußen singen, ist das etwas entspannter. Der Platz muss groß genug sein, es dürfen keine anderen Menschen dort sein und beim Toilettengang muss der Mund-Nasenschutz getragen werden“, zählt sie auf.

Zu ersten Mal seit Mitte März kommen die Sängerinnen und Sänger zusammen.
Zu ersten Mal seit Mitte März kommen die Sängerinnen und Sänger zusammen. | Bild: Corinna Raupach

Alle Teilnehmer haben sich angemeldet, ein Formular mit ihren Daten mitgebracht und die Noten zu Hause ausgedruckt. „Es ist schon komisch, sich nach Monaten wiederzusehen und sich nicht kurz umarmen zu dürfen“, sagt sie.

Sänger sind glücklich, wieder gemeinsam proben zu können

Nach einer guten Stunde fragt Trost: „Könnt ihr noch?“ Die Sänger können und wollen. Seit Mitte März hatte der Chor Pause. Nach der Probe sagt Bass Stephan Müller: „Das Singen mit Abstand im Freien war natürlich eine Notlösung, aber es ist wichtig, den Zusammenhalt im Chor zu pflegen. Musik gehört zu meinem Leben und sie fehlt mir sehr.“

Auch Gertrud Schlegel aus dem Alt ist glücklich: „Das Singen hat unglaublich viel Freude gemacht, auch wenn nicht alles perfekt war. Singen tut der Seele einfach gut. Neben dem Gesang habe ich auch die Begegnungen vermisst.“

Noch immer gibt es viele Fragezeichen

Ihr Stimmkollegin Susanne Enz ergänzt: „Ich habe das Singen sehr vermisst und der Abend war sehr wohltuend. Schön war auch, die Leute mal wieder zu treffen. Jetzt fehlt mir der Ausblick und es gibt ein großes Fragezeichen, wie es weitergeht.“

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Vorstand sucht nach Lösungen für Zeit nach den Sommerferien

In der kommenden Woche wird der Vorstand nach Lösungen suchen, wie die Proben nach den Sommerferien weitergehen können. „Wir wollen die Sänger auf keinen Fall einer Gefahr aussetzen, ihre Gesundheit geht vor“, sagt Wesener. Im September könnte das Wetter noch ein paar Open-Air-Proben hergeben. Das Konzert im November mit der Friedensmesse von Karl Jenkins ist schon abgesagt.

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