Auch ihr fehlen Berührungen. Eine Berührung der Schulter, ein Händeschütteln, eine Umarmung. „Im Augenblick erleben wir ein Berührungs-Tabu“, sagt Mariell Kiebgis. Schon vor Corona war von der „berührungslosen Gesellschaft“ die Rede – doch das Virus machte sie über Nacht zur Realität.

Kiebgis arbeitet als Massage- und Körpertherapeutin in Kressbronn und Friedrichshafen und weiß: „Unsere Haut ist darauf eingestellt, von anderen berührt zu werden.“ Unter den Haaren hat der Mensch kleine Nervenbahnen, sogenannte C-taktile Fasern, die auf Berührung anspringen und Impulse ans Gehirn senden, bis schließlich das Kuschelhormon Oxytocin ausgeschüttet wird. Auch der Blutdruck sinkt, der Atemrhythmus beruhigt sich, die Muskulatur entspannt sich. Und der Stress nimmt ab. „Eine achtsame Berührung setzt das alles in Gang“, sagt Mariell Kiebgis.

Damit die Bedeutung von Berührungen nicht aus den Augen gerät, wandte sich Kiebgis Ende April mit einer Petition an Gesundheitsminister Jens Spahn.
Damit die Bedeutung von Berührungen nicht aus den Augen gerät, wandte sich Kiebgis Ende April mit einer Petition an Gesundheitsminister Jens Spahn. | Bild: Fotostudio Magnus

Als die Corona-Krise ausbrach, musste sie ihre Praxis vorübergehend schließen. Sich anzufassen, zu fühlen, zu berühren und dabei einen Sicherheitsabstand zu wahren, das hielt die Politik lange Zeit nicht für möglich. Dabei seien Berührungen gerade jetzt wichtig, sagt Kiebgis. Schon im April richtete sie sich mit einer Petition gemeinsam mit dem „Netzwerk Berührungen“ an Gesundheitsminister Jens Spahn. „Wir wollten eine Stimme erheben. Und sagen, da ist etwas, das wir nicht aus den Augen verlieren dürfen.“

Eine Massage ist wie ein Weckruf

Denn: Ein Mangel an Berührungen kann auch im Erwachsenenalter noch zu psychosomatischen und psychischen Erkrankungen führen. „Wer nicht berührt wird, kann emotional verkümmern. Er spürt sich selbst nicht mehr. Hat kein Gefühl mehr für sich.“ Umgekehrt sind Berührungen sogar heilsam: Weil Kiebgis wissen wollte, was eine einzige Massage im Menschen auslöst, initiierte sie 2015 zusammen mit Bruno Müller-Oerlinghausen, Facharzt für Klinische Pharmakologie, eine Studie, die die Kurz- und Langzeiteffekte einer einzigen Massage untersuchte.

Das Ergebnis macht Mut: Rund ein Drittel von 100 Probanden fühlten sich nach der Massage und auch Wochen danach – noch leistungsfähiger, ausgeglichener, weniger ängstlich. Auch bei Probanden, die unter Depressionen litten, stellte sich ein Wohlgefühl ein. „Für sie ist das wie ein kontinuierlicher Weckruf“, sagt Mariell Kiebgis. „Depressive Menschen spüren sich oft selbst nicht mehr. Eine achtsame Massage kann viel bewirken.“ So eine Massage vergisst man nicht mehr – sie wird, wie Kiebgis es nennt, im Körpergedächtnis gespeichert. Wie ein Tattoo unter der Haut.

Video: Gabriele Mariell Kiebgis

Auch Kiebgis hat solche Erinnerungen. „Es gibt ein Foto von mir, schwarz-weiß“, sagt sie. „Ich sitze in einem weißen Kleid auf einer Wiese und berühre mit den Fingerspitzen ein Gänseblümchen.“ Kiebgis war da noch ganz klein. Vielleicht ein, zwei Jahre alt. Eigentlich könnte sie sich daran nicht erinnern. Eigentlich war sie zu jung. Und doch: „ist dieses Gefühl noch in meinen Fingerkuppen.“ Berührungen haben sie schon als Kind fasziniert, sagt sie. „Das ist mein Herzblut-Thema.“ War es immer schon.

Ihre Praxis kann Kiebgis unter Auflagen inzwischen wieder öffnen. Zu den üblichen hygienischen Vorsichtsmaßnahmen zählt jetzt auch das Tragen einer Maske. Selbst ihre Klienten tragen sie. Doch sie schreckt das nicht ab: „Es melden sich sogar mehr Menschen bei mir als vor Corona“, sagt Kiebgis.

Es sind Menschen, die nach Halt und Sicherheit suchen. Und jene, die einfach wieder etwas spüren wollen. Denn „werde ich achtsam berührt, berührt es auch meine Seele.“

Das könnte Sie auch interessieren