„Impfen, impfen, impfen: Das wäre eine langfristige Lösung“, sagt Stefan Zimmer, Handelsausschussvorsitzender bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Bodensee-Oberschwaben und Inhaber. des Modegeschäfts Heka in der Innenstadt. „All diese Schnelltests geben doch immer nur kurzzeitig Sicherheit. Wir verlieren jeden Tag deutschlandweit Hunderte Millionen, wenn das so weitergeht.“ Und dabei sei der Einzelhandel einer der wichtigsten Wirtschaftszweige in Deutschland. „Wir Unternehmer fürchten um unsere Existenz und die mehr als drei Millionen Mitarbeiter bundesweit fürchten um ihren Arbeitsplatz“, schildert Zimmer. „Natürlich verstehen wir, dass man Kontakte reduzieren will und soll. Gleichzeitig beweist doch der Lebensmitteleinzelhandel – der richtigerweise nie geschlossen wurde – dass es geht und wie es geht. Wir halten uns an Abstände, lassen nur wenige Leute in den Laden, alle tragen Maske. Da sehe ich einfach keinen Unterschied, ob man jetzt eine Salatgurke oder eine Hose kauft.“

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„Auch wenn es uns ärgert, dass wir diejenigen sind, die immer dann schließen müssen, wenn die Zahlen steigen, verzweifeln wir nicht“, so Zimmer. „Wir sind noch da und freuen uns über jeden einzelnen Kunden und die Kunden freuen sich auch, dass wir da sind. Wir hoffen daher, dass wir ein Einkaufen mit Termin auch bei steigenden Infektionszahlen durchführen dürfen. Das wäre ja machbar und gut zu regeln. Das ‚Click and Meet‘ war nämlich ein Lichtblick, ein Hoffnungsschimmer und hat die Kunden auch sehr gefreut. Es wäre auch schön gewesen, wenn eher schon nach Rostock oder Tübingen geschaut worden wäre; die zeigen schon lange Alternativen dazu auf, einfach alles zu schließen.“

„Wir haben in Deutschland keinen Lockdown“

Stephanie Kretschmer deutet auf den Wochenmarkt und die Passanten, die teilweise mit, teilweise ohne Maske an ihr vorbeigehen. In einiger Entfernung steht eine Gruppe Marktbesucher zusammen und isst. „Schauen Sie sich das an: Das ist doch kein Lockdown! Wir haben in Deutschland keinen Lockdown, nie gehabt. Wenn man so etwas macht, dann sollte man es auch richtig machen.“

Marktbesucherin Stephanie Kretschmer aus Friedrichshafen.
Marktbesucherin Stephanie Kretschmer aus Friedrichshafen. | Bild: Lena Reiner

„Ich denke, wenn wir im November wirklich alles geschlossen hätten, wie es eigentlich angekündigt war, also einen richtigen Lockdown gehabt hätten, dann stünden wir jetzt nicht wieder vor dem Problem steigender Fallzahlen. Ich denke, wir sollten das einmal durchziehen: Drei Wochen lang muss alles dicht sein, aber so richtig, also auch beispielsweise hier der Markt, auf dem wir gerade stehen. Wer sich nach draußen bewegt, muss dann aber auch eine Strafe bekommen, damit es wirkt. Das wäre konsequent und nicht so langwierig, wie es aktuell ist. Außerdem denke ich, dass alle, die eine Impfung haben möchten, auch eine bekommen sollten.“

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„Was aktuell passiert, gleicht einem Gipsarm bei gebrochenem Fuß“

Martin Smigoc, Filialleiter des Schuhhaus Werdich in Friedrichshafen, hofft, dass der Blick nach Tübingen zu einem Umdenken führt. „Ich hoffe, dass Ansätze wie eine Modellregion nach Tübinger Vorbild zu mehr Differenzierung führen“, erklärt er. Denn das sei das, was sie im Einzelhandel am meisten störe: „Es geht bei den Inzidenzwerten aktuell eigentlich nur darum, ob man den Einzelhandel öffnet oder schließt. Da wird nach dem Gießkannenprinzip vorgegangen, obwohl längst nachgewiesen ist, dass der Einzelhandel für keine Infektionsherde sorgt.“ Sie als Einzelhändler würden sich wünschen, dass genauer hingeschaut werde, wo die wirklichen Infektionstreiber seien und man dann gezielt gegen diese vorgehe. „Das, was aktuell passiert, ist ungefähr so, wie wenn Sie sich den Fuß brechen und dann einen Gips an den Arm bekommen. Das hilft doch nicht.“

Martin Smigoc vom  Schuhhaus Werdich.
Martin Smigoc vom Schuhhaus Werdich. | Bild: Lena Reiner

Direkt in der Nachbarschaft liegt das Kleidungsgeschäft „Marco Moden“. Filialleiterin Isabel Bauder betont: „Wir wollen nicht wieder schließen müssen. Das ist frustrierend!“ Das Einkaufen mit Termin funktioniere sehr gut: „Die Kunden sind dankbar, dass sie in den Laden dürfen und selbst schauen dürfen. Auch mit der Registrierung gibt es wenig Probleme: Die Kunden machen es.“ Natürlich seien weniger Kunden im Laden als normalerweise, aber das System funktioniere und es sei deutlich schöner, auf diese Weise geöffnet zu haben als wieder nur „Click und Collect“ und wortwörtliches Schaufenstershopping anbieten zu können. Das Tübinger Modell hält sie für eine gute Lösung.

Isabel Bauder, Filialleiterin von Marco Moden, hofft auf das Tübinger Modell und nicht erneut schließen zu müssen.
Isabel Bauder, Filialleiterin von Marco Moden, hofft auf das Tübinger Modell und nicht erneut schließen zu müssen. | Bild: Lena Reiner

Ulrich Ellerbrock rechnet am Montag schon fest damit, am nächsten oder übernächsten Tag „Die fröhlichen Stecher“ in der Nähe des Stadtbahnhofs erneut schließen zu müssen. Ob das bedeutet, dass in naher Zukunft viele Menschen mit unfertigen Tätowierungen zu sehen sein werden? „Das war jedem klipp und klar bewusst, dass das aktuell ein Spiel auf Zeit ist. Ich habe in letzter Zeit keine großen Projekte angefangen und eher dahingehend beraten, kompakte Projekte umzusetzen, die in einer – eventuell längeren – Sitzung auch abgeschlossen werden können.“ Gleichzeitig habe es schon immer größere Projekte gegeben, die sich über Monate und Jahre hingezogen hätten.

Viren- oder Maskentattoos? Nicht in diesem Studio

Die Frage, ob er denn pandemiebedingt schon Coronaviren oder gar Maskentattoos gestochen habe, verneint er. „Weder hatte ich dazu Anfragen noch hätte ich mich darauf eingelassen. Ich finde generell nicht, dass Negatives, das die Menschen und die Welt belastet, unter die Haut gehört.“ So lehne er generell Motive ab, die negative Emotionen in sich tragen; unter anderem das Festhalten von beispielsweise Sterbedaten: „Wer einen Menschen verliert, kann sich dessen Geburtsdatum stechen lassen und so positiv an diesen Menschen erinnern.“

Ulrich „Ulli“ Ellerbrock macht dem Namen des Tattoostudios „Die fröhlichen Stecher“ trotz erneuter vermuteter Schließung alle Ehre und verbreitet gute Laune.
Ulrich „Ulli“ Ellerbrock macht dem Namen des Tattoostudios „Die fröhlichen Stecher“ trotz erneuter vermuteter Schließung alle Ehre und verbreitet gute Laune. | Bild: Lena Reiner

Apropos positiv: Dass er womöglich bald wieder schließen muss, löst bei Ellerbrock keine schlechte Stimmung aus. „Ich finde die Maßnahmen zwar zu hart, aber gleichzeitig sind wir beim Tätowieren schon sehr nah an den Menschen dran. Ich möchte aktuell auch nicht in Kopfnähe arbeiten. Am liebsten ist es mir, wenn beide Masken tragen, das Fenster geöffnet ist und ich irgendwo am Bein tätowiere.“ Dabei bestehe allerdings beim Tätowieren grundsätzlich ein gesundheitliches Risiko, weshalb hohe Hygienestandards zum Beruf gehörten: „Wenn die Nadel in die Zellen sticht, entsteht eine Aerosolwolke. Ich finde es daher unbegreiflich, wenn Tätowierer Hygienemaßnahmen auf die leichte Schulter nehmen.“

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Für ihn selbst sei auch vor der Pandemie schon klar gewesen, wie wichtig es sei, sich vor Krankheiten zu schützen: „Ich bin im Ursprungsberuf Physiotherapeut und habe schon auf Intensivstationen gearbeitet, auf denen Menschen mit Tropenkrankheiten behandelt wurden. Da überlegt man fünfmal, ob irgendwo ein Lüftchen an der Maske vorbeigeht.“ Sein Ansatz im Umgang mit der Pandemie wäre ein intelligenter Umgang jedes Einzelnen: „Ich beispielsweise meide Kontakte, die nicht notwendig sind und versuche, alle Einkäufe in einem ‚Rutsch‘ zu erledigen.“

Menschliche Intelligenz und Nächstenliebe, so fasst Ulrich Ellerbrock das zusammen, was seiner Meinung nach helfen würde. „Diese Zahlenspielereien, auf denen der Inzidenzwert basiert, sind doch nicht wirklich mathematisch nachvollziehbar. Es wäre sinnvoll, die Tests so einzusetzen, dass jeder, der ein positives Ergebnis hat, generell freiwillig zuhause bleibt, solange es nötig ist und so andere schützt, anstatt sie für Lockdowns zu verwenden.“