Schon vor über 100 Jahren zog es nicht nur die württembergischen Könige und ihren Hofstaat an den Bodensee, sondern auch zahlreiche Künstler und Schriftsteller. Romantisch besetzt als deutscher Sehnsuchtsort, international vernetzt als Mehrländerregion und weg vom Großstadtleben schien er vielen als idealer Ort kreativer Entfaltung.

Manche allerdings blieben nicht lange – auf Dauer war ihnen das Landleben doch nicht aufregend genug. Den Beziehungen von bildender Kunst und Literatur rund um den See spürt die Ausstellung „Beziehungsstatus: offen“ im Zeppelin Museum nach.

Das künstlerische Beziehungsgeflecht rund um den See stellt diese Karte dar,
Das künstlerische Beziehungsgeflecht rund um den See stellt diese Karte dar, | Bild: Corinna Raupach

Sie entfaltet ein buntes Kaleidoskop von Menschen, Kunst und Zeitgeschichte, geht mit Lust und Akribie den Beziehungen und Wechselwirkungen nach und erzählt diese in Geschichten: Annette von Droste-Hülshoff fand am Bodensee Abstand von ihrer Familie, schrieb Gedichte und Prosa, fertigte kunstvolle Scherenschnitte und plante, mit Weinbau Geld zu verdienen. Den Luxemburger Schriftsteller Norbert Jacques inspirierte ein Mitpassagier auf einer Fähre über den Bodensee zu seinem Verbrecherroman „Dr. Mabuse“.

Für Dr. Mabuse stand ein Passagier auf einer Bodensee-Fähre Pate.
Für Dr. Mabuse stand ein Passagier auf einer Bodensee-Fähre Pate. | Bild: Corinna Raupach

Jacques lebte am deutschen und Schweizer Seeufer und ließ sich vom Meersburger Maler Waldemar Flaig porträtieren. Der Schriftsteller Martin Walser und der Maler André Ficus inspirierten sich gegenseitig und gestalteten gemeinsame Buchprojekte.

Der Schöpfer von „Dr. Mabuse“ Norbert Jacques ließ sich vom Meersburger Maler Waldemar Flaig porträtieren.
Der Schöpfer von „Dr. Mabuse“ Norbert Jacques ließ sich vom Meersburger Maler Waldemar Flaig porträtieren. | Bild: Corinna Raupach

Das frisch verheiratete Ehepaar Hesse pflegte von Gaienhofen aus lebhaften Kontakt zu anderen Künstlern und stritt mit dem Schriftsteller Ludwig Finkh wegen dessen Nähe zu den Nationalsozialisten. Maria Hesse fotografierte Landschaft und Menschen, Hermann Hesse schrieb Texte und Gedichte und malte Aquarelle vom See. Später unterhielt Hesse eine enge Freundschaft zum Maler Hans Purrmann, der unter anderem in Langenargen lebte, belegt durch ein Hesse-Gedicht und Grafiken von Gunther Böhmer.

Das könnte Sie auch interessieren

Porträts von Künstlergemeinschaften wie dem Uracher Kreis

Die Ausstellung porträtiert Künstlergemeinschaften wie die Künstlerkolonie Rehmenhalde, im Volksmund „Hungerhügel“ genannt, oder den „Kreis“, der sich zwischen den Weltkriegen für bessere Kunst-Absatzmärkte einsetzte. Der Uracher Kreis vertrat anarchistische Ideen. Sein Gründer Karl Raichle verbrachte den Nationalsozialismus als Zinngießer in Meersburg. Der Lyriker Johannes R. Becher floh nach Moskau und schrieb später den Text der DDR-Nationalhymne und die Gedichtsammlung „Lob des Schwabenlandes“.

Das könnte Sie auch interessieren

Ein anderes Kapitel sind Institutionen: Im Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen suchten über Jahrzehnte Intellektuelle, Diplomaten, Banker und Kunstschaffende Heilung. Der Maler Ernst Ludwig Kirchner entdeckte seine Liebe zum Holzschnitt, der Kunstwissenschaftler Aby Warburg befasste sich mit dem Schlangenritual der Hopi.

Der Holzschnitt von Ernst Ludwig Kirchner zeigt Robert Binswanger, dessen Familie das Sanatorium Bellevue betrieb.
Der Holzschnitt von Ernst Ludwig Kirchner zeigt Robert Binswanger, dessen Familie das Sanatorium Bellevue betrieb. | Bild: Corinna Raupach

Mit dem Besuch der Internatsschule Schloss Salem begann für Erika und Golo Mann die Beziehung zum See: Erika Mann flitterte mit Gustav Gründgens im Kurgartenhotel Friedrichshafen und beschrieb ihre Eindrücke im Kinderbuch „Stoffel fliegt übers Meer“. Golo Mann kehrte bis ins Alter immer wieder an den Bodensee zurück und schrieb in der Altnauer „Krone“ an seinem Werk über Wallenstein.

Das könnte Sie auch interessieren

Die Ausstellung begründet selbst neue Beziehungen: Ein Raum mit 20 Exponaten ist zeitgenössischen Künstlern gewidmet. Sie konnten in einer offenen Ausschreibung Werke zum Thema Bodensee einreichen, 230 Einsendungen gingen ein. Die Auswahl traf das Publikum. 3500 Personen beteiligten sich am Verfahren, ihre Favoriten hängen jetzt im Museum: Ein Bodensee-Ölbild von Ilena Janari zum Beispiel, ein winziger Eisvogel in Emaille von Anna Bertle oder das Gedankenregal von Anna-Amanda Steurer.

Ein Raum ist einer Auswahl zeitgenössischer Werke zum Thema Bodensee gewidmet.
Ein Raum ist einer Auswahl zeitgenössischer Werke zum Thema Bodensee gewidmet. | Bild: Corinna Raupach

Wer die Fülle der Exponate auf sich wirken lassen oder auch Literatur vom oder über den Bodensee genießen möchte, darf die Ausstellung als Wohnzimmer nutzen. Überall stehen Sitzecken, in einer Ecke wartet sogar ein Sofa. Ein ganzer Raum mit Blick auf den See ist mit Sesseln, Tischchen und Leselampen möbliert. Das Museum soll so zu einem dritten Ort werden, neben Privatsphäre und Arbeitsplatz. Sogar eigens designte Hausschuhe stehen bereit.

Wie im Wohnzimmer warten Sessel und Tischen auf Besucher, die es sich gemütlich machen.
Wie im Wohnzimmer warten Sessel und Tischen auf Besucher, die es sich gemütlich machen. | Bild: Corinna Raupach

Die Ausstellung lädt nicht nur zum Verweilen, sondern auch zum Wiederkommen ein. Die einmal erworbene Eintrittskarte berechtigt zum beliebig häufigen Besuch.