„Ich komme mir langsam schäbig vor“, sagt Christina H., die ihren vollen Namen nicht in diesem Beitrag lesen möchte: Sie schämt sich. Die 28-Jährige sitzt im Büro von Diakon Martin Rebmann in Friedrichshafen. Zu Rebmann kommen Menschen, die ihre Rechnungen nicht mehr zahlen können. Und seit einigen Monaten ist Christina H. eine von ihnen – obwohl sie immer gearbeitet hat.

Martin Rebmann berät Menschen, die sich in Not befinden. Hier ist er im Gespräch mit Christina H.
Martin Rebmann berät Menschen, die sich in Not befinden. Hier ist er im Gespräch mit Christina H. | Bild: Lena Reiner

Ohne Rücklagen wird es schwierig

„Früher kam ich gut über die Runden“, erinnert sie sich. Doch dann kam Ida (Name von der Redaktion geändert) zur Welt. Inzwischen ist das Kind sieben Monate alt. „Ida kam unverhofft“, erzählt die Mutter, während sie die Kleine auf dem Arm hält. Eigentlich war Christina H. nicht davon ausgegangen, ein Kind bekommen zu können. „Die Ärzte haben gesagt, dass das unwahrscheinlich ist.“ Andernfalls hätte sie, so sagt Christina H., gespart: Denn ein Kind zu bekommen, kostet Geld. Und wer keine Rücklagen hat – oder eine Familie, die finanziell hilft, kommt leicht schnell in finanzielle Bedrängnis. Und das, obwohl der Staat Mütter und Väter unterstützt – eigentlich.

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Das Elterngeld soll fehlendes Einkommen ausgleichen, wenn Menschen ihr Kind nach der Geburt betreuen. Für Christina H. bedeutete das: Sie bekommt noch 65 Prozent ihres Einkommens, das sie als Jugend- und Heimerzieherin verdient hat – gut 1300 Euro. Der Vater von Ida arbeitet als KFZ-Mechatroniker, er steuert ebenfalls Geld bei. Doch er hat bereits ein Kind, ist unterhaltspflichtig – und muss einen Kredit abzahlen. Der jungen Familie bleiben damit etwa 1700 Euro netto – wenn das Elterngeld kommt. Das war für Christina H. zweimal nicht der Fall.

Zwei Monate Wartezeit

„Nach Idas Geburt habe ich acht Wochen darauf gewertet, dass das Elterngeld ausgezahlt wird“, erinnert sich Christina H. Zunächst dauerte es einige Tage, bis sie die Geburtsurkunde in der Klinik Tettnang erhielt. Anschließend dauerte weitere sieben Wochen, bis der Antrag bei der zuständigen L-Bank, das Landesförderinstitut des Landes Baden-Württemberg, das Geld auszahlte. Die L-Bank bestätigt auf Anfrage: „Über alle Fälle hinweg dauert es – einschließlich erforderlicher Rückfragen und der Antwortzeiten der Eltern – derzeit durchschnittlich gut zwei Monate.“ Wer in dieser Zeit nicht auf Erspartes zurückgreifen kann, dem fehlt in solchen Fällen das Einkommen.

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Für Christina H. kam in dieser Zeit Hilfe von Diakon Martin Rebmann. Er berät Menschen in Not, hat Zugriff auf Gelder, um Betroffene unterstützen. Rebmann sagt: „Ich habe die Familie bei einigen Rechnungen unterstützt.“ Vor allem die Miete lastete schwer auf ihnen: Fast 1000 Euro kostet die Wohnung im Monat – ein Großteil des Einkommens. Als nach acht Wochen endlich die Zahlung der L-Bank auf ihrem Konto landete, war Christina H. zunächst erleichtert. „Wir haben erstmal durchgeatmet.“

Geld wird trotz Unterstützung knapp

Dennoch war das Geld knapp. Christina H. beschloss daher, das Elterngeld etwas aufzubessern. „Ich habe mich bei der Elterngeldstelle erkundigt, ob das geht“, berichtet sie. Ein Berater habe ihr bestätigt, dass sie zusätzlich arbeiten könne. Auch die L-Bank bestätigt gegenüber dem SÜDKURIER: Eltern dürfen während des Elterngeldbezugs bis zu 30 Stunden in der Woche arbeiten. Wenn das Kind nach dem 31. August 2021 geboren wurde, darf man sogar 32 Stunden in der Woche tätig sein, ohne dass der Elterngeldanspruch entfällt.

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„Ich habe mich auf die Suche nach einem Minijob gemacht, den ich mit Ida gut bewältigen kann“, erzählt Christina H. weiter. Tatsächlich hatte sie Glück. Sie fand eine Stelle als Reinigungskraft. Ihre Tochter konnte sie mitnehmen, zudem gab es beim Putzen keinen Zeitdruck. „Wenn also Ida mal nicht kann, war es kein Problem. Am nächsten Tag konnte ich wiederkommen und die Arbeit fertig machen.“ Doch dann kam es zu einer bösen Überraschung.

Zahlungsstopp nach Telefonanruf

Christina H. rief in der Elterngeldstelle an und teilte mit, dass sie einen Nebenjob angefangen habe. „Daraufhin wurde die Zahlung des Elterngeldes gestoppt. Sie sagten, ich müsse zunächst Unterlagen einreichen.“ Geht das? Ein Zahlungsstopp nach einem Telefonanruf? Die L-Bank bestätigt, dass das Vorgehen Usus ist. Sie schreibt, dass die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit dazu führen könne, dass kein Anspruch mehr auf Elterngeld bestehe.

Christina H. musste also tatsächlich zunächst Unterlagen einreichen, die den Umfang ihrer Tätigkeit und die Höhe des voraussichtlichen Einkommens darstellen. Denn, so schreibt die L-Bank an den SÜDKURIER: Ein Nebenerwerb ist zwar erlaubt, wie der zuständige Berater Christina H. richtig mitteilte. Das Gehalt hat allerdings Einfluss auf die Höhe des ausgezahlten Elterngeldes.

Es folgten sechs ungewisse Wochen für Christina H. – sowie zwei Mietzahlungen, denen sie nicht nachkommen konnte. Wieder suchte sie Hilfe bei Diakon Martin Rebmann – das fiel ihr nicht leicht. „Ich komme mir langsam vor wie eine Sozial-Schmarotzerin“, sagt die Mutter. Ihren Minijob hat sie inzwischen aufgegeben, die Prüfung des L-Bank hat ergeben, dass ihr das zusätzliche Einkommen des Nebenerwerbs von Elterngeld abgezogen würde. Auch an den SÜDKURIER schreibt das Institut: „Der Minijob hat in aller Regel Auswirkungen auf die Höhe des Elterngelds.“

Steigende Preise bringen Menschen in Bedrängnis

Nun muss sie den Gürtel enger schnallen – auch wegen steigender Preise. „Brot backe ich inzwischen selbst.“ Das sei billiger. Und wie stellt sie sich die kommenden Monate vor? „Gute Frage, nächste Frage“, sagt die 28-Jährige. Aktuell scheint es keine Lösung für ihre schwierige Lage zu geben – und damit ist sie nicht allein.

Diakon Rebmann bestätigt: „Die Anzahl der Menschen, die nicht mehr mithalten können, steigt.“ Die Inflation mache sich auch am Bodensee bemerkbar. Zum Glück kann Rebmann manchmal helfen, etwa durch die Aktion Häfler helfen. Aus diesem Fördertopf kann er Menschen wie Christina H. mit dem Nötigsten unterstützen. Und er rät: „Schämen Sie sich nicht, Hilfe zu suchen.“ Es sei sinnvoll, sich früh zu kümmern, wenn das Geld nicht mehr reicht. Martin Rebmann sagt: „Wir sind da im Notfall.“ Christina H. sagt: „Und dafür bin ich sehr dankbar.“

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