Frau Vanzo, aktuell befinden wir uns alle im „Corona-Modus„. Was bedeutet das konkret für Sie und Ihre Logopädie-Praxis?

Die Praxis war vom 16. März bis zum 6. April komplett geschlossen, danach habe ich langsam wieder angefangen, einige Kinder zu therapieren. Natürlich mit den entsprechenden Hygienemaßnahmen wie Gesichtsmaske, Desinfektion, jetzt noch Schutzglas. Gut die Hälfte meiner Patienten gehört allerdings zur Hochrisikogruppe, das heißt sie sind über 65, haben verschiedene Grunderkrankungen, manche leben in Seniorenheimen. Realistisch gesehen rechne ich nicht damit, sie vor dem Herbst wieder zu sehen. Natürlich hat das finanzielle Folgen für mich, aber wir können ja Unterstützung beantragen und ich finde, dass viele Freischaffende in der Gastronomie oder im Kulturbereich schlimmer betroffen sind.

Seit 2017 gibt es Ihre Logopädie-Praxis „SprechFreude“ in Kluftern. Was hat Sie nach Kluftern geführt?

2013 habe ich mich mit einer Praxis in der Klinik in Biberach selbständig gemacht, bin dann 2016 der Liebe wegen nach Friedrichshafen gezogen und gependelt. Die Arbeit in der Neurologie und Geriatrie hat großen Spaß gemacht, nur gab es mit der Klinikübernahme durch einen privaten Betreiber immer mehr personelle und strukturelle Veränderungen. Deshalb habe ich mich entschieden, die Praxis an den Bodensee zu verlegen. Kluftern hat mir gleich gut gefallen, weil es alles bietet, zentral liegt und trotzdem noch Dorfcharakter hat. Und es ist einfach eine wunderschöne Gegend hier.

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Wann war klar, dass es Sie in diese Richtung (Logopädie/Sprache) zieht? Wie ist es dazu gekommen?

Bis ich bei der Logopädie gelandet bin, habe ich einige Umwege genommen. Nach dem Abitur habe ich als Au Pair in Australien gelebt. Zurück in Deutschland musste ich mich erst mal sortieren, manchmal ist das Wiederkommen viel schwieriger als das Weggehen. Ich habe kurz studiert, war dann an einer Sprachenschule, dann habe ich in einem kleinen Fachverlag in der Redaktion gearbeitet. Zu dem Zeitpunkt war für mich aber schon klar, dass ich etwas im sozialen Bereich und mit Sprache machen möchte.

Erst da habe ich von der Logopädie gehört und dann die Ausbildung gemacht. Und nicht bereut, auch wenn die Bezahlung, so wie in vielen Berufen in diesem Sektor, lange nicht gerade gut war. In den letzten Jahren hat sich einiges für uns gebessert. Und genau das brauchen die Berufe auch, die jetzt gerade unser Leben am Laufen halten. Keinen Applaus, der ist nur eine nette Geste, sondern endlich mal eine faire Bezahlung, die den Stellenwert, den sie haben, wiedergibt. Ich fürchte aber, dass die Corona-Zeit schnell wieder vergessen wird.

Was fasziniert Sie an Sprache? War das schon früher so?

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der es genau drei Fernsehprogramme gab und nachts noch ein Testbild lief. Bücher hatten also einen ganz anderen Stellenwert. Ich habe Bücher schon als Kind geliebt, manche immer wieder gelesen. Bücher sind Kopfkino, verleihen Flügel. Das geht mir noch heute so: wenn kein Buch auf dem Nachttisch liegt, werde ich unruhig. Was mich an Sprache fasziniert? Die tausend Blickwinkel, mit denen man sich damit beschäftigen kann. Was fehlt uns denn in diesen Zeiten am meisten?

Umarmungen und das persönliche Gespräch. Aber Sprache ist noch viel mehr: sie ist unser Werkzeug, um unsere Wahrnehmung der Welt und von uns selbst immer wieder abzugleichen. Viele Lebewesen auf dieser Erde können besser hören, riechen, sehen, laufen als wir. Aber Stand unseres heutigen Wissens sind wir die einzige Spezies, die sich durch Sprache mit der eigenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beschäftigen kann. Oder, wie wir gerade, über Sprache sprechen kann. Ganz besonders spannend finde ich Dialekte.

Schade, dass sie immer mehr verschwinden. Erst als ich nach Oberschwaben gezogen bin, habe ich angefangen, mich bewusst mit diesem Thema zu beschäftigen. Das lag daran, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben am Anfang wirklich rein gar nichts verstanden habe (lacht).

Kaffeegespräch auf Abstand: Annette Vanzo im Gespräch mit SÜDKURIER-Mitarbeiterin Nicole Burkhart über ihre Arbeit als Logopädin.
Kaffeegespräch auf Abstand: Annette Vanzo im Gespräch mit SÜDKURIER-Mitarbeiterin Nicole Burkhart über ihre Arbeit als Logopädin. | Bild: Emma Burkhart

Sie hatten Probleme mit dem schwäbischen Dialekt?

Schwäbisch war wie eine Fremdsprache und es hat viele komische Situationen gegeben, in denen ich mich völlig blamiert habe. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit unserem Hund im Wald spazieren gegangen bin und einen Bauern getroffen habe. Der fragte: „Isch des e sui?“ Ich bin in Gedanken alle Hunderassen durchgegangen und habe mich dann für die unverfängliche Antwort: „Ich weiß nicht“, entschieden. Erst auf dem Heimweg habe ich verstanden, dass er wissen wollte, ob es „eine sie“ ist. Danach habe ich mich immer ins Gebüsch geflüchtet, wenn ich ihn gesehen habe (lacht).

Was mögen Sie besonders an Ihrer Arbeit?

Den Kontakt zu völlig unterschiedlichen Menschen, sowohl, was das Alter angeht, als auch die Herkunft oder die Lebenserfahrungen. Gerade bei den erwachsenen Patienten gehen die Gespräche ja oft über die Therapieinhalte hinaus. Da war die Zeit in der Geriatrie und Neurologie sehr eindrücklich, denn viele der Patienten hatten die Kriegsjahre bewusst erlebt oder konnten Geschichten erzählen, als das Leben, besonders auf dem Land, noch viel härter war.

Neben den logopädischen Aufgaben hatten viele auch das Bedürfnis, sich zu erinnern und Ereignisse, die einen ein Leben lang beschäftigt haben oder die man auch lebenslang verdrängt hat, noch mal in Worte zu fassen. Das war oft nicht nur sehr interessant, sondern auch berührend und manchmal auch witzig. Ich habe jedenfalls eine Menge gelernt, auch was den Umgang mit Sterben und Tod angeht. Da werden mir einige besondere Menschen immer in Erinnerung bleiben.

Was sind Schwerpunkte Ihrer Arbeit? Wie kann ich das zusammenfassen?

Logopädie steht für Stimm-, Sprech-Sprachtherapie. Wir behandeln Stimmstörungen, diese können organische Ursachen haben wie zum Beispiel nach einer Operation aber auch durch einen Fehlgebrauch der Stimme. Die Sprechstörungen betreffen die Aussprache selbst.

Zu diesem Bereich gehören sowohl die Kinder, die bestimmte Buchstaben nicht richtig aussprechen können, aber auch Erwachsene, die wegen einer neurologischen Erkrankung Probleme mit der Artikulation haben. Bei den Sprachstörungen dreht es sich um die Bereiche Verstehen und Sprechen und Lesen und Schreiben. Ein weiterer großer Schwerpunkt ist Schlucken.

Was sind die häufigsten Gründe, warum jemand zu Ihnen kommt?

Bei den Kindern geht es oft um die Aussprache, das heißt ein bestimmter Laut kann nicht richtig ausgesprochen werden. Da ist das S der schwierigste Laut und deshalb auch häufig betroffen. Gravierender sind die Sprachentwicklungsstörungen, denn sie betreffen den Kern von Sprache: Verstehen, Wortschatz, Grammatik und Fähigkeiten wie Erzählen oder Zuhören.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Therapie mit Kindern und Jugendlichen, die beim Schlucken gegen die Zähne drücken, weil die Zunge durch Mundatmung nicht am Gaumen liegt. Das kann durch Allergien, Polypen oder häufige Erkältungen der Fall sein, aber auch durch langen und häufigen Schnullergebrauch. Nach dem ersten Lebensjahr hat der Schnuller nichts mehr im Mund verloren. Er sorgt dafür, dass sich die Lippen nicht schließen lassen und die Zunge am Mundboden liegt. Stecken Sie sich einfach mal einen Korken in den Mund und versuchen, richtig zu sprechen. Bei den Erwachsenen geht es meistens um Therapie nach Schlaganfall oder anderen neurologischen Erkrankungen.

Was unterscheidet die Arbeit mit Kindern von der mit Erwachsenen?

Grundsätzlich schon einmal die Ausgangslage: bei Kindern geht es in den meisten Fällen darum, die Entwicklung in manchen Dingen in Gang zu bekommen und zu unterstützen. Kinder sind spontan, direkt und unverstellt, wissen aber oft gar nicht genau, warum sie zur Therapie kommen. Wir verpacken die Therapieziele also in Spiele, denn die Kinder müssen ja gerne kommen, um auch mitzumachen oder mal bei mühsamen Phasen durchzuhalten.

Bei den Erwachsenen geht es um den Verlust von Fähigkeiten, die wir alle für relativ selbstverständlich halten. Die neurologischen Erkrankungen betreffen oft nicht nur Sprache oder Sprechen, sondern auch Lähmungen der Beine oder Hände. Darum kümmern sich die Kollegen und Kolleginnen aus der Ergo- beziehungsweise Physiotherapie. Für die Betroffenen und deren Angehörige ist es erst mal ein gewaltiger Schock, denn das Leben, wie man es gekannt hat, gibt es nicht mehr. Daher gibt es einen viel höheren Leidensdruck, aber auch die Motivation, mitzuarbeiten. Die Therapie ist also sehr zentriert, weil alle wissen, um was es geht.

Ist man als Logopädin bei den eigenen Kindern viel wachsamer, was Sprache angeht?

Da kann ich nur für mich sprechen. Natürlich kannte ich die Eckdaten der Sprachentwicklung und fand es faszinierend, die einzelnen Fortschritte bei meinen Kindern zu erleben. Dabei entwickelt sich jedes Kind ja auch in einigen Dingen ganz unterschiedlich. Ich habe Sprechspiele oder Bilderbücher aber nie als Mittel zum Zweck genutzt, sondern einfach, weil sie Spaß machen. Deshalb finde ich die Denkweise mancher Eltern, ihre Kinder mit gezielten Maßnahmen zu optimalen Erwachsenen zu erziehen, mehr als fragwürdig und sehe sie mittlerweile auch neurologisch widerlegt. Klassische Musik im Mutterbauch macht nicht intelligenter, Sprachen kann man auch nach dem achten Lebensjahr super erlernen.

Ich halte beispielsweise nichts von dem Englischunterricht, den ich durch meine Kinder dreimal in der Grundschule erlebt habe. Das ist in meinen Augen „Ringelpitz mit Anfassen“. Was dort in vier Jahren gelernt wird, hat der Fünftklässler nach drei Wochen drauf. Ganz abgesehen davon, dass der Englischunterricht sowieso wieder von vorne beginnt, weil alle einen völlig unterschiedlichen Stand haben. Ich fände es sinnvoller, diese Zeit in weitere Deutschstunden zu investieren. Wer sich in seiner eigenen Sprache ausdrücken kann, lernt auch leichter fremde Sprachen.

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Woher kommt es, dass heutzutage gefühlt viel mehr Kinder Sprachstörungen aufweisen? Oder trügt dieses Empfinden?

Ich kenne die aktuellen Zahlen zum Bereich Sprachentwicklung nicht, es gibt aber Untersuchungen, die belegen, dass auditive Wahrnehmungsstörungen bei Kindern jedes Jahr zunehmen. Jungen sind davon stärker betroffen, was auch mit der Reizüberflutung zu tun hat, die sich mit dem übermäßigen Gebrauch der neuen Medien einstellt. In der Praxis stelle ich ganz konkret fest, dass die Konzentrations- und Merkfähigkeit immer weiter nachlässt. Das sind aber Grundfähigkeiten, ohne sie gelingt kein Zuhören oder Erzählen, aber auch keine Mathematik.

Was möchten Sie Kindern und Erwachsenen mitgeben, die unter einer Sprechstörung leiden?

Haben Sie Zuversicht, dass sich die Dinge bessern können. Es wird vielleicht nicht alles wieder so, wie es mal war, aber es kann sich verändern.