Seit Mitte März sind Sie die neue Gemeinwesenarbeiterin in den Lebensräumen für Jung und Alt in Kluftern. Welche Aufgabengebiete umfasst Ihre Arbeit?

Als Gemeinwesenarbeiterin bin ich sozusagen Bindeglied zwischen allen Aktivitäten. Ich unterstütze Selbst- und Nachbarschaftshilfe, binde Ehrenamtliche ein und kümmere mich um die Vernetzung im Quartier. Wenn selbst- und nachbarschaftliche Unterstützung nicht mehr ausreichend sein sollten, nehme ich eine Lotsenfunktion ein und koordiniere professionelle und pflegerische Hilfen. Darüber hinaus gibt es in der Wohnanlage ein öffentliches Servicezentrum, das Kurse und Veranstaltungen zu verschiedenen Themen anbietet, hier habe ich auch mein Büro. Das Servicezentrum ist der Begegnungsort, der die Menschen zusammen ins Gespräch bringt. Dort werden Ideen geboren und dort treffen sich motivierte Bürgerinnen und Bürger, um verschiedene Aktivitäten auf den Weg zu bringen. Dabei stehe ich unterstützend zu Seite.

Als Sozialpädagogin haben Sie viele berufliche Möglichkeiten. Warum gerade diese Arbeit?

Ich bin wohl ein ganz klassisches „Stiftungskind“. Meine Mutter arbeitet bei der Stiftung Liebenau und so hatte ich schon immer Berührungspunkte. Sicherlich ist daraus auch mein Wunsch entstanden, im sozialen Bereich zu arbeiten. In Praktika in Deutschland und Kanada habe ich sowohl die Behindertenhilfe, als auch die Altenarbeit kennengelernt. Nach dem Studium habe ich im Bereich der Teilhabe gearbeitet. Jetzt nach der Elternzeit war der Wechsel genau das Richtige. Die Arbeit hier ist für mich zwar ein neues Arbeitsfeld, passt aber viel besser zur Vereinbarkeit mit meiner Familie, zum Beispiel durch die kürzeren Fahrtzeiten und geschicktere Arbeitszeiten. In der Einzelfallhilfe arbeitet man zudem viel näher mit dem Klienten zusammen, fühlt sich für vieles verantwortlich. Hier greifen die Systeme, auch wenn ich nicht da bin.

Was schätzen Sie am Konzept der Lebensräume?

Das Konzept wurde vor 25 Jahren entwickelt. Es stellt eine lebendige, generationsübergreifende Wohnform für Senioren, Singles, Paare, Alleinerziehende oder junge Familien dar. 2017 erhielt die Stiftung Liebenau hierfür sogar den deutschen Pflegeinnovationspreis. Damals wie heute ist es ein innovatives Konzept. Gerade in der momentanen Situation zeigt sich, dass Nachbarschaftshilfe aktueller denn je ist. Strukturen einer Caring Community mussten bei uns nicht neu geschaffen werden, wir konnten einfach darauf zurückgreifen. Gegenseitige Achtsamkeit wird bei uns im Alltag gelebt. Das ist ein Gewinn an Lebensqualität für alle. Niemand muss einsam sein, kann aber in seinen barrierefreien vier Wänden selbstbestimmt leben und seine Privatsphäre bewahren. Junge Familien profitieren von der Erfahrung und der Zeit der Senioren. Für ältere Menschen bieten der Austausch und die Integration die Chance, ihre Pflegebedürftigkeit bis ins hohe Alter aufzuschieben. Wer diesem Konzept aufgeschlossen gegenüber steht, findet schnell Anschluss und kann das Hilfesystem nutzen. Auch hat jeder Talente, die er in die Gemeinschaft einbringen kann.

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Wie sieht es mit den Perspektiven dieses Konzepts aus?

Für mich ist es auch ein zukunftsweisendes Konzept, denn in wenigen Jahren wird jeder vierte Mensch über 65 Jahre alt sein. Dies wird ganz neue Herausforderungen an unsere Gesellschaft stellen und es liegt an uns, diesen mit guten Ideen und einem wertschätzenden Miteinander zu begegnen. In den Lebensräumen zeigt sich, wie gesellschaftliches und soziales Leben so gestaltet werden kann, dass alle Menschen hier so lang wie möglich leben können und gleichzeitig die Unterstützung finden, die sie brauchen.

Und was schätzen Sie an Ihrer Arbeit besonders?

Am meisten schätze ich all die Menschen, mit denen ich in Kontakt komme. Der Slogan der Stiftung Liebenau fasst es schön zusammen: „In unserer Mitte – Der Mensch“. Ich habe unheimlich Freude daran, mit vielen unterschiedlichen Menschen in Kontakt zu kommen, Geschichten zu hören, neue Erfahrungen zu sammeln. Das Arbeitsfeld in der Gemeinwesenarbeit ist so unglaublich vielschichtig.

Welche Angebote gibt es normalerweise in den Lebensräumen?

Zu jedem Lebensraum gehört ein Servicecentrum. Neben hausinternen Veranstaltungen wie Familienfeiern, Jahresfesten, runden Tischen finden hier auch VHS-Sprachkurse, Gesundheitskurse, Familienfrühstück, inklusive Freizeitangebote für Menschen mit und ohne Behinderung, gemeinsames Singen oder Spielenachmittage der Agenda-21-Gruppe statt. Gleichzeitig ist es ein kommunales Angebot, das auch allen Bürgern offen steht. Feste, Versammlungen, Treffpunkt für Initiativen, Vorträge oder Krabbelgruppen – all dies kann dort stattfinden und ermöglicht lebendige Begegnung. In Kooperation mit den Akteuren vor Ort versuchen wir, unser Angebot stetig zu erweitern und an die Bedürfnisse der Menschen anzupassen. Dabei setzen wir auf den Auf- und Ausbau unserer Netzwerke, nehmen Ideen auf und versuchen, mit Kreativität ein vielfältiges und bedarfsorientiertes Angebotsspektrum zu schaffen.

Inwiefern beeinflusst Corona die Arbeit in den Lebensräumen?

Es ist doch sehr anders, da die Belebung im Servicezentrum fehlt. Für mich ist es jedoch eine gute Zeit, um hier zu beginnen. So habe ich genug Zeit, die Bewohner kennenzulernen. Im Normalbetrieb wäre die Zeit hierfür sicherlich begrenzter. Es ist schön, dass immer wieder jemand hereinschaut. Die Bewohner profitieren dadurch, dass sie untereinander gut vernetzt sind, in dieser besonderen Zeit noch stärker von der Wohnform der Lebensräume. Die Laubengänge ermöglichen distanzierte Treffen außerhalb der Wohnung. So konnten wir, natürlich mit der nötigen Distanz, in Immenstaad ein Café in den Laubengängen organisieren oder es wurde abends gemeinsam gesungen. Bei meiner Kollegin in Kressbronn wurde über die Balkone Bingo gespielt oder es wurden kleine Konzerte im Garten organisiert. Ich denke, wir sind alle recht erfinderisch an die neue Situation herangegangen und auch die Bewohner haben sich einiges einfallen lassen, um in Kontakt zu bleiben und sich gegenseitig zu unterstützen.

Was möchten Sie in den Lebensräumen in Kluftern in nächster Zeit umsetzen?

Erst einmal würde ich mich sehr freuen, wenn bald wieder „Normalbetrieb“ bei uns einkehren würde. Seit dem 15. Juni wurden unsere Räume schrittweise wieder geöffnet. Dabei muss vor jeder einzelnen Veranstaltung anhand des Praxiskonzeptes geprüft werden, ob und wie diese unter den Schutzbedingungen möglich sind. Dazu werde ich eng mit den Kursleitern zusammenarbeiten und prüfen, ob und wie ihre Kurse umsetzbar sind. Auf jeden Fall bin ich schon sehr gespannt, die Serviceräume wieder belebt zu sehen. Als ich Mitte März mit meiner Arbeit gestartet bin, waren die Räumlichkeiten schon geschlossen.

Ihre Arbeit scheint eine sehr persönliche Arbeit im Kontakt mit Menschen zu sein. Können Sie gut zwischen Privatleben und Arbeit trennen?

Ich denke, dass mir das ganz gut gelingt, vor allem seit ich selbst eine Familie habe. Sobald ich nach Hause komme, liegt mein ganzer Fokus darauf. Außerdem kann ich mir sicher sein, dass die Menschen in den Lebensräumen gegenseitig aufeinander achten und wichtige Hilfesysteme, wenn nötig, installiert sind.

Was tun Sie für sich selbst in Ihrer Freizeit?

Da kann man mich auf allen möglichen Spielplätzen, im Ravensburger Spieleland oder beim Buddeln am Bodensees in Fischbach antreffen. Seit ich wieder arbeiten gehe und nicht mehr allein die Care-Arbeit übernehme, haben wir uns auch innerhalb der Familie ganz anders aufgestellt. Dies schafft mir nicht nur beruflich, sondern auch privat mehr Freiräume, die ich gern mit meiner Schwester oder Freundinnen verbringe. Als Familie sind wir momentan viel mit unseren E-Bikes unterwegs und erkunden die wunderschöne Bodenseeregion. Auch reisen wir eigentlich mehrmals im Jahr nach Südtirol, um zu wandern und es uns einfach gut gehen zu lassen.

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