Nun also doch: Ab Mittwoch beginnen durch den erneuten Corona-Lockdown die Weihnachtsferien eine Woche früher als geplant. Schulen und Kitas schließen bis zum 10. Januar auch in Friedrichshafen. So viel wussten am Montagmorgen alle Beteiligten. Doch wie bereitet man so kurzfristig die Notbetreuung für Kinder vor? Und welche Eltern haben Anspruch darauf?

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Im Schreiben der Kultusministerin, das am Montagmorgen vorlag, stand es so: Anspruch hätten Eltern von Kita- und Schulkindern bis zur 7. Klasse. Voraussetzung für die Notbetreuung ist, dass beide Eltern oder eben Alleinerziehende von ihrem Arbeitgeber als unabkömmlich gelten. Das gilt diesmal auch für Home-Office-Arbeitsplätze. Zudem hätten Kinder einen Anspruch auf Betreuung, für deren Wohl das notwendig sei. Was genau das heißt, war am Montag auch für Steffen Rooschüz, Rektor der Merianschule und Geschäftsführender Schulleiter in Friedrichshafen, nicht ganz klar. „Die Schwierigkeit liegt in der Schwammigkeit dieser Formulierung“, meinte er.

Da die Weihnachtsferien eine Woche früher starten, wird es für Schüler von der 1. bis zur 7. Klasse bis zum 22. Dezember eine Notbetreuung geben.
Da die Weihnachtsferien eine Woche früher starten, wird es für Schüler von der 1. bis zur 7. Klasse bis zum 22. Dezember eine Notbetreuung geben. | Bild: Uli Deck

Auch im Rathaus war am Nachmittag noch nicht mehr bekannt. „Im Moment gehen wir aufgrund der Meldung von folgenden Punkten aus“, erläuterte Stadtsprecherin Monika Blank den Stand der Dinge: Jede Schule und jeder Kita-Träger organisiert die Notbetreuung bis zum 22. Dezember selbst, Kitas zu den sonst regulären Öffnungszeiten. Ein Anmeldeformular dafür will das Rathaus umgehend zur Verfügung stellen, sobald die Kriterien bekannt sind. Dann müssten die Eltern die Notbetreuung wieder direkt bei der Schule oder Kita beantragen, in die ihr Kind geht. „Dies wird sicherlich so unbürokratisch als möglich geschehen“, so Monika Blank.

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Ob für den Betreuungsantrag wieder eine Arbeitgeberbescheinigung vorgelegt werden muss oder eventuell auch nachgereicht werden kann, war am Montag im Rathaus noch nicht klar. Nach Auskunft von Steffen Rooschüz genüge diesmal wohl die Anmeldung des Bedarfs an der Schule. Er hält es für wichtig, den Eltern, die die Notbetreuung brauchen, sie auch anzubieten. Wenn dann allerdings die Schulen wieder halb voll sind, bringe das wenig. „Wichtig ist, dass die Kontakte soweit und radikal als möglich reduziert werden, damit wir am 11. Januar 2021 wieder regulär starten können“, wünscht er sich.

Nicole Dathe steht mit ihren Kindern am Zaun der Kita am Klinikum. Sie trat bereits im Frühjahr nach dem ersten Lock Down dafür ein, dass die Kindertagesstätten wieder öffnen.
Nicole Dathe steht mit ihren Kindern am Zaun der Kita am Klinikum. Sie trat bereits im Frühjahr nach dem ersten Lock Down dafür ein, dass die Kindertagesstätten wieder öffnen. | Bild: Cuko, Katy

Und wie kommt das bei den Eltern an? Nicole Dathe ist mit ihrem Latein am Ende. Die Entscheidung der Politik, Kitas zu schließen, macht die Gesamtelternbeirätin der Kindertagesstätten in Friedrichshafen wütend. Sie ist frustriert. „Ich könnte heulen für die kleinen Kinder. Die Nerven bei den Familien liegen blank“, sagt Dathe. Die Verzweiflung am Telefon ist ihr anzumerken.

Elternbeirätin macht erneute Schließung wütend

In der Nacht zum Montag habe sie bis drei Uhr E-Mails an Familienministerin Franziska Giffey, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, Ministerpräsident Winfried Kretschmann und an das Landesgesundheitsministerium Baden-Württemberg geschrieben. Sie möchte eine Erklärung für diese Entscheidung. Denn die Politik widerspreche sich selbst, da Kitas immer wieder als „keine Risiko-Orte“ bezeichnet wurden und keine wissenschaftlichen Belege vorliegen, dass diese Infektionsherde seien. Wenn überhaupt komme eine Ansteckung durch die Erzieherinnen in den Einrichtungen zustande, aber nicht von Kindern.

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Nicole Dathe meint: „Man muss zwischen Schulen und Kitas unterscheiden. Das wäre richtig und konsequent.“ Als Beispiel nennt sie Rheinland-Pfalz. Dort finde an den Schulen Fernunterricht statt, doch die Kitas bleiben weiterhin geöffnet, wenn die Eltern sie nicht zuhause betreuen können. „Kitas sind ein Ort der frühkindlichen Bildung. Eltern können keine Arbeit von pädagogischen Fachkräften zuhause bieten“, so die Gesamtelternbeirätin.

Von der Politik enttäuscht

Von der Politik ist sie enttäuscht und spricht von einem Vertrauensverlust. Der Beschluss sei nicht rational, logisch und faktenbasiert getroffen worden. „Es ist blinder Aktionismus, der auf dem Rücken von Kleinkindern ausgetragen wird.“ Daher appelliert Dathe an alle betroffenen Eltern, die die Kitaschließung wie sie nicht nachvollziehen können: „Meldet euch bei den Politikern, fragt nach und verlangt eine Erklärung!“ Sie erwartet von den Politikern, dass Kitas noch vor dem Einzelhandel im Januar wieder als erstes öffnen dürfen.

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Markus Sommer, Geschäftsführer der isb GmbH aus Friedrichshafen und Vater von zwei Grundschülern, steht grundsätzlich hinter dem Lockdown, kritisiert aber die fehlenden Konzepte für Schulen. „Ob Schulen und Kitas geschlossen werden müssen, darüber lässt sich aufgrund der wissenschaftlichen Ergebnisse streiten. Allerdings müssen die Eltern nun schon wieder innerhalb von drei Tagen die Aufsicht ihrer Kinder organisieren.“

Homeschooling-Konzept hat nicht funktioniert

Sommer hat das „Homeschooling„, das von März bis Juli andauerte, noch nicht vergessen. „Alle Eltern, die ich in den letzten Monaten gesprochen habe, hatten das gleiche Problem: Das Homeschooling-Konzept hat nicht funktioniert.“ Eltern seien keine Lehrer, zudem fehlen die Gruppendynamik der Klasse – und schlichtweg der Unterricht. „Das Land hatte als Betreiber der Schulen nun fast neun Monate Zeit, ein erstes Konzept für digitalen Unterricht aufzubauen“, sagt Sommer. In seiner Familie stünden die Laptops für den digitalen Unterricht bereit – sollte es ihn denn dieses Mal wirklich geben. „Ich lasse mich gerne positiv überraschen“, so der Familienvater.

Wer denkt an die Arbeitnehmer?

Auch für Katharina, berufstätige Mutter von drei Kindern, waren die erneuten Kita-und Schulschließungen ein Schockmoment wie für viele andere Eltern auch. „Ich finde es untragbar, dass die Schulen und Kitas nun wieder geschlossen werden. Neun Monate sind vergangen, seitdem der letzte Lockdown gestartet hatte, und noch immer gibt es keine Konzepte, wie die Kinder nicht unnötig belastet werden? Wie kann das sein, in einem so modernen und reichen Land wie Deutschland?“ Ihrer Meinung nach bekommen nicht nur die Kinder fünf Tage mehr Ferien geschenkt, sondern auch die Lehrer. „Wer schenkt all den anderen Arbeitnehmern in Deutschland fünf Tage Urlaub, einfach mal so“, fragt die Häflerin, die von den Kultusministerien in Deutschland erwartet, hier zeitnah eine Lösung zu finden, um das Grundrecht auf Bildung wieder erfüllen zu können.