Alles begann mit einem Aufruf in den sozialen Medien. Woher genau der Text stammte und ob irgendeine Organisation dahintersteckt? Das wissen Katharina Mayer, Angelina Wieland-Yücel, Jana Abbas, Jenny Schmid und Miriam Montano aus Friedrichshafen nicht so genau. Schulterzucken und ratlose Blicke sind die Antwort auf die Frage des Ursprungs; sie hätten den Aufruf quellenlos in den sozialen Medien entdeckt.

Facebookaufruf wurde geteilt und geteilt und geteilt

Abbas erklärt: „Mit dem Start der Aktion haben wir tatsächlich alle nichts zu tun. Das war ein Facebookaufruf, der wurde einfach geteilt, geteilt, geteilt. Wer damit angefangen hat, weiß ich leider nicht.“ Ein Name habe nie dabeigestanden, der Aufruf sei einfach irgendwo aus dem Boden gestampft worden. Mayer betont: „Ich bin keine Corona-Leugnerin, mir geht es um das Kindeswohl. Mein sechsjähriger Sohn geht teilweise auch in Betreuung, weil ich arbeiten muss, und hat dann sieben Stunden nonstop die Maske auf. Das grenzt für mich an Körperverletzung bei einem kleinen Kind, dessen Lunge sich gerade noch entwickelt.“ Das sei letztlich ihr Grund gewesen, Kinderschuhe vor das Rathaus zu stellen und damit ein Zeichen zu setzen.

Generell sei die Aktion wenig koordiniert gewesen. Eine der Mütter, die sich spontan dem Aufruf angeschlossen hat, lernen die anderen daher auch erst beim Gespräch mit dem SÜDKURIER auf einem Spielplatz in Jettenhausen kennen; letztlich handelt es sich bei ihr – Jenny Schmid – um die Erfahrenste in Sachen Protest zum Thema. Die Mutter von zwei Kindern war schon in Stuttgart bei einer Großdemo von Eltern, die sich gegen Masken und Tests für Kinder aussprachen und betont: „Das ist nicht wie bei Querdenken, die selbst gar keine Kinder haben und die Themen nur vorschieben. Da waren ganz viele Familien dabei.“

Das könnte Sie auch interessieren

Letztlich habe dann allerdings in Friedrichshafen Montano als Versammlungsleiterin gegenüber der Stadtverwaltung fungiert. „Ich fühlte mich überrumpelt“, sagt sie rückblickend. Sie sei vormittags zum Rathaus gekommen, habe gesehen, dass die Kinderschuhe fehlten, die vorher dagestanden hätten und habe daher einen der Sicherheitsleute gefragt, die dort an der Tür gestanden hätten. „Er sagte mir, die seien weggeräumt worden, da sie im Weg gestanden hätten.“

„Als Protest wurden sie gar nicht erkannt“, sagt Montano weiter. „Die Schuhe wurden mir erst herausgegeben, als ich meine Kontaktdaten hinterlassen habe“, schildert sie. Eine Presseinfo habe sie später dann verschickt, weil sie das Gefühl gehabt habe, dass die Aktion medial nicht wahrgenommen worden sei: „Das hat sich dann so ergeben.“ Im Laufe des Tages seien mehr Schuhe hinzugekommen und auch ein paar selbst bemalte Schilder mit Botschaften. Die meisten davon waren aus Kindersicht formuliert. Ob die Mütter hier tatsächlich die Worte ihrer eigenen Kinder wiedergegeben haben? Jenny Abbas erklärt: „Gezielt gefragt habe ich meine Kinder nicht. Ich weiß aber, wie sie darüber denken.“

Auch in Bermatingen standen Kinderschuhe zum Aktionstag; deutlich weniger als in Friedrichshafen. Dafür gab es mehr Botschaften auf Schildern zu lesen: unter anderem wurde aus dem Strafgesetzbuch zu Körperverletzung zitiert.
Auch in Bermatingen standen Kinderschuhe zum Aktionstag; deutlich weniger als in Friedrichshafen. Dafür gab es mehr Botschaften auf Schildern zu lesen: unter anderem wurde aus dem Strafgesetzbuch zu Körperverletzung zitiert. | Bild: Jan Manuel Heß

„Wahnsinnige Kopfschmerzen“ habe etwa ihr Sohn, berichtet sie, er müsse den ganzen Tag Maske tragen: „von morgens 8 bis nachmittags 16 Uhr. Nicht einmal auf dem Pausenhof dürfen sie sie abnehmen.“ Sie wäre damit einverstanden, wenn die Maske etwa auf dem Flur getragen werden müsste. Dass Schüler sie am eigenen Sitzplatz und sogar draußen tragen müssen, findet sie übertrieben: „Sie sitzen doch sowieso alle an einem eigenen Tisch und halten so Abstand, die Fenster sind noch dazu durchgehend offen.“

Diese Erfahrungen seien es, die sie dazu motiviert hätten, sich an dem bundesweiten Aufruf zum Protest gegen Tests und Masken für Kinder zu beteiligen. Montano ergänzt: „Kinder brauchen Mimik und Beziehungen, das ist wichtig für sie.“ Es sei auch wichtig, zu sehen, dass es hier einen riesigen Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen gebe. Letztere könnten mit viel mehr Regeln klarkommen.

Botschaften in Bermatingen.
Botschaften in Bermatingen. | Bild: Jan Manuel Heß

Zur Testpflicht sind sich die fünf Mütter, die sich in dieser Konstellation erstmalig an diesem Nachmittag treffen, nicht ganz so einig. Katharina Mayer etwa fände es in Ordnung, wenn sie Tests zur Verfügung gestellt bekäme und ihre Kinder zuhause testen könnte: „Ich finde es schlimm, wenn das öffentlich in der Klasse passiert. Da habe ich Angst vor irgendwelchen Mobbinggeschichten.“

Auch sei ihr nicht geheuer, dass irgendwer ihr Kind teste, wenn sie nicht dabei sei: „Ich komme sonst zu jedem Arzttermin mit und jetzt soll da ein Lehrer, der da nur eingelernt wurde, mein Kind testen. Wenn es sein muss, will ich das wenigstens selbst machen.“ Ihr schulpflichtiges Kind schlichtweg nicht mehr zur Schule zu schicken, wenn Präsenzunterricht grundsätzlich möglich sei, stelle für sie keine Option dar: „Dann müsste ich kündigen, denn Homeoffice, während ich auf meine Kinder aufpasse, ist für mich nicht machbar.“

Das könnte Sie auch interessieren

Montano hingegen ist gänzlich dagegen, Tests an Kindern – vor allem kleinen Kindern – durchzuführen: „Mir graut es davor, meine Kindergartenkinder testen zu müssen. Da ist ja Zähneputzen oft schon schlimm.“ Hinzu komme der psychische Druck, die Sorge vor einem positiven Ergebnis. Auch Angela Wieland-Yücel sagt: „Ich kann meinem Achtjährigen nicht sagen, dass er einen Corona-Test machen soll.“ Abbas betont: „Meine älteren Kinder sagen ganz klar, dass sie nicht getestet werden wollen.“

Dann ergänzt sie: „Das ist doch völlig sinnbefreit, dass man die Kinder in der Schule testen will und dann nach Hause schickt, wenn jemand positiv ist. Ich lasse meine Kinder zu Hause, wenn sie krank sind.“ Wieland-Yücel findet es traurig, dass offenbar Bildung inzwischen nicht mehr an erster Stelle stehe und bemängelt, dass keine echte Freiwilligkeit gegeben sei: „Wenn die Kinder ohne Test nicht zur Schule gehen können, ist das doch keine echte Entscheidung.“ Außerdem befürchte sie, dass das Durchführen von Tests das Verhältnis zu den Kindern „kaputt“ machen könne.

Was ist dran an der Kritik zu Maskenpflicht und Tests für Kinder?

Steffen Kallsen, Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche des Klinikums Friedrichshafen, erklärt in einer Stellungnahme: „Masken, die Mund und Nase bedecken, gehören als Teil eines Gesamtkonzeptes zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie hinzu.“ Durch diese Masken steige der Aufwand der Atemarbeit. Durch die Zunahme der Atemarbeit schaffe es ein gesunder Körper, die gleichen Ziele zu erreichen wie ohne Maske: Es werde genügend Kohlendioxid abgeatmet und Sauerstoff aufgenommen: „Schwankungen der Kohlendioxid-Abatmung fängt der Körper eines gesunden Kindes ebenfalls durch Zunahme der Atemtiefe und -frequenz auf, sodass es nicht zum Anstieg von Kohlendioxid im Körper kommen sollte.“

Steffen Kallsen, Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche des Klinikums Friedrichshafen
Steffen Kallsen, Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche des Klinikums Friedrichshafen | Bild: Medizin Campus Bodensee

In der sogenannten „Co-KI Studie“ erhielten Eltern, Ärzte und andere Personen in einem offenen Online-Register, das über die Universität Witten-Herdecke initiiert worden sei, die Möglichkeit, über mit dem Tragen von Masken assoziierte Nebenwirkungen zu berichten. „Dabei wurden Angaben zu über 25 000 Kindern gemacht. In der ersten Zusammenfassung der Daten zeigt sich, dass ein Großteil der Eltern besorgt ist“, schildert er.

Diese Sorgen der Eltern müssten ernst genommen werden und die Wissenschaft stehe in der Pflicht, valide Studienkonzepte zu erstellen, um gute Antworten zu formulieren. Zu den in der Studie genannten Nebenwirkungen zählten Gereiztheit (60 Prozent), Kopfschmerzen (53 Prozent), Konzentrationsschwierigkeiten (50 Prozent) und weniger Fröhlichkeit (49 Prozent).

Das könnte Sie auch interessieren

Nun sei es nicht einfach, diese Symptome einer Ursache zuzuordnen, da die Dauer der Pandemie, die geänderten Beschulungsformen, Quarantäneerfahrungen und so weiter durchaus relevanten Einfluss auf die oben genannte Symptomausprägung haben könne. „Ein positiver und vorbildlicher Umgang von uns Erwachsenen mit dem Thema AHA-L-Regeln und dem Tragen von Masken – trotz aller Pandemiemüdigkeit – kann Kindern dabei helfen, ihren wichtigen Teil zum Eindämmen der Pandemie und zur Wiederherstellung von Alltagsnormalität beizutragen“, zeigt sich Kallsen überzeugt.

Ein weiterer Teil des Gesamtkonzeptes seien regelmäßige Testungen in bestimmten Bereichen. Für Kinder bestimmter Altersgruppen sei ein Abstrich sicher eine unangenehme Erfahrung: „Je nach Altersstruktur und Vorerkrankungen werden mit entsprechend angepasstem Vorgehen die Abstriche entnommen.“ Aus seiner Erfahrung lasse sich dies gut umsetzen. Die Informationen, die ihm aus zwei Häfler Schulen vorlägen, besagten, dass die regelmäßige Entnahme von den neueren Abstrichen dort zu keinerlei Problemen geführt habe.

Das könnte Sie auch interessieren