Als der Radsportverein (RSV) Seerose im Jahr 2004 sein 100. Jubiläum feiern wollte, staunte der Vorstand nicht schlecht. Ein Jahr lang hatte ein hochmotiviertes Team die Vorbereitungen getroffen und die finanziellen Mittel bereitgestellt. Und dann das: Als die Stadt Friedrichshafen nach dem Gründungsnachweis fragte, war keiner auffindbar. Dabei hatte im Briefkopf des Vereins schon immer 1904 gestanden.

Radsportbegeisterte gab es in der Stadt schon früher

Bereits 1887 hatte Karl von Württemberg zwei Preise für ein Radrennen in Friedrichshafen gestiftet. Der radsport-affine König nahm auch 1889 die Einladung zu einem Rennen von Friedrichshafen nach Eriskirch an, das mit einem Korso durch seinen Schlossgarten begann. Die Radler hatten zu diesem Anlass im „Kostüm“ zu erscheinen. Das Rennen selbst fand in Trikot, Schärpe und Kniehosen statt. Es war ein gesellschaftliches Ereignis, organisiert vom 1887 gegründeten Radlerbund am Bodensee.

Bild: Ludwig Zimmermann

1904 wurde der erste Häfler Radfahrverein gegründet

Was dann 1904 aus der Taufe gehoben wurde, war der erste Häfler Radfahrverein Wanderlust. Eines der Gründungsmitglieder war Xaver Krenkel. Als es 1922 im Verein zu Unstimmigkeiten kam, spaltete sich eine kleine Gruppe ab, die am 15. Juli 1922 mit 15 Mitgliedern unter dem Vorsitz von Krenkel den Radfahrerverein Seerose Friedrichshafen gründete.

Xaver Krenkel lebte für den Radsport und für seinen Verein. Er starb 1957.
Xaver Krenkel lebte für den Radsport und für seinen Verein. Er starb 1957. | Bild: RSV Seerose

Zunächst im Schatten der großen Wanderlust zählte der Verein drei Jahre später bereits 60 Mitglieder und trat in den Süddeutschen Radfahrverband ein. Man positionierte sich politisch und verortete sich, im Gegensatz zu dem sozialistisch orientierten Arbeiter-Radsportverein Solidarität, im bürgerlich-christlichen Lager.

Frauen radelten von Anfang an mit

Neben ersten Rennen wurden vor allem Korsos gefahren. In militärisch organisierten Formationen fuhr man zu anderen Vereinen, der geweihte Banner mit dem Radlergruß „All Heil“ voran. Es ging darum, gut auszusehen und vor allem Stärke zu zeigen. Frauen waren von Anfang an dabei.

Radsportler des Radfahrer-Vereins in den 20er-Jahren.
Radsportler des Radfahrer-Vereins in den 20er-Jahren. | Bild: RSV Seerose

Auch gemeinsame Ausfahrten zu Gottesdiensten standen auf dem Programm. Und während drinnen gemeinsam gebetet wurde, radelten die Sozialisten klingelnd um die Kirche. 1932, zum Zehnjährigen, war die Seerose auf 100 Mitglieder angewachsen und die Wanderlust buhlte um eine Wiedervereinigung. Diese wurde abgelehnt.

Start zum Temporennen in Wangen 1957.
Start zum Temporennen in Wangen 1957. | Bild: RSV Seerose

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann die Gleichschaltung der Vereine. Sozialisten, Homosexuelle und Juden flogen raus, Solidarität und Wanderlust wurden aufgelöst. Der regimekonforme Radfahrerverein Seerose wurde zum dominierenden Radverein in Friedrichshafen. Mit den Mitgliedern und den Gerätschaften des Muttervereins übernahm die Seerose auch dessen Geschichte inklusive Gründungsjahr.

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Nun ging es um Wehrertüchtigung der Jugend

Ab sofort stand nicht mehr der Spaß im Vordergrund, sondern es ging um Wehrertüchtigung der Jugend. Sportliche Wettkämpfe wurden angeordnet, Mitglieder nahmen an politischen Schulungen teil, Heldengedenktage waren anberaumt. Die Vereine sammelten Altpapier und Edelmetall und organisierten Winterhilfswerk-Kollekten. Auf der schlaglochgepflasterten Piste hatte Xaver Krenkel den Lenker fest in der Hand.

Das Bild wurde 1955 in der Wendelgardstraße beim Start zu einem Kurzstrecken-Rennen aufgenommen.
Das Bild wurde 1955 in der Wendelgardstraße beim Start zu einem Kurzstrecken-Rennen aufgenommen. | Bild: RSV Seerose

Nach Kriegsbeginn wurde es ruhig im Verein. Einem Vermerk in einem der Protokollbücher ist zu entnehmen, dass es 1941 keinen Gummi für Reifen mehr gab. Die meisten der sportlichen Mitglieder waren eingezogen und am 21. August 1943 führte Krenkel mit fünf Mitgliedern die letzte Generalversammlung durch. Danach war Schluss mit dem Vereinsleben und die französische Siegermacht löste 1945 den Radfahrerverein Seerose auf. Erst fünf Jahre später durfte er mit 21 Mitgliedern und Krenkel als Vorstand neu gegründet werden.

Die beiden Fotos entstanden in den 50er-Jahren bei einem Rennen in Friedrichshafen.
Die beiden Fotos entstanden in den 50er-Jahren bei einem Rennen in Friedrichshafen. | Bild: RSV Seerose

Geld hatte der Verein keines, um 1955 ein internationales Kurzstreckenrennen ein sogenanntes Kriterium, rund um den Riedlewald durchführen zu können. Doch die Mitglieder bürgten und wurden tatsächlich zur Kasse gebeten.

Klaus Klimpel (rechts) war in den 60er-Jahren ein Motor des Rennsportbetriebs.
Klaus Klimpel (rechts) war in den 60er-Jahren ein Motor des Rennsportbetriebs. | Bild: RSV Seerose

Anfang der 60er-Jahren waren Korsos kein Thema mehr. Nach ein paar Jahren Rennsport rückte wieder der Breitensport in den Vordergrund. Das – vermeintliche – 75. Jubiläum war ein viertägiges Fest. Eine riesige Breitensportgruppe radelte mit Polizeieskorte von Kirchberg auf der B 31 zum Adenauerplatz. Der Fanfarenzug spielte.

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Mit einem Generationenwechsel 1984 wurden die Wanderfahrten eingestellt, der Rennsport wieder aufgebaut und der Stoppomat am Höchsten installiert. 2011 richtete die Seerose dort die Deutschen Bergmeisterschaften aus. Dann wurde die Piste holprig, der Verein hatte einen Plattfuß, spaltete sich auf und verlor seine Rennfahrer an den Konkurrenten.

Kurt Lippert zeigt den Banner, der in Anlehnung an das verschollene Exemplar von 1924 angefertigt wurde. „All Heil“ war der ...
Kurt Lippert zeigt den Banner, der in Anlehnung an das verschollene Exemplar von 1924 angefertigt wurde. „All Heil“ war der Radlergruß bis 1933. | Bild: Anette Bengelsdorf

Aber: „Wir haben den Neuaufbau geschafft“, sagt Kurt Lippert nicht ohne Stolz. Als Jugendleiter hat er den Nachwuchs betreut, der heute im Landes- und Bundeskader fährt. Immer mehr Mädchen und junge Frauen kamen in den Verein. Mit seiner Tochter Liane Lippert, Laura Süßemilch und Klara Koppenburg sind drei Profifrauen am Start. David List ist Profi im Mountainbike-Sport.

Heute geht es um Profi- und Breitensport

Heute, sagt Lippert, sei man auf dem Höhepunkt. RSV-Seerose-Fahrer holen Europa- und Weltmeisterschaftsmedaillen und nahmen an den Olympischen Spielen in Tokio teil, während eine große Breitensportfraktion, Jugend- und Kindergruppen für Nachwuchs sorgen und Inklusion ein wichtiges Thema ist. Das alles, sagt der Zollbeamte im Ruhestand, sei ohne ehrenamtliches Engagement nicht möglich.

Anstecknadeln verschiedener Epochen stiftete die Familie von Xaver Krenkel dem Verein.
Anstecknadeln verschiedener Epochen stiftete die Familie von Xaver Krenkel dem Verein. | Bild: Anette Bengelsdorf

Protokollbücher als Schlüssel zur Geschichte des Vereins

Zehn Jahre lang sammelte Lippert Dokumente und Fotos, um eines Tages die Geschichte des Vereins dokumentieren zu können. Zunächst wollten die Puzzleteile allerdings kein Gesamtbild ergeben. Bis zu dem Tag, als ihm Alfred Löscher die Protokollbücher des Vereins übergab.

Die Protokollbücher des „Radfahrer-Vereins“ Seerose hat Alfred Löscher aus einem Altpapiercontainer gerettet.
Die Protokollbücher des „Radfahrer-Vereins“ Seerose hat Alfred Löscher aus einem Altpapiercontainer gerettet. | Bild: Anette Bengelsdorf

„Ich war etwa 30 Jahre alt“, erzählt der pensionierte Lehrer, als ein Nachbar seiner Eltern, Herbert Nadig, ein ehemaliger Vorstand des RSV Seerose starb. Bei der Auflösung des Haushalts landeten die Bücher im Altpapier. „Ich habe sie eingepackt und dann lagen sie 40 Jahre lang in Obereisenbach auf meinem Dachboden“.

Alfred Löscher (links) überreicht Kurt Lippert die Protokollbücher.
Alfred Löscher (links) überreicht Kurt Lippert die Protokollbücher. | Bild: Alfred Löscher

Als er über die Seerose in der Zeitung las, kontaktierte er den Verein und übergab Kurt Lippert den Schatz am 4. Oktober 2018.

Die erste Seite aus dem zweiten Protokollbuch, das erste fiel einem Brand zum Opfer.
Die erste Seite aus dem zweiten Protokollbuch, das erste fiel einem Brand zum Opfer. | Bild: RSV Seerose

Endlich fügten sich die Puzzle-Steine zu einem Bild, der Verein hat einen Gründungsnachweis und kann in diesem Jahr sein richtiges Jubiläum feiern.