Hendrik Fennel steht, wo er früher jeden Morgen stand. Er steht dort, wo er früher das Buffet für die Gäste angerichtet hat und es auch mal drunter und drüber ging. Jetzt ist da nichts. Der Frühstückssaal wird nach dem Umbau des Fischbacher Hotels, wenn die Terrasse fertig und die Hauptarbeiten abgeschlossen sind, irgendwann zur Lobby. Doch im Augenblick ist er nur ein Abstellraum. Denn: Coronabedingt wird im Restaurant gefrühstückt. Und ein Buffet gibt es auch nicht mehr.

Das könnte Sie auch interessieren

Für die Gäste war das eine Umstellung, weiß der Inhaber des Hotels Maier: „Die Deutschen lieben ihr Frühstücksbuffet.“ Dafür, dass sie jetzt à la carte bestellen, „haben wir ordentlich was auf die Mütze bekommen“. Auch sonst hat sich coronabedingt einiges verändert: Die Maske ist praktisch überall im Hotel, an allen öffentlichen Bereichen, Pflicht. Für Mitarbeiter wie Gäste. Wer ins Restaurant will, bekommt einen festen Platz zugewiesen. Wer eincheckt, steht an der Rezeption vor einer Plexiglaswand.

Urlaubssaison am Bodensee: Momentan sind alle Zimmer belegt

Die Corona-Krise sei eine der schwersten, die er bisher durchgemacht habe, sagt Fennel. Doch so langsam läuft der Betrieb wieder an. Es ist Sommer, Urlaubssaison am Bodensee, und alle 55 Zimmer sind belegt.

Ein paar Gäste sind gerade beim Auschecken, der Urlaub hat ihnen gefallen. Eine Familie, die noch ein paar Tage Aufenthalt hat, will zum Schwimmen gehen. Im Zimmer haben sie das Kuscheltier der Tochter vergessen und so stürmen Vater und Tochter noch einmal zurück, an der Rezeption vorbei, zum Aufzug Richtung Zimmer. Vor dem Aufzug steht einer, von ein Dutzend im Hotel angebrachten Hygienespendern mit Gel, damit die Gäste es lange in den Händen reiben müssen. Und weil seine Tochter noch zu klein ist, hievt der Vater sie in die Luft, damit sie an den Spender kommt.

Überall im Hotel und vor den Aufzügen hat Fennel Hygienespender angebracht.
Überall im Hotel und vor den Aufzügen hat Fennel Hygienespender angebracht. | Bild: Daniela Biehl

Bilder wie diese zeigen, dass die Krise längst nicht vorbei ist. Auch wenn sich die Welt an den Mundschutz und das Abstandhalten gewöhnt hat. Und die Urlaubsidylle eingekehrt ist. Fennel glaubt jedenfalls nicht „dass wir bis nächstes Jahr eine deutlich bessere Infektionslage haben“.

Das könnte Sie auch interessieren

Als klar wurde, dass das Coronavirus nicht mehr nur im fernen China auftritt, als eine Storno-Welle über das Hotel einbrach, kam Fennel erstmal nicht mehr zur Ruhe. „Die Situation war furchtbar“, sagt er. Der Zeitpunkt denkbar ungünstig. „Nach dem Winter, vor der Saison, das ist genau die Zeit, wo wir anfangen, Geld einzunehmen.“ Und das hätte Fennel gut gebrauchen können. Durch den Ausbau des Hotels muss er bald ein Darlehen abbezahlen. Wegen der Bauarbeiten im vergangenen Jahr musste er einige Zimmer sperren und nahm so weniger ein. Und jetzt auch noch Corona.

Draußen vor dem Hotel, auf der späteren Terrasse, finden die letzten Bauarbeiten statt. Für den An-und Umbau musste Fennel ein Darlehen aufnehmen. Jetzt durch Corona ist noch ein Kredit dazugekommen.
Draußen vor dem Hotel, auf der späteren Terrasse, finden die letzten Bauarbeiten statt. Für den An-und Umbau musste Fennel ein Darlehen aufnehmen. Jetzt durch Corona ist noch ein Kredit dazugekommen. | Bild: Daniela Biehl

Weil das Hotel von März bis Juni die meiste Zeit leer stand, zog Fennel alle Register, um sich über Wasser zu halten. „Wir haben einen Kredit aufgenommen, Mitgliedschaften gekündet, Krankenkassenbeiträge, Steuern und Rechnungen gestundet.“ Die Stundungen hat er gerade beglichen. Und seine Mitarbeiter im Frühjahr in Kurzarbeit geschickt. Entlassen hat Fennel aber niemanden. Im Gegenteil: Weil das Frühstück à la carte viel mehr Arbeit mache als das Buffet, hat er eine Küchenhilfe und zwei Servicemitarbeiter eingestellt. „Und wir werden noch mehr einstellen müssen.“ Das Frühstück sei mit dem bestehenden Personal kaum zu stemmen.

Dass sein Hotel wieder gut besucht ist, hat er deutschen Touristen zu verdanken, vor allem Familien. „Wir haben dieses Jahr schon mehr Kinder im Hotel gehabt, als in den Jahren zuvor und das trotz der Monate, in denen wir fast geschlossen hatten“, sagt er. Die Sommermonate reichen zwar nicht, um den Verlust der Vormonate auszugleichen, „aber sie machen Hoffnung“.

Erste Hotels am Bodensee mussten schließen

Ein ähnliches Fazit zieht Daniel Ohl vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) in Baden-Württemberg. Er spricht von einem landesweiten Umsatzausfall von drei Milliarden Euro im Hotelgewerbe, verursacht durch die Corona-Krise. „Da klaffen riesige Löcher in den Bilanzen und die Angst vorm Winter ist groß.“ Angst, weil das Tagungs- und Veranstaltungsgeschäft fast komplett weggebrochen ist. Angst vor einer zweiten Welle und weiteren Verschärfungen. Und Angst vor Schließungen. „Am Bodensee haben auch schon Hotels schließen müssen“, weiß Ohl. Namen will er nicht nennen. Doch er weiß, dass viele – auch wenn sie es nicht gern zugeben – in ihrer wirtschaftlichen Existenz gefährdet sind.

Einen Hoffnungsschimmer sieht er dennoch: „Der Bodensee ist eine Urlaubsregion.“ Und bisher, so die Rückmeldungen an den Dehoga, „sei die Buchungslage wieder stabil“.

Auch Fennel findet: Die Sommermonate machen Hoffnung.
Auch Fennel findet: Die Sommermonate machen Hoffnung. | Bild: Daniela Biehl

Im Hotel Maier wird inzwischen sauber gemacht. Alles, was der Gast angefasst haben könnte, muss desinfiziert werden. Telefonhörer, Türklinken, die Fernbedienung. Es wird gelüftet und gereinigt. Die Mitarbeiter kennen ihre Aufgaben und Pflichten. Alles wirkt eingespielt. Wie ein gut funktionierendes Uhrwerk. Und das muss auch so sein – denn auch wenn es sich nicht ganz vermeiden lässt – soll Kontakt zumindest ein bisschen reduziert werden.

Neue Aufgabe: Infektionsgeschehen überwachen

Infektionsschutz ist Fennel wichtig. So sehr, dass er gerade an einem CO2 Messgerät tüftelt. Die Idee dahinter: Wo viele Menschen in einem Raum sitzen – im Restaurant, beim Frühstück etwa – werde viel ausgeatmet. „Acht Liter pro Minute“, sagt Fennel. Im Atem enthalten seien neben dem CO2 auch Aerosole, winzige Flüssigkeitströpfchen, an das sich bei infizierten Personen auch die Coronaviren anheften und die durch die Luft schwirren und sich über mehrere Meter verbreiten. „Eine hohe Konzentration von Aerosolen erhöht das Risiko für alle im Raum sich anzustecken.“

Das könnte Sie auch interessieren

Deshalb ist Fennel im Gespräch mit Unternehmen, die solche Geräte herstellen und will sie für die Hotelnutzung optimieren. Damit sie Alarm schlagen, wenn zu viel Aerosol im Raum ist. Damit noch intensiver gelüftet werden kann. „Und sich das Virus nicht so schnell ausbreitet“, sagt Fennel und wirkt wie einer, der sich nicht lange aufhält mit Nebensächlichen. Der anpackt, statt zu reden. „Mit Corona habe ich eine neue Aufgabe bekommen“, sagt er: „Das Infektionsgeschehen zu überwachen.“