Die Sonne scheint und in der Fußgängerzone herrscht tatsächlich so etwas wie Betriebsamkeit. Dass der Schein trügt, zeigt sich jedoch schnell im Gespräch mit den hier ansässigen Einzelhändlern. „Die Leute wollen keinen Kaffee beim Gehen trinken. Man merkt wirklich den Unterschied“, schildert Verkäuferin Francesca Zanetta und bedauert die fortgesetzte Schließung der (Außen-)Gastronomie.

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Diese ziehe sonst die Menschen bei gutem Wetter in die Stadt. Das merke man nun deutlich: Es seien deutlich weniger Menschen in der Innenstadt als normalerweise bei solchen frühlingshaften Temperaturen. „Und dann fehlen die Schweizer, ganz arg sogar.“

Abstand, Maske und das ist noch nicht alles: Kunden müssen außerdem ihre Kontaktdaten beim Shoppen hinterlassen; für manche ein Hinderungsgrund.
Abstand, Maske und das ist noch nicht alles: Kunden müssen außerdem ihre Kontaktdaten beim Shoppen hinterlassen; für manche ein Hinderungsgrund. | Bild: Lena Reiner

Auch bedauerten die Kunden, dass nach wie vor kein richtiger spontaner Einkauf möglich sei. Mit Terminshopping, auch wenn Spontantermine oft umsetzbar seien, sei alles viel geplanter. Man könne nicht einfach mal kurz schauen, sondern gehe eher gezielt zu einem Geschäft. „Es ist jetzt besser als bei Click und Collect, weniger kompliziert.

Aber auch wenn es besser funktioniert, sind wir so klein, dass nur eine Person in den Laden darf“, sagt Francesca Zanetta. Sie deutet auf den Hinweis an der Tür der Schuhhandlung Rieker, in der sie arbeitet. Manche Kunden würden außerdem davon abgeschreckt, dass sie ihre Kontaktdaten hinterlassen müssten: „Eben war eine Frau da, die ist direkt wieder gegangen, als sie das erfahren hat.“ Insgesamt sei es allerdings schon so, dass die Kunden, die das Angebot nutzten, froh seien, dass ein Einkaufen im Laden überhaupt wieder möglich sei.

Deko und Desinfektionsmittel: So präsentiert sich der Einzelhandel in der Coronapandemie.
Deko und Desinfektionsmittel: So präsentiert sich der Einzelhandel in der Coronapandemie. | Bild: Lena Reiner

Auch wenige Meter weiter im Geschäft „mut“ hat nur ein Kunde gemeinsam mit Inhaberin Nazli Yucad Platz. Damit Kunden nicht einfach den Laden betreten, wenn bereits jemand einkauft, stellt sie einen Aufsteller vor die Tür, der auf den laufenden Shoppingtermin hinweist. „Ich hatte den Eindruck, dass sich die Leute in den ersten Tagen erst an das mit den Terminen gewöhnen mussten“, schildert sie ihre Erfahrung.

Bei der Kommunikation mit den Kunden beweisen die Händler Kreativität: Dieses Wendeschild etwa funktioniert als Infotafel zum Terminshopping und auch als wortwörtlicher Kundenstopper, wenn bereits ein Shoppingtermin läuft.
Bei der Kommunikation mit den Kunden beweisen die Händler Kreativität: Dieses Wendeschild etwa funktioniert als Infotafel zum Terminshopping und auch als wortwörtlicher Kundenstopper, wenn bereits ein Shoppingtermin läuft. | Bild: Lena Reiner

Viele hätten gezögert, einen solchen Termin zu vereinbaren: „Wenn man dann 15 Minuten oder mehr den Laden allein für sich hat, fühlen sich viele verpflichtet, auch etwas zu kaufen. Dieses Lockere, Luftige fehlt, was das Stöbern im Laden sonst ausmacht.“

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Sie freue sich gleichzeitig sehr darüber, dass sie über die gesamte Pandemie sehr treue Kunden gehabt habe. Man merke deutlich, dass diese sie gezielt unterstützten: „Man könnte vieles, was ich anbiete, auch online direkt beim Hersteller kaufen, ich verlinke diese oft sogar in den sozialen Medien. Dass die Menschen das nicht tun, zeigt mir, wie sehr sie mich unterstützen.“

Nazl? Yucad darf zum Terminshopping in ihrem kleinen Laden aufgrund der Quadratmeteranforderung pro Person gerade einmal einen Kunden empfangen. Sie nennt eine weitere Herausforderung: „Bei mir kauft man auch mal einfach nur eine Postkarte. Viele Kunden wollen für so einen kleinen Kauf kein Kontaktdatenformular ausfüllen.“
Nazl? Yucad darf zum Terminshopping in ihrem kleinen Laden aufgrund der Quadratmeteranforderung pro Person gerade einmal einen Kunden empfangen. Sie nennt eine weitere Herausforderung: „Bei mir kauft man auch mal einfach nur eine Postkarte. Viele Kunden wollen für so einen kleinen Kauf kein Kontaktdatenformular ausfüllen.“ | Bild: Lena Reiner

Auch Martina Kraus freut sich über ihre treue Stammkundschaft in der Häfler Ravensbuch-Filiale, die für kurze Zeit als Buchhandlung „normal“ öffnen durfte: „Wir haben tolle Kunden, die uns wirklich die Stange halten.“ Gleichzeitig fehlten Touristen und Schweizer und schon das zweite Ostergeschäft stehe nun auf dem Spiel.

„Das Weihnachtsgeschäft ist letztes Jahr komplett weggebrochen und schon letzte Ostern mussten wir schließen.“ Normalerweise sei Ostern der Saisonstart für sie, ein gutes Geschäft. Mit ihrem Ärger und dem Unverständnis über aktuelle politische Entscheidungen mag sie nicht hinterm Berg halten: „In Lindau sind die Inzidenzwerte höher und Buchhandlungen dürfen dennoch geöffnet bleiben. Das ist absolut unverständlich.“

Ravensbuch-Filialleiterin in Friedrichshafen, Martina Kraus, kritisiert vor allem die kurzfristige Kommunikation. Trotzdem mag sie ein Buch empfehlen, zum Abtauchen in dieser Krisenzeit: Ewald Arenz‘ „Der große Sommer“ ist an diesem Tag frisch in der Filiale eingetroffen: „Ein Buch kann die andere fehlende Kulturelle zumindest ein wenig ausgleichen.“
Ravensbuch-Filialleiterin in Friedrichshafen, Martina Kraus, kritisiert vor allem die kurzfristige Kommunikation. Trotzdem mag sie ein Buch empfehlen, zum Abtauchen in dieser Krisenzeit: Ewald Arenz‘ „Der große Sommer“ ist an diesem Tag frisch in der Filiale eingetroffen: „Ein Buch kann die andere fehlende Kulturelle zumindest ein wenig ausgleichen.“ | Bild: Lena Reiner

Seit dem Urteil des Verwaltungsgerichtshofs Baden-Württemberg darüber, dass Buchhandlungen doch nicht zur Grundversorgung zählten, warteten sie auf klare Informationen zur weiteren Vorgehensweise. Doch allein das Urteil an sich hält sie für unbegreiflich: „Dass man den Wert des Buchs gerade in so einer Zeit nicht anerkennt, ist mir unbegreiflich. Das gesamte kulturelle Leben liegt lahm. Da könnte ein Buch zumindest ein kleiner Ausgleich sein, etwas zur täglichen Erbauung beitragen.“

„Wir wissen aktuell nicht mal, was am Montag erlaubt sein wird“

Darüber hinaus halte sie die Regelung für ungerecht, solange Supermärkte Bücher in ihrem Sortiment führen dürften: „Entweder gehören Bücher zur Grundversorgung oder sie gehören nicht dazu und dann darf auch ein Edeka oder Rewe sie nicht verkaufen.“

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Nicht zuletzt kritisiert sie die Kurzfristigkeit der Kommunikation: „Wir sind sauer über das Hauruck. Wir wissen aktuell nicht mal, was am Montag erlaubt sein wird. Wahrscheinlich erfahren wir das wieder Sonntagnacht. Die [Politiker] denken, sie schnippen mit dem Finger und in einer halben Stunde steht alles. Dabei muss ich planen können; wissen, wie viele Mitarbeiter ich einteile etwa.“

Leuchtend bunte Schilder machen auf aktuelle Angebote – und Rabatte – aufmerksam. Gebers Schlafwelten hat vor allem eins im Angebot: ausreichend Platz für Spontantermine.
Leuchtend bunte Schilder machen auf aktuelle Angebote – und Rabatte – aufmerksam. Gebers Schlafwelten hat vor allem eins im Angebot: ausreichend Platz für Spontantermine. | Bild: Lena Reiner

Einmal ums Eck herum am Buchhornplatz herrscht derweil beste Stimmung. Gerold Rieder von „Gebers“ zeigt sich vergnügt und überlegt sogar, das aktuelle System des Einkaufens mit Termin für Zeiten ohne Coronapandemie zu übernehmen: „So eine Matratzenberatung dauert oft eine Stunde. Dadurch, dass wir jetzt die Terminbuchungen vorher kennen, können wir planen, die Kunden können planen. Das ist positiv für uns.“

„Für uns hat sich nicht viel verändert. Wir können durch die Ladenfläche 20 Leute zum Terminshopping hereinlassen. So viele waren auch zu Normalzeiten nie gleichzeitig im Geschäft“, sagt Gebers-Filialleiter Gerold Rieder.
„Für uns hat sich nicht viel verändert. Wir können durch die Ladenfläche 20 Leute zum Terminshopping hereinlassen. So viele waren auch zu Normalzeiten nie gleichzeitig im Geschäft“, sagt Gebers-Filialleiter Gerold Rieder. | Bild: Lena Reiner

Durch die große Ladenfläche des Geschäfts hätten sie auch eigentlich keinerlei Einschränkungen: „Wir können 20 Leute gleichzeitig in den Laden lassen. So viele waren auch zu Normalzeiten nie gleichzeitig im Geschäft.“ Die große Verkaufsfläche mache sich nun bezahlt und die Kunden freuten sich, dass eigentlich durchweg Spontantermine möglich seien: „Bei uns müssen sie nie draußen warten.“