„Es macht einen Unterschied, ob zehn oder hundert Hände helfen. Ich halte es daher für einen ganz wichtigen Schritt, dass Hausärzte jetzt impfen können, finde allerdings, dass er zu spät kam“, sagt Karam Sharbat. Er selbst ist als Zahnarzt in der Fairpreispraxis in Friedrichshafen tätig. Ob er sich vorstellen könnte, ebenfalls zu impfen? Bietet dazu etwa das tägliche Setzen von Betäubungsspritzen die nötige Kompetenz? „Das ist kein Vergleich“, sagt Sharbat. Bei einer Anästhesie seien deutlich mehr Dinge zu beachten, außerdem setzten sie die Spritze in die Schleimhaut, also deutlich empfindlicheres Gewebe. „Man müsste nur klären, wie man das gut organisiert“, führt er aus.

Karam Sharbat ist Zahnarzt und setzt täglich Spritzen. Grundsätzlich wäre es ihm möglich, ebenfalls zu impfen.
Karam Sharbat ist Zahnarzt und setzt täglich Spritzen. Grundsätzlich wäre es ihm möglich, ebenfalls zu impfen. | Bild: Lena Reiner

Bei einer möglichen Impfnebenwirkung könnten Zahnärzte keinen Beistand leisten. Auch die Logistik sei ein Thema: „Wenn ich von uns ausgehe, dann klingelt in einer Praxis sowieso den ganzen Tag das Telefon und manche Patienten kommen gar nicht durch; schon ganz ohne Impfen.“ Allerdings sei er sich sicher, dass man dafür eine Lösung finden könne, etwa durch eine zusätzliche Mobilnummer, die nur für die Anmeldung genutzt werde: „So handhaben wir das schon in anderen Kontexten und das funktioniert prima.“

Unabhängig von der Frage, ob er selbst impfen könne, betont Sharbat, dass er froh sei, sich selbst beim Hausarzt impfen lassen zu können. Ein entscheidender Vorteil sei die Zeitersparnis: „Im Impfzentrum müssen die Ärzte ganz von vorn anfangen, alles abfragen bis hin zu Vorerkrankungen. Ein Hausarzt kennt seine Patienten. So dauert das vielleicht fünf Minuten, während im Impfzentrum deutlich mehr Zeit aufgewendet werden muss.“

Das könnte Sie auch interessieren

Einer der Allgemeinmediziner, der zurzeit seine Patienten impft, ist Reinhard Kahmann, der seit 1993 eine Praxis in der Seestraße leitet. Er freut sich, einen Beitrag leisten zu können, kritisiert aber gleichzeitig die Politik von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn: „Seit Jahren geht das in keine gute Richtung.“ Es sei daher auch schwer, einen Nachfolger für Hausarztpraxen zu finden. Einer seiner Kollegen habe sogar seine Praxis ein Jahr nach ihrer Schließung erneut geöffnet – „um zu impfen“.

Ganz aktuell sei die Auslieferung der Impfdosen an Arztpraxen ein großes Problem. „In der ersten Woche habe ich gerade einmal drei solche Fläschchen bekommen“, erklärt Kahmann und zeigt seinen Kühlschrank.

Die Fläschchen, die im Zentrum der Debatte stehen, sind winzig und haben einen kaum daumennagelgroßen violetten Deckel.
Die Fläschchen, die im Zentrum der Debatte stehen, sind winzig und haben einen kaum daumennagelgroßen violetten Deckel. | Bild: Lena Reiner

„Ich war wütend“, sagt er. Das habe ihn veranlasst, die Petition „Covid-Impfungen in die Arztpraxen verlagern – Impfturbo einschalten„ zu unterzeichnen. Es sei wichtig, dass Hausarztpraxen genug Impfstoff erhielten, um einen Beitrag leisten zu können. „Diese Woche habe ich deutlich mehr Impfstoff erhalten“, erklärt er. So könne das funktionieren. Anfragen von Patienten erhalte er telefonisch und per Mail. „Teilweise melden sich Leute, die seit Jahren nicht hier waren, wegen der Impfung“, sagt er und lacht.

Reinhard Kahmann impft seit zwei Wochen in seiner Praxis zusätzlich zum sonstigen Praxisalltag Patienten gegen das Coronavirus.
Reinhard Kahmann impft seit zwei Wochen in seiner Praxis zusätzlich zum sonstigen Praxisalltag Patienten gegen das Coronavirus. | Bild: Lena Reiner

Seine Handhabung sei es derzeit, direkt Termine zu vergeben, sofern die Anfragenden einer der aktuell priorisierten Gruppen angehörten. Eine Warteliste führe er bislang nicht. Priorisiert seien inzwischen einige Personengruppen, etwa jene, die Umgang mit Risikogruppenangehörigen hätten, so auch das Umfeld von Schwangeren: „Es ist gut, dass wir vorankommen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Bei aller Kritik, die Kahmann durch sein Zeichnen der Petition bekräftigt hat, möchte er jedoch betonen, dass es ein Glück sei, wie schnell überhaupt ein Impfstoff entwickelt habe werden können: „Coronaviren sind bekannt, man hatte also die Grundstruktur des Virus, sodass man den Impfstoff überhaupt so schnell entwickeln konnte.“ Noch vor einem Jahr habe die Situation ganz anders ausgesehen.

Der Arzt holt in Papier verpackte dünne Überziehkittel hervor: „Die haben wir damals bekommen, die schützen jedoch nicht. Damals hatten wir fast keine Schutzausrüstung und vor allem keine FFP2-Masken und die wenigen, die zur Verfügung standen, kosteten pro Stück bis zu 20 Euro.“ Deutschland sei nicht vorbereitet gewesen. Mancher Kollege habe lediglich mit einer OP-Maske oder gar komplett ohne Schutz Infizierte behandeln müssen. Inzwischen sei Deutschland diesbezüglich deutlich besser aufgestellt und auch die aktuelle Impfstofflieferung sei ausreichend gewesen.