Sergej Leinin verbringt die Zeit kurz vor der Wiedereröffnung zwischen Telefon, Computer und Waschmaschine. Er bespricht sich mit Kollegen zur Umsetzung der Infektionsschutzmaßnahmen, gibt Bestellungen auf und wäscht die neu eingetroffene zusätzliche Schutzkleidung für seine Mitarbeiter. „2000 Euro habe ich insgesamt ausgegeben: Für Desinfektionsmittel, Einweg-Masken, Einweg-Handschuhe, zusätzliche Umhänge und Handtücher. 2000 Euro sind also weg, ohne dass wir überhaupt angefangen haben“, schildert er.

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Zur Sicherheit seiner Kunden und Mitarbeiter wolle er nämlich nicht auf eine mitgebrachte Alltagsmaske vertrauen, die eventuell nicht frisch gereinigt oder falsch aufbewahrt worden sei: „Ich finde es sowieso ein wenig früh dafür, dass wir wieder am Kunden arbeiten dürfen.“ Wer den Friseursalon betreten mag, erhält eine nigelnagelneue Einwegmaske für die Dauer des Aufenthalts. Auch jeder Mitarbeiter wechselt vor jedem neuen Kunden die Maske, Sitzplätze und Handwerkszeug werden jedes Mal desinfiziert.

Einmalmasken sind bei manchen Friseursalons Pflicht, bei anderen dienen sie als Notlösung für Vergessliche.
Einmalmasken sind bei manchen Friseursalons Pflicht, bei anderen dienen sie als Notlösung für Vergessliche. | Bild: Lena Reiner

Desinfizier-Station für Kunden gleich am Eingang

Am Eingang erwartet eine kleine Desinfizier-Station die Kunden: Hier steht ein Gel für die Hände bereit. „Unsere Innung rät dazu, kein Spray zu verwenden, damit das Desinfektionszeug nicht eingeatmet wird“, erläutert Leinin. Während ihres Aufenthaltes seien die Kunden dazu angehalten, ihre Hände unter dem Friseurumhang zu lassen, auf diese Sicherheitsmaßnahme hat er sich mit einer Gruppe Kollegen geeinigt. Zeitschriften lesen oder am Handy nebenbei chatten ist also nicht mehr möglich, Getränkeausschank ist sowieso rechtlich durch die Richtlinien für Friseure basierend auf der aktuellen Corona-Verordnung des Landes untersagt.

Sergej Leinin, Inhaber der Friseursalons „Männer Stil“ in Friedrichshafen und Tettnang.
Sergej Leinin, Inhaber der Friseursalons „Männer Stil“ in Friedrichshafen und Tettnang. | Bild: Lena Reiner

Hygienevorschriften sorgen für Mehrkosten

In Leinins „Männer Stil“-Salons haben die zusätzlichen Maßnahmen seinen gewohnten Zeitplan durcheinandergebracht. Seit 2003 ist er selbstständig als Salonbetreiber und setzt auf 30-Minuten-Zeitfenster für Herrenhaarschnitte. Durch die Hygienevorschriften müsse er nun etwa 45 Minuten pro Kunde einplanen.

Aus der Ruhe lässt er sich von den Regelungen nicht bringen: „Ich finde, wir müssen uns jetzt einfach an die Regelungen halten, damit die Infizierten-Zahlen nicht wieder nach oben gehen.“ Gleichzeitig möchte er auch sein Geschäft finanzieren können. Daher legt er die Mehrkosten mit 21 Euro pro Haarschnitt auf seine Kunden um. Über die Aussage des Deutschen Friseurverbandes, Aufpreise von durchschnittlich 1 bis 2 Euro seien ausreichend, ärgert er sich: „Ich werde ständig darauf hingewiesen, dabei ist diese Angabe absolut unrealistisch.“

Susanne Kohl hatte eigentlich nur angefragt, ob sie Farbe zum selbst Nachfärben kaufen könne, um den geschlossenen Friseursalon von Monja Taubert zu unterstützen. Da erfuhr sie dann, dass Friseure ab 4. Mai wieder öffnen dürfen und sicherte sich sofort einen Termin.
Susanne Kohl hatte eigentlich nur angefragt, ob sie Farbe zum selbst Nachfärben kaufen könne, um den geschlossenen Friseursalon von Monja Taubert zu unterstützen. Da erfuhr sie dann, dass Friseure ab 4. Mai wieder öffnen dürfen und sicherte sich sofort einen Termin. | Bild: Lena Reiner

Aufpreis oder nicht? Das entscheidet jeder Salon selbst

Monja Taubert, Inhaberin der „Zauberstube“ in Immenstaad, hat sich gegenteilig entschieden und verzichtet gänzlich auf einen Aufpreis: „Ich habe erst zum Jahresanfang meine Preise erhöht.“ Auch sonst handhabt sie den Spielraum des Maßnahmenkatalosg anders, der sie vor allem hinsichtlich ihres kosmetischen Angebots einschränkt. Sämtliche Gesichtsbehandlungen, auch Augenbrauen zupfen oder Wimpern färben, sind noch untersagt. In ihrem Salon sind mitgebrachte Alltagsmasken sogar erwünscht; zur Müllvermeidung. Einwegmasken stellt sie denen zur Verfügung, die ihre eigene Maske zu Hause vergessen haben.

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Am Montagmorgen ging es für Monja Taubert früh los. Überhaupt sei die Nachfrage groß, der nächste freie Termin im Kalender in etwa zwei Wochen. Um 8 Uhr kam der erste Kunde zum Haare schneiden, um 9 Uhr färbt sie der ersten Kundin den Haaransatz nach. Während der Einwirkzeit kann Monja Taubert in Ruhe Fragen beantworten. „Eigentlich würde ich jetzt Kaffee trinken und frühstücken“, sagt sie, „dazu nutze ich immer die Einwirkzeit beim Färben.“ Ihre Kaffeepausen so in den Arbeitsalltag einzubauen, ist ihr jetzt nicht mehr erlaubt. Auch Kundin Susanne Kohl muss auf Kaffee und ausführlichen Schwatz verzichten. Ungewohnt findet diese das zwar, ist aber dennoch bestens gelaunt. „Als ich heute Morgen aufgewacht bin und wusste, dass mein Sohn in die Schule gehen kann und ich zum Friseur, da habe ich mich direkt viel entspannter gefühlt als die letzten Wochen“, erzählt sie, das sei „so etwas Normales.“

Jana Fuchs arbeitet mit Einwegmaske und stellt fest: „Sprechen kann man mit den dünnen Masken deutlicher als mit der Stoffmaske, die ich zum Einkaufen trage.“
Jana Fuchs arbeitet mit Einwegmaske und stellt fest: „Sprechen kann man mit den dünnen Masken deutlicher als mit der Stoffmaske, die ich zum Einkaufen trage.“ | Bild: Lena Reiner

Empfehlungen der Genossenschaft sind deutlich strikter

Jana Fuchs' Friseursalon und Ulis Grecos Barbershop in der Eugenstraße in Friedrichshafen haben ebenfalls einen vollen Kalender für die nächsten zwei Wochen. Bei der Verordnungsauslegung halten sie sich an die Empfehlungen der zuständigen Berufsgenossenschaft, die deutlich strikter sind als das, was die Landesregierung nach der letzten Änderung der Richtlinien am Sonntag vorschreibt. Ulis Greco ergänzt: „Wenn der Virus so gefährlich ist, wie es heißt, finde ich es eigentlich unverantwortlich, dass wir überhaupt öffnen dürfen.“ Das heißt also: Einmalmasken für alle, verpflichtendes Haarewaschen vor jedem Termin und außerdem sollen die Hände der Kunden unter dem Umhang bleiben. „Nur der Empfehlung, Einmalumhänge über den eigentlichen Umhang zu legen, schließen wir uns nicht an“, erklärt Fuchs. Ein Umhang werde nur von einem Gast getragen und danach gewaschen.

Ulis Grecos Kunden dürfen aktuell keine Bartrasur erhalten, die normalerweise fest zum Angebot gehört. Aus Solidarität bezahlen viele Kunden dennoch den Bartpreis obendrein.
Ulis Grecos Kunden dürfen aktuell keine Bartrasur erhalten, die normalerweise fest zum Angebot gehört. Aus Solidarität bezahlen viele Kunden dennoch den Bartpreis obendrein. | Bild: Lena Reiner

Klebestreifen auf dem Boden weisen auf die Abstandsregelung hin

Vor Olivia Buchers gleichnamigem Friseursalon in der Häfler Fußgängerzone weisen Klebestreifen auf die Abstandsregelung und den idealen Ort zum Warten hin. „Das funktioniert perfekt. Die Kunden sind solche Markierungen aus dem Einzelhandel schon gewohnt und warten ganz automatisch auf dem markierten Punkt“, freut sich die Salon-Inhaberin, die seit 7.30 Uhr da ist. „Die Nacht hat schon um 4 Uhr geendet. Das war ein Gefühl wie vor einer Prüfung“, verrät sie. Umso schöner sei es, welche Reaktionen sie in der Innenstadt auf dem Weg zur Arbeit erhalten habe, schildert sie lächelnd. „Mir wurde mehrfach gesagt, wie toll das sei, dass wir wieder arbeiten.“

Die Markierung vor dem Salon von Olivia Bucher zeigt den Kunden, wie sie mit Mindestabstand den Salon betreten.
Die Markierung vor dem Salon von Olivia Bucher zeigt den Kunden, wie sie mit Mindestabstand den Salon betreten. | Bild: Lena Reiner

Im Kassenbereich trennt ein Spuckschutz Kunden von Mitarbeitern

Die Richtlinien interpretiert Olivia Bucher für ihren Salon streng. Auf die am Vortag erfolgten leichten Lockerungen der Richtlinien verzichtet sie größtenteils. „Ich mache es so, wie es drinsteht: Man soll immer vom erhöhten Risiko ausgehen“, erklärt sie. So bietet sie keine offenen Getränke an, hat die mittigen Sitzplätze mit Plexiglas abgetrennt, auch im Kassenbereich trennt ein sogenannter Spuckschutz Kunden von Mitarbeitern. Außerdem hat sie Friseurstühle für den Zeitraum der Corona-Maßnahmen angeschafft, weil die Desinfektion das Leder der eigentlichen Sitzgelegenheiten angreift.

Olivia Bucher in ihrem Salon, in dem ihren Mitarbeitern derzeit vier Arbeitsplätze weniger zur Verfügung stehen, damit die Mindestabstände eingehalten werden können.
Olivia Bucher in ihrem Salon, in dem ihren Mitarbeitern derzeit vier Arbeitsplätze weniger zur Verfügung stehen, damit die Mindestabstände eingehalten werden können. | Bild: Lena Reiner

Eine Stammkundin, deren Kurzhaarschnitt wieder die gewohnte Form angenommen hat, zeigt sich rundum zufrieden: „Ich habe zum Haare färben sogar extra eine Vliesmaske bekommen, damit meine eigene Maske keine Flecken bekommt. Hier wird wirklich an alles gedacht.“ Besonders lange habe sie auf ihren Haarschnitt warten müssen. Ihr eigentlicher Friseurtermin wäre einen Tag vor dem Berufsverbot für Friseure gewesen. „Deshalb habe ich auch bei meinem Einkauf von Pflegeprodukten per E-Mail darum gebeten, mir sofort einen Termin zu geben, sobald es wieder erlaubt ist.“

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