„Ich bin echt sprachlos.“ Mit der Nachricht hatte Ekkehard „Ekki“ Badent nicht gerechnet. Halle 4 im Fallenbrunnen, in der er seine Autowerkstatt hatte, könnte nun doch stehen bleiben. So zumindest steht es in den Plänen des Siegerentwurfs beim städtebaulichen Wettbewerb, den die Stadt ausgelobt hatte. Die rund 100 Meter lange Halle soll nach Meinung der Stuttgarter Architekten von Wick+Partner „im Sinne des Erhalts grauer Energie“ erhalten bleiben. Der Bau schließe räumlich zum Wald hin ab und ergänze die handwerkliche Nutzung des Areals, steht da.

So stellt sich der Siegerentwurf beim städtebaulichen Ideenwettbewerb die künftige Bebauung des Fallenbrunnen dar. Der gelbe Loop verbindet die einzelnen Quartiere und schafft eine Verkehrsachse, auf der aber keine Autos nicht fahren sollen.
So stellt sich der Siegerentwurf beim städtebaulichen Ideenwettbewerb die künftige Bebauung des Fallenbrunnen dar. Der gelbe Loop verbindet die einzelnen Quartiere und schafft eine Verkehrsachse, auf der aber keine Autos nicht fahren sollen. | Bild: WICK + PARTNER Architekten Stadtplaner

Nun: „Ekkis Werkstatt“ im Fallenbrunnen ist genau genommen Geschichte. 20 Jahre war er hier Mieter. Gekündigt hatte ihm die Stadt – wie allen anderen Gewerbetreibenden auch – schon vor zwei Jahren. Im Sommer wurde die Zwangsräumung betrieben. Nach lange erfolgloser Suche fand Ekkehard Badent inzwischen neue Gewerberäume in Friedrichshafen und ist mitten im Umzug. Deshalb bekam er noch einmal einen Aufschub für die Räumung bis Mitte Oktober.

Das könnte Sie auch interessieren

Er freue sich, dass Halle 4 nun vielleicht doch nicht plattgemacht wird, erklärte er beim Vor-Ort-Besuch. Einige Architekten, die sich bei ihm umschauten, hätten nicht verstanden, warum das massive, in der Substanz gut erhaltene Gebäude abgerissen werden soll. Noch viel mehr freut sich Ekkehard Badent aber darüber, dass der Siegerentwurf der Architekten in diesem Teil des Fallenbrunnen künftig Handwerkerhöfe und damit Platz für Kleingewerbe vorsieht. Genau das hatten Studenten und auch er beim „Hackathon“ vorgeschlagen, der dem Wettbewerb vorgeschaltet war.

Halle 4 im Fallenbrunnen steht praktisch auf einem Berg aus Altlasten. Der Siegerentwurf des städtebaulichen Ideenwettbewerbs schlägt den Erhalt der Halle vor.
Halle 4 im Fallenbrunnen steht praktisch auf einem Berg aus Altlasten. Der Siegerentwurf des städtebaulichen Ideenwettbewerbs schlägt den Erhalt der Halle vor. | Bild: Katy Cuko

Halle 4 erhalten? Das war dann auch Thema im Ratsausschuss für Bauen, Planen und Umwelt, der sich am Dienstag mit den Ergebnissen des Wettbewerbs beschäftigte. Der Vorschlag stehe allerdings nicht im Einklang mit dem Beschluss des Gemeinderats, erklärte Klaus Sauter, Chef des Stadtplanungsamts. Deshalb gehe man im Rathaus weiter davon aus, dass Halle 4 abgerissen wird. Wenn der Rat nun doch anderes wolle, müsse der Beschluss geändert werden. Diesen Antrag werde das Netzwerk für Friedrichshafen stellen, erklärte Fraktionschef Jürgen Holeksa.

Am Beispiel der Halle 4 wird deutlich, welche Umweltprobleme die Neubebauung des Fallenbrunnen mit sich bringt. Das könnte auch ein Grund sein, warum die Halle besser stehen bleiben soll.

Waldabstand kaum einzuhalten

Erstens: Die Halle steht direkt am Waldrand. Die Landesbauordnung schreibt vor, dass Gebäude in der Regel mindestens 30 Meter vom Wald entfernt sein müssen. Das bedeutet: Nach dem Abriss darf an dieser Stelle eigentlich nichts Neues gebaut werden. Und drei Viertel der Wald- und Gehölzbestände im Fallenbrunnen sind so hochwertig, dass für den Eingriff voraussichtlich Ausnahmegenehmigungen nötig sind. Das „heikle Thema“ Waldabstand sei bekannt, so Klaus Sauter. Es gebe Möglichkeiten, dieses „Konfliktpotenzial zu bewältigen“, aber dafür sei es noch zu früh. Und für gewerbliche Anlagen gebe es eventuell andere Möglichkeiten, was den Waldabstand angeht.

Das könnte Sie auch interessieren

Viele geschützte Arten sind im Fallenbrunnen heimisch

Zweitens: Direkt hinter Halle 4 wurden 2020 bei Untersuchungen drei Exemplare des Purpur-Knabenkrauts gefunden – eine gefährdete Pflanzenart, die auf der Roten Liste steht und streng geschützt ist. Im vorbereitenden Umweltbericht für den Fallenbrunnen steht, dass es ein „Risiko von erheblichen Beeinträchtigungen“ für mehrere Artengruppen gibt. Von 51 brütenden Vogelarten beispielsweise stehen elf auf der Roten Liste des Landes. Für mehrere seltene und ebenfalls geschützte Fledermaus-Arten stelle das Areal ein wertvolles Habitat da.

So stellt sich der Siegerentwurf beim städtebaulichen Ideenwettbewerb die künftige Bebauung des Fallenbrunnen dar. Der gelbe Loop verbindet die einzelnen Quartiere und schafft eine Verkehrsachse, auf der aber keine Autos nicht fahren sollen.
So stellt sich der Siegerentwurf beim städtebaulichen Ideenwettbewerb die künftige Bebauung des Fallenbrunnen dar. Der gelbe Loop verbindet die einzelnen Quartiere und schafft eine Verkehrsachse, auf der aber keine Autos nicht fahren sollen. | Bild: WICK + PARTNER Architekten Stadtplaner

Allein der sogenannte Loop, ein Ringweg durch das Gelände, durchschneide fast alle Waldgebiete und gefährde damit Brutreviere von Tieren, die auf der Roten Liste stehen, warf Marion Morcher (ÖDP) ein. Dazu komme das Problem der Verkehrssicherungspflicht. Bäume an Wegen müssen weg oder so zurechtgestutzt werden, dass potenziell niemand zu Schaden komme.

Das könnte Sie auch interessieren

Man sei sich der Probleme sehr wohl bewusst und nehme diese Themen bei der noch anstehenden Umweltprüfung sehr ernst, antwortete Klaus Sauter. Wie schwierig das jedoch ist, steht ebenfalls im Umweltbericht. Zwei Tümpel mit Röhricht, ein geschützter Biotop im Fallenbrunnen, wurde mit der Altlastensanierung bereits zerstört. Vier weitere Biotope seien voraussichtlich von Rodung oder Überbauung betroffen, was eigentlich verboten ist. Hier will die Stadt offenbar beim Landratsamt Ausnahme-Genehmigungen einholen.

Halle 4 steht auf einem Berg von Altlasten

Drittens: An vielen Stellen auf dem Gelände der ehemaligen Flakkaserne lager(te)n Altlasten und Schadstoffe, die die Stadt seit zwei Jahren sanieren lässt. Doch nicht in jedem Fall scheint das ratsam oder finanziell vertretbar zu sein, obwohl die Stadt noch bis zum Jahresende die Kosten beim Bund geltend machen kann.

So zeigt eine Karte im Umweltbericht, dass unter der Halle 4 chlorierte Kohlenwasserstoffe (CKW) in großer Konzentration lagern, was seit 2007 bekannt ist. Im Trinkwasser darf per Gesetz für die Summe von fünf ausgewählten CKW ein Wert von 10 Millionstel Gramm pro Liter Wasser nicht überschritten werden. Bei der Altlastenerkundung wurden unter Halle 4 Proben mit über tausendfach höheren Werten gezogen. Ob das ein Argument für die Planer war, die Halle besser stehen zu lassen? Eine entsprechende Anfrage hat das Büro nicht beantwortet.

Luftbild vom Fallenbrunnen: Die schwarze gestrichelte Linie kennzeichnet die Grenze für den Geltungsbereich des Bebauungsplanes, der nun aufgestellt werden soll.
Luftbild vom Fallenbrunnen: Die schwarze gestrichelte Linie kennzeichnet die Grenze für den Geltungsbereich des Bebauungsplanes, der nun aufgestellt werden soll. | Bild: Stadt Friedrichshafen

Die Frage wird spannend, wie die Stadt die Umweltprobleme mit der geplanten Neubebauung auf drei Baufeldern mit insgesamt knapp sieben Hektar Fläche in Einklang bringen will. Die Antwort darauf muss der Bebauungsplan liefern, der jetzt aufgestellt wird. Der Siegerentwurf von Wick+Partner sieht Wohngebäude mit knapp 380 Wohnungen vor. Dazu kommen zahlreiche Gewerbe- und Schulbauten und ein großes Parkhaus an der Einfahrt zur Hochstraße.

Dieses Parkhaus soll letztlich alle Autos von Nutzern und Bewohnern im Fallenbrunnen „schlucken“. Der von den Planern „Loop“ genannte Rundweg soll nur für den Fuß- und Radverkehr sowie den öffentlichen Nahverkehr frei sein. Ein Mittel, um Mensch und Natur auf diesem Areal mehr Ruhe als anderswo zu gönnen. Dann wäre der Fallenbrunnen das erste Autofreie Stadtquartier in Friedrichshafen.