Der Mann, der langsam in die Achstraße fährt, wirkt nervös. Und fast ein wenig hilflos. „Damit habe ich nicht gerechnet“, sagt er, lächelt die Polizisten an, die ihn heraus gewunken haben, und steigt vom Rad. „Wird‘s teuer?“ Er schwankt zwischen Wut und Fassungslosigkeit. Wütend ist er am meisten auf sich selbst, weil er – wie später er sagt – „geträumt hat“. War er gerade wirklich bei Rot über die Ampel gefahren? Hatte er sich gerade an zwei Fußgängern vorbei auf den Gehweg geschlängelt, obwohl es an der Eckenerstraße doch einen extra Radweg gibt?

100 Euro fürs Fahren über Rot

„Das wird teuer“, meint Polizeimeisteranwärter Maik Milberger: 100 Euro für das Fahren über Rot. Während Milbergs Kollegen die Personalien des Mannes aufnehmen, bekommt Milberger über Funk den nächsten Verkehrssünder angekündigt. Unermüdlich wird er sie in den nächsten Stunden herauswinken. Auch wenn der Tag, verglichen mit den „wilden Sommermonaten“, noch ziemlich ruhig verläuft.

Die Kontrolle, die Milberger begleitet, ist eine Sonderkontrolle der Friedrichshafener Polizei. Im Einsatz: neun Polizisten an zwei Standorten in Friedrichshafen und Tettnang. Dort wollen die Beamten, die Sicherheit der schwächeren Verkehrsteilnehmer, also der Fußgänger und Radfahrer, erhöhen, indem sie radelnde Verkehrssünder herauswinken.

Milbergs Kollegen nehmen gerade die Personalien eines Fahrradfahrers auf.
Milbergs Kollegen nehmen gerade die Personalien eines Fahrradfahrers auf. | Bild: Daniela Biehl

Für Einsatzleiterin Elena Zirk ein paradoxer und trotzdem wichtiger Job: „Es wird nicht gern gesehen, dass wir Radfahrer bestrafen. Viele sehen es als Bevormundung an. Und manchmal, wenn es jemandem wirklich leid tut, will ich das auch nicht. Eine Verwarnung ist dann auch okay.“

Handelt es sich nur um eine kleine Ordnungswidrigkeit – im unter 50 Euro-Bereich – darf die Kommissarin das auch. Letztlich sei es bei kleineren „Verkehrssünden“, wie etwa dem Fahren auf einem Gehweg, eine Frage des Ermessens. Schwerwiegendere Delikte – wie die Missachtung einer roten Ampel – führen immer zu einem Bußgeld, sagt sie.

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Doch wie reagieren die Radfahrer auf solche Kontrollen? Und was können neun Polizisten an einem Tag gegen Hunderte von Verstößen, die sich im Alltag so ereignen, eigentlich tun?

Erst einmal gar nichts.

Als Zirk und ihre Kollegen im Einmündungsbereich zwischen Eckener-und Achstraße Stellung beziehen, kommt für lange Zeit kein einziger Radfahrer vorbei. Und die wenigen, die dann die Straße entlang sausen, machen tatsächlich alles richtig.

Die Statistik zeigt: etwa ein Unfall pro Tag am Bodensee

Zirk fährt deshalb Richtung Tettnang, wo zwei Beamte aus ihrem Team Radfahrer in der Karlstraße kontrollieren. Oder es zumindest wollen. Denn hier auch hier ist nicht viel los. Es ist eben nicht mehr Sommer. „In der Touristen-Zeit haben wir fast jeden Tag einen Verstoß gehabt“, sagt sie.

Dass solche Kontrollen in Friedrichshafen und am Bodenseekreis bitter nötig sind, zeigt auch ein Blick in die Statistik. 2019 registrierte die Polizei 177 Radunfälle in Friedrichshafen. Im gesamten Bodenseekreis waren es 442 – das sind mehr als ein Unfall pro Tag. Zum Vergleich: 2014 waren es noch 356 Radunfälle im Bodenseekreis. Ein Anstieg, den man ernst nehmen müsse, sagt Volkmar Rees, der Leiter des Polizeireviers in Friedrichshafen.

„Wir versuchen sie alle zu schützen. Auch vor sich selbst“, sagt Elena Zirk.
„Wir versuchen sie alle zu schützen. Auch vor sich selbst“, sagt Elena Zirk. | Bild: Daniela Biehl

Und deshalb hat die Polizei Radfahrer nun ganz gezielt im Blick. Zirk ist inzwischen wieder an der Achstraße, wo ihre Kollegen vier Radler aus dem Verkehr gezogen haben. Zwei Männer und ein Ehepaar. Trotz Verbotsschild waren sie alle auf dem Fußgängerweg an der östlichen Uferstraße unterwegs gewesen. Während die Männer sich herausreden und immer wieder betonen, dass doch keine Fußgänger zu sehen waren, ist das Ehepaar einsichtig.

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25 Euro Strafe für das Fahren auf dem Fußgängerweg

Mehr noch. Die Frau gesteht: „Ich hatte Angst.“ Erst vor wenigen Minuten sei sie von einem Lastwagen von der Straße gedrängt und beinahe angefahren worden. „Ich habe mich nicht mehr sicher gefühlt.“ Ihr Mann springt ihr bei: Es sei seine Idee gewesen, kurz auf den Fußgängerweg zu wechseln. Damit seine Frau das Gefühl von Sicherheit wiedererlangen könne.

Den Beamten ist die Situation sichtlich unangenehm. 25 Euro Strafe stehen für das Fahren auf einem Fußgängerweg, 15 Euro für Fahren auf einem Gehweg im Bußgeldkatalog. Noch ehe die Beamten so richtig reagieren können, hat das Paar seine Personalausweise gezückt. „Wir wissen, was wir getan haben, also zahlen wir auch“, sagt die Frau und wird später ihr Rad schieben. Das Kennzeichen des Lasters, nach dem die Polizisten sie fragen, hat sie sich nicht gemerkt.

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Doch längst nicht alle zeigen sich so kooperativ wie dieses Ehepaar. Ein Radfahrer, der vorgibt, sich nicht ausweisen zu können, nichts zu verstehen, leert seine Taschen, als wolle er sagen: „nichts drin“. Kein Ausweis. Dass er gerade verbotenerweise auf einem Gehweg fuhr, mit der Fahrradspur direkt daneben, scheint ihn nicht zu jucken. Auch nicht, als die Beamten einen Dolmetscher ans Handy holen. „Wenn es blöd läuft, müssen wir ihn jetzt auf die Wache mitnehmen“, sagt Zirk. Wie der Mann heißt oder wo er wohnt – und auch das müsste im Melderegister erst überprüft werden – will er nach zehn Minuten trotz Dolmetscher immer noch nicht sagen. Er gestikuliert lieber wild umher.

„Wir brauchen Ihren Ausweis“, versucht Zirk es noch einmal. Und bittet den Dolmetscher am anderen Ende der Leitung möglichst deutliche Worte zu finden. Und siehe da: Im Inneren seiner Jackentasche findet sich der Ausweis. Der Mann hat ihn doch herausgekramt.

Manche Fahrer müsse man vor sich selbst schützen

Andere Radfahrer fluchen oder werden gereizt. Sie seien da immer lang gefahren, sagen sie und das sei nie verboten gewesen. Sie würden Einspruch einlegen wegen des Bußgeldbescheids. Dass so viele Radfahrer verärgert seien, überrascht Zirk nicht. Im Gegenteil: „Wenn es ums Geld geht, werden die Leute schwierig. Damit muss man umgehen können.“ Es gehöre eben zu ihrem Job dazu. „Wir versuchen sie alle zu schützen“, sagt sie. „Auch vor sich selbst.“

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