In vielen Familien ist die Luft schon lange raus. So wie bei Eva und Benjamin Baumgärtner, deren „Ausnahmezustand“ seit 13 Wochen anhält. Solange durfte ihr Sohn nicht in den Kindergarten in Kluftern gehen. „Als Eltern konnten wir den Verlust fast aller sozialen Kontakte und der Förderung im Kindergarten kaum kompensieren“, steht in einem offenen Brief, den sie an Oberbürgermeister Andreas Brand geschickt haben.

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Es ist ein Hilferuf, wie ihn inzwischen viele Eltern ans Rathaus adressierten. „Seit Tagen erreichen uns verzweifelte Briefe, E-Mails und Anrufe von Eltern, in denen sie die prekären Situationen in den Familien eindrücklich darstellen“, hat OB Brand nun seinerseits in einem Schreiben formuliert, das er an die Kultusministerin in Stuttgart geschickt hat. Darin fordert er Susanne Eisenmann auf, den vollständigen Regelbetrieb in den Kitas „nicht erst Ende Juni, sondern so schnell als möglich umzusetzen“. Die Eltern in Friedrichshafen forderten die Stadt auf, endlich zu handeln. Doch daraus wird wohl nichts: Wie die Ministerin gestern mitteilte, erarbeite ihr Haus gerade jene Verordnung, die erst Ende Juni den Regelbetrieb in den Kitas ermöglichen soll.

Solange kann auch das Rathaus nichts machen. Ihm seien die Hände gebunden, bis das Land die Rahmenbedingungen nicht festgelegt hat, beklagt OB Brand in seinem Schreiben. „Bis dahin müssen wir die Eltern vertrösten.“

OB Brand: Unverständnis bei Eltern wird immer größer

Wohl wissend, dass bei den vielen Lockerungen der Corona-Einschränkungen in den letzten Tagen und Wochen das Unverständnis bei den Eltern umso größer geworden ist, weil die Kinder und deren Familien weiter hintenan stehen. „Aber Bundesliga, Veranstaltungen bis 99 Personen, Schwimmbäder, Restaurants, Freizeitparks – alles kein Problem?“, fragt die Klufterner Familie den Rathauschef.

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Wie bitter das ist, beschreibt Familie Baumgärtner aus Kluftern sehr eindringlich. Der zum 18. Mai eingeführte „reduzierte Regelbetrieb“ bedeutete für ihren Sohn, dass er in dieser und der vergangenen Woche jeweils an einem Tag den Kindergarten besuchen durfte. Nächste Woche muss er dafür schon wieder ganz zuhause bleiben. Das rollierende System für Kinder, die nicht in die Notbetreuung gehen, werde wieder eingestellt.

Das bestätigt die städtische Pressestelle auf Anfrage. Zum 15. Juni könne der Klufterner Kindergarten nur noch die Notbetreuung anbieten, weil dann bereits die Hälfte aller Kinder da sind. Mehr dürfen es im Moment nicht sein.

Rollierendes System notgedrungen wieder eingestellt

Im städtischen Kinderhaus Wiggenhausen wurde das rollierende System aus dem gleichen Grund bereits ausgesetzt. Aber auch viele andere der insgesamt 44 Kitas in Friedrichshafen „kommen allein aufgrund der Notbetreuung zwischenzeitlich an die Kapazitätsgrenze“, schreibt Brand an die Kultusministerin. Denn mehr als Hälfte der Plätze dürfen nicht belegt werden. Das heißt, dass weiter nur Kinder von Eltern betreut werden, die in systemrelevanten Berufen arbeiten oder im Betrieb unabkömmlich sind. „Damit ist ein rollierendes System für alle anderen Kinder der Einrichtungen nicht mehr möglich und die Kinder müssen nach wie vor zuhause bleiben“, schreibt Brand.

Regelungen gehen für Familien an der Realität vorbei

Diese Regelungen gehen ohnehin „an der Realität der Familien vorbei“, beklagt die Klufterner Familie. Sobald einem Elternteil vom Arbeitgeber die Möglichkeit zum Homeoffice eingeräumt wird, bestehe kein Anspruch auf Notbetreuung. Gleichzeitig von zu Hause aus in Vollzeit zu arbeiten und nebenher Kleinkinder zu betreuen, sei aber völlig illusorisch und allenfalls im Notfall kurzzeitig möglich. „Dieser Ausnahmezustand wird nun als neue Normalität betrachtet“, beklagen die Eltern. Ganz abgesehen davon, dass Kinder zur Zeit in der politischen Diskussion „auf ein Hindernis bei der Erbringung der Arbeitsleistung der Eltern“ reduziert werden. Denn die Bestimmungen der Notbetreuung zielten allein auf diesen Aspekt ab.

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Nicht nur Familie Baumgärtner befürchtet, dass es Ende Juni eben nicht zu einer Normalisierung der Betreuungszeiten in den Kitas kommt, sondern nur die Begründung „von coronabedingter Schließung zu personalbedingter Schließung“ wechselt. Für das Personal sei aber die Stadt zuständig.

An der Stelle gibt das Rathaus Entwarnung. „Personelle Engpässe bestehen nicht“, antwortet die städtische Pressestelle auf Anfrage unserer Zeitung.

Keine personellen Engpässe zumindest in städtischen Kitas

Dabei bezieht sich diese Aussage nur auf die acht städtischen Kitas. Hier seien aktuell lediglich fünf Prozent der Erzieherinnen freigestellt, weil sie zur Corona-Risikogruppe gehören. Das bedeutet, dass nur 3,8 Fachkräfte bei 81,5 Vollzeitstellen fehlen. Auch aktuell noch nicht besetzte Stellen führen nach Angaben der Stadt „nicht zu einer Einschränkung der Betreuung“. Auch dann nicht, wenn die Kitas Ende Juni tatsächlich zum vollständigen Regelbetrieb zurückkehren. Mit anderen Worten: In den städtischen Kitas könnten dann alle Kinder wieder betreut werden.

In einem Punkt hat OB Andreas Brand dem Appell der Familie aus Kluftern bereits entsprochen. „Geben Sie uns Familien das Gefühl, dass Sie für uns kämpfen. Zeigen Sie uns, was in der Stadtverwaltung steckt!“, schreiben Eva und Benjamin Baumgärtner in ihrem Brief. Mit seinem dringenden Aufruf an die Landesregierung ist Andreas Brand dieser Forderung nachgekommen.

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