Jana Sohm studiert Psychologie. „Normalerweise in Konstanz, aktuell auf meinem Zimmer“, sagt die 26-Jährige und lacht. Seit März studiert sie nur noch virtuell. Die Kurse, die sie im letzten Semester belegt habe, hätten keine Präsenzklausuren erfordert. Im aktuellen Semester stünden aber zwei Klausuren auf dem Programm, die voraussichtlich in Konstanz geschrieben werden müssen. „Ich sitze sowieso immer in einem separaten Raum bei Prüfungen, da ich zusätzliche Zeit bekomme wegen meiner Einschränkungen“, erklärt die 26-Jährige. Gleichzeitig werde sich sicherlich auch so nicht der Kontakt zu anderen Menschen verhindern lassen. „Das Risiko ist dann da.“

Verkleinern lässt sich dieses Risiko, ausradieren aber nicht

Auch aktuell könne sie das Risiko einer Infektion nur verkleinern, aber nicht ausradieren. Etwa alle vier Wochen hat Jana Sohm einen Arzttermin. Alle übrigen Kontakte hat die Familie heruntergefahren. „Mein Vater arbeitet im Homeoffice, meine Mutter arbeitet zur Zeit nicht und kümmert sich vor allem um mich“, schildert die junge Häflerin.

Assistenz und Pflegedienst-Besuche: ausgesetzt. „So konnten wir unsere Kontakte fast auf Null setzen.“ Lebensmittel erhält die Familie per Lieferservice. Den bietet ein Supermarkt extra für Risikogruppen an, die zu Hause bleiben. Das sei auch zum Schutz ihrer Eltern, die Sohm zufolge aufgrund ihres Alters und Vorerkrankungen – Diabetes nennt sie als Beispiel – ebenfalls zur Risikogruppe zählen.

Welche Auswirkungen eine Corona-Infektion hätte, ist unklar

„Ich weiß, dass ich privilegiert bin, was das angeht“, betont die 26-Jährige. Viele können sich gar nicht so isolieren.“ Gerade deshalb fehlt ihr die Risikogruppe, zu der sie gehört, im öffentlichen Bild. „Ich glaube, viele nehmen bei mir zwar den Rollstuhl wahr und denken: Ach, die kann nicht gehen. Aber sie sehen mich nicht als zur Risikogruppe gehörend“, beschreibt sie.

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Durch die Querschnittslähmung ab dem vierten Wirbel, die auch ihre Gliedmaßen und teilweise die Organe betrifft, seien außerdem ihr Kreislauf und ihr Immunsystem geschwächt. Tetraplegie nennt sich diese Art der Lähmung. Was das für den Fall einer Infektion mit dem Coronavirus genau bedeutet, ist unklar. „Es wurde noch nicht wirklich untersucht, wie die Auswirkungen auf uns sind“, sagt Jana Sohm. Generell habe sie sich informiert und meint: „Es geht ja nicht nur um die Frage, ob man stirbt. Man weiß ja inzwischen, dass es auch Langzeitschäden gibt. Das hätte mir gerade noch gefehlt, ich habe ja schon Einschränkungen.“

Abstand hielt Jana Sohm schon vor Corona insbesondere zur Grippezeit

Außerdem könne sie durch die Lähmung nicht richtig abhusten. Das bedeute, wenn sie Schleim in der Lunge habe, werde sie den alleine gar nicht mehr los. Ein Risiko, nicht nur während einer Pandemie.

„Direkt nach dem Unfall wurde uns im Krankenhaus gesagt, dass ich am besten auch keine Erkältung bekommen sollte. Ich habe mich daher schon vor Corona in der typischen Grippezeit nicht in Menschenmengen aufgehalten und Abstand gehalten.“
Jana Sohm, 26 Jahre, Friedrichshafen

Nach einer Kampagne im Frühjahr ebbte die Aufmerksamkeit wieder ab

Obwohl sie so eindeutig zur Risikogruppe gehört, fühlt sich Jana Sohm in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. „Im Frühjahr gab es ja die #Risikogruppe-Kampagne. Da hatte ich den Eindruck, dass dadurch auch junge Risikopatienten eine Zeit lang ein Thema waren“, schildert sie.

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Die Kampagne war entstanden, um zu zeigen, dass die Risikogruppe nicht ausschließlich aus älteren Menschen bestehe, sondern es außerdem viele junge Menschen mit Vorerkrankungen gebe, die sie besonders gefährden. Inzwischen sei die Aufmerksamkeit wieder abgeebbt. Auch in der aktuellen Impfstrategie fühlt sie sich nicht berücksichtigt.

Stimmen von Behindertenverbänden sowie aus dem Landratsamt

„Im ersten Entwurf konnte ich bei der dritten Gruppe noch einen Unterpunkt entdecken, in dem ich mich wiederfinden konnte“, erklärt sie. In der aktuellen Fassung, die sie auf der Webseite des Bundesgesundheitsministeriums gefunden habe, könne sie sich gar nicht mehr zuordnen. „Entweder bedeutet das, dass es noch etwas weiter gefasst wird und man auch zur dritten Gruppe zählt, wenn man über ein Attest ein Risiko nachweisen kann oder aber, wenn es so eng bleibt, wie es da steht, dass ich erst mit allen anderen geimpft werde“, sagt Jana Sohm. Tatsächlich ist weder der Begriff „Tetraplegie“ noch der einer Querschnittlähmung ab dem Hals in der Impfstrategie enthalten, auch wenn andere Erkrankungen und Behinderungen konkret benannt werden.

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Unklar außerdem, wie es um persönliche Assistenz steht

Und Sohm sieht weitere ungeklärte Aspekte der Lebenswirklichkeit von Menschen mit einer ähnlichen Behinderung, wie sie sie hat: „Es wird zwar von Pflegepersonal gesprochen und vom Rettungsdienst, aber es ist unklar, ob damit auch die persönliche Assistenz gemeint ist. Benannt wird diese nicht.“ Die Häflerin wünscht sich eine Lösung, die etwas flexibler gestaltet ist, etwa über medizinische Attests, damit auch Risikogruppen erfasst würden, die nicht aufgelistet seien.

Das baden-württembergische Sozialministerium erklärt auf Nachfrage nach der Unterscheidung zwischen Menschen mit Pflegebedarf in Heimen und jenen, die zuhause leben: „In der eigenen Häuslichkeit ist jedoch auch das Ansteckungsrisiko deutlich geringer als in einem Alten- oder Pflegeheim.“ Für Detailfragen verweist die Pressestelle an das Bundesgesundheitsministerium. Eine Antwort von dieser Stelle steht noch aus.