Politik und Gesellschaft beschäftigen sich derzeit vor allem mit den Auswirkungen der Corona-Krise auf die Wirtschaft und die Einschränkungen des Zusammenlebens in vielen Bereichen. Aber welche Auswirkungen hat die Krise auf die menschliche Psyche?

Bei uns selbst und bei unseren Mitmenschen bemerken wir, dass bereits bekannte Persönlichkeitszüge in der Krise deutlicher hervortreten und dann auch zu Schwierigkeiten führen können, bis hin zum Auftreten psychischer Symptome. Wer ohnehin ängstlich ist, hat wahrscheinlich noch mehr Angst und meidet schon von sich aus alle sozialen Kontakte.

Aber auch die Quarantäne ist eine große psychische Belastung. Wer zu Schwermütigkeit neigt, sieht jetzt die Welt völlig am Abgrund. Wer zu heiterer Bagatellisierung neigt, merkt, dass das als Bewältigung jetzt nicht mehr taugt. Wer nach Geltung und eigener Bedeutung strebt, findet vielleicht jetzt ein Feld, Aufmerksamkeit zu erlangen. Und wer gerne alle Bereiche des Lebens zwanghaft genau geregelt hat, leidet besonders darunter, dass vieles nicht genau vorhersehbar ist und wir manchmal improvisieren müssen werden.

Was sind ganz konkrete Beschwerden, Ängste und Nöte bis hin zu psychischen Erkrankungen?

Ein gewisses Maß an Angst ist gerade realistisch. Da kann man schon einmal schlechter schlafen. Ins Pathologische geht es, wenn man sich im Grübeln im Kreise dreht, in ständiger Unruhe ist und dennoch gar nichts mehr geregelt bekommt oder die ganze Umgebung nur noch unter dem Blickwinkel überall lauernder Hygienerisiken wahrnimmt.

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Auch die verstärkte staatliche Kontrolle kann Befürchtungen auslösen. Da gibt es einen fließenden Übergang von normalen (berechtigten) Befürchtungen zu überwertigen Ängsten, bis hin zu eigentlichen Wahnvorstellungen. Letzteres ist vergleichsweise selten. Davon wäre auszugehen, wenn an Befürchtungen, die offensichtlich unrealistisch sind, festgehalten wird (zum Beispiel: Die Polizei überwacht mich jetzt ständig mit eingebauten Kameras in einer Wohnung.)

Bekommen Sie diese Ängste bei Ihrer Arbeit am ZfP zu spüren?

Es gibt ein Phänomen, das wir teilweise jetzt auch bemerken: In Kriegs-und Katastrophenzeiten treten akute psychische Erkrankungen seltener auf – vorübergehend. Tatsächlich kommen die sonst üblichen Notfälle derzeit sogar etwas seltener. Mit längerer Dauer der Krise kann sich das leicht ins Gegenteil verkehren und erfahrungsgemäß kommt danach dann umso mehr.

Das ZfP in Weissenau ist eine renommierte Einrichtung für die Behandlung und Pflege psychisch kranker Menschen. Bild: Frank Enderle
Das ZfP in Weissenau ist eine renommierte Einrichtung für die Behandlung und Pflege psychisch kranker Menschen. Bild: Frank Enderle

Bei der Arbeit im ZfP leiden wir, wie viele Krankenhäuser, gerade weniger darunter, dass mehr Patienten kommen, sondern eher darunter, dass inzwischen zunehmend mehr Beschäftigte krank oder in Quarantäne sind, sodass die Aufrechterhaltung der Versorgung in vielen Bereichen bereits schwierig geworden ist. Und ein großes Problem ist, dass wir aufgrund der Distanzregeln viele sonst übliche Angebote gerade ausdünnen oder streichen müssen.

Die meisten Gruppentherapien kann man zum Beispiel gerade nicht durchführen. Und wir haben nicht nur ein Krankenhaus, sondern zum Beispiel auch ein Fachpflegeheim mit vielen alten Menschen. Die sind, wie überall, besonders gefährdet.

Wie wirkt sich die vom Staat verordnete Isolierung von Alten und Kranken aus?

Ziemlich sicher je länger, desto schlimmer. Wir versuchen, viel mit Telefonaten und Kontakten aus der gebotenen Distanz abzufangen, jeder kennt diese Situation ja auch aus seinem Privatleben. Wenn das aber nur einmal am Tag ein professioneller Telefonkontakt ist und man ansonsten, ohnehin schon depressiv, allein in seiner Wohnung sitzt, kann das richtig schlimm werden.

Aber ist nicht auch die psychosoziale Gesundheit junger Menschen tangiert? Abgeschnitten von Konsum, Reisen, freier Entfaltung könnte das doch wie der Entzug von einer Droge wirken?

Schon, aber doch nicht ganz wie bei einer Droge. Beim Entzug einer Droge bekommt man sehr schnell Entzugserscheinungen. Alle genannten Dinge vermissen wir, aber eine Weile kann man das durchaus aushalten. Manche stellen ja auch einige positive Erfahrungen fest, dass sie zum Beispiel Zeit für Dinge finden, für die sie nie Zeit zu haben meinten.

Dennoch kann das bei manchen zum Pulverfass werden. Ein großes Problem ist die Zunahme häuslicher Gewalt. Die Betroffenen sind natürlich in erster Linie Frauen und Kinder.

Sehen Sie die Politik in der Lage und bereit, sich um diesen Aspekt zu kümmern?

Ich habe den Eindruck, dass die Politik ihre Aufgaben gerade durchaus sehr gut löst. Ich habe auch Verständnis dafür, dass man dabei Prioritäten setzen muss. An erster Stelle steht jetzt der Schutz vor weiteren Infektionen. Irgendwann wird man der Bevölkerung aber auch Szenarien vermitteln müssen, wie wir aus der gegenwärtigen Situation wieder herauskommen. Das wird sicher auch zur Beruhigung der psychischen Situation beitragen.

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Wie können Experten und Medien in dieser Ausnahmesituation zur Beruhigung beitragen?

Es gibt gerade in allen Medien eine große Zahl von Expertenmeinungen. Bei der überwiegenden Anzahl handelt es sich um Wissenschaftler, die gut wissen, wovon sie reden. Auch die Medien, zumindest die öffentlich-rechtlichen und die Zeitungen, informieren meines Erachtens sachlich und ernst, aber nicht zu aufgeregt. Beruhigung und Beschwichtigung wäre wünschenswert, die Lage ist aber leider wirklich ernst. Helfen wird uns erst ein realistisches Ausstiegsszenario aus dem Lockdown, aber das hängt an den Zahlen der Epidemie.

In der Vergangenheit war es die Rolle der Kirchen Trost, Zuversicht und Mut zur Bewältigung in Krisen zu vermitteln. Ist das heute eine altmodische Sichtweise?

Nein. Eine solche Krise, die die ganze Menschheit betrifft, ist natürlich auch eine existenzielle Krise für jeden Einzelnen. Fragen nach dem Tod und nachdem was im Leben wichtig ist tauchen da zwangsläufig auf. Wer seine persönlichen Antworten gefunden hat, lebt da eher leichter und kann auch seine psychische Stabilität eher bewahren. Manchen sind der Glaube und die Kirche da sicher eine Hilfe.

Was kann der Einzelne in dieser Zeit tun, um nicht zu verzweifeln?

Pflegen Sie Ihre persönlichen Beziehungen und geben Sie Ihren Mitmenschen positive Rückmeldungen für das, was sie leisten oder ertragen. Sie werden dann Entsprechendes zurückerhalten und es zu schätzen wissen. Und bewahren Sie so weit wie möglich alles, was Ihnen bisher gut getan hat.

Und was für ein Rezept haben Sie ganz persönlich für sich und andere?

Genau das.

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