Herr Nitsch, wenn man Sie so sieht, denkt man nicht gerade an den typischen Imker. Wie kam es zu diesem Hobby?

Es ist gerade so die Zeit, viele Leute, auch jüngere, beginnen mit der Bienenhaltung. Durch das Bienensterben ist das Thema in den Medien. Tatsächlich hatte mein Onkel schon länger Bienen. Das hat mich aber nie wirklich interessiert. Bienen geben halt Honig, mehr war das für mich nicht. Dann habe ich ihm mal über die Schulter geschaut und fand es total interessant, zu sehen, was diese kleinen Tiere von sich aus machen. Von da an war mein Interesse geweckt.

Etwas interessant finden macht aber noch lange kein solches Hobby aus.

Ich habe mich erstmal etwas eingelesen, dann länger eingelesen – und fand es immer noch interessant. Und aus dem Interesse wurde sehr schnell mehr, nämlich Faszination. Es ist absolut faszinierend, wie das Bienenvolk zusammenlebt, sich gegenseitig unterstützt, Aufgaben verteilt, wie rund es läuft.

Und wie beginnt man dann das Imkern?

Eigentlich sollte man einen Kurs machen, bevor man anfängt. Das bietet der Imkerverein Markdorf an, dabei wird man das erste Jahr von einem Imkerpaten betreut und in das Thema eingeführt. Aber auch jetzt finde ich immer Rat, Unterstützung oder Tipps im Verein. Allerdings hat mir Corona bezüglich des Kurses einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich habe dann auch ohne Kurs von meinem Onkel einen Ableger bekommen.

Ableger? Das kenne ich nur von Pflanzen.

Das ist das gleiche Prinzip. Ein Teil der Bienen wird vom Volk getrennt und in einen neuen Bienenstock umgesiedelt. Ich konnte ihn im Garten aufstellen, weder der Vermieter noch die Nachbarn hatten etwas dagegen. Bienen sind auch wirklich total friedliche Tiere. Wenn sie auf dir landen, haben sie sich nur verirrt und halten dich für eine Blume.

Ich dachte immer, ein Volk braucht eine Königin. Die gibt es doch aber gar nicht, wenn man einen Teil davon trennt.

Die gibt es noch nicht, die zieht sich das neue Volk aber selbst heran. Noch so eine faszinierende Sache. Die Arbeiterinnen entscheiden durch die Fütterung mit dem sogenannten Gelee Royal, welche der Maden ihre neue Königin wird.

Wie lange lebt denn so eine Biene?

Eine Königin kann bis zu fünf Jahre alt werden. Eine Arbeiterinnen-Biene lebt im Sommer tatsächlich nur an die sechs Wochen, dann hat sie sich totgearbeitet. Das Volk besteht dabei aus rund 50 000 Bienen. Die Winterbiene – ein Stock hat cirka 10 000 – muss nicht ganz so viel tun, sie lebt meist von Oktober bis März. Ausgenommen die männlichen Bienen, die Drohnen. Die schaffen eigentlich nichts und sind nur zur Begattung da. Daher werden sie am Ende des Sommers bei der sogenannten Drohnenschlacht auch aus der Beute (dem Bienenstock) geworfen und nicht mehr rein gelassen. Sie können sich nicht selbst versorgen und sterben.

Wieviel Arbeit macht so ein Bienenvolk?

Das ist schwer zu sagen. Am Anfang braucht man natürlich länger, die Handgriffe sitzen noch nicht so und man schaut öfter nach den Bienen. In der Hochzeit im Mai/Juni schaue ich wöchentlich danach, ansonsten ist es meist ein Selbstläufer. Nach dem Honig schleudern im Juli kommt noch die Varroabehandlung, das ist die Entmilbung des Bienenstocks, und das Auffüttern mit Zuckerwasser für den Winter. Ich habe zum Beispiel auch meine Beuten selbst gebaut, das ist natürlich zeitintensiver als eine zu kaufen. Aber genau das mag ich auch daran, das mache ich dann auf mich abgestimmt und es macht unheimlich Spaß. Es gibt immer etwas zu optimieren und dazuzulernen.

Apropos Honig. Was ist denn ihr Lieblingshonig?

Ich mag gar keinen Honig (lacht).

Und was machen sie dann mit dem ganzen Honig?

Im ersten Jahr gibt es sowieso noch keinen Honig. Wenn es gut läuft, sind es anschließend so zehn bis 30 Kilogramm pro Volk im Jahr. Honig kann man natürlich auch verkaufen, dazu benötigt es aber bestimmte Schulungen. Das Tolle an Honig ist ja, dass er luftdicht abgeschlossen fast ewig hält. Und dieses Jahr habe ich Met draus gemacht.

Da entwickelt sich aus dem einen Hobby gleich das nächste. Trotzdem noch mal zurück zum Honig: Wie entstehen die ganzen verschiedenen Sorten?

Bienen fliegen immer dahin, wo sie am meisten Futter finden. Wenn man sie also kurz vor der Tracht an den richtigen Standort stellt, werden sie genau dort ihr Futter suchen. Dementsprechend entsteht dann Raps-, Wald- oder sogar Löwenzahnhonig. Hier in der Region haben wir fast alles, da entsteht dann meist ein Frühjahrsblüten- oder Sommerhonig.

Ist es dann auch bei Ihrem einen Volk geblieben?

Nein, inzwischen sind es mehr. Zwei habe ich mir dazugekauft. Alle drei sind im darauffolgenden Frühjahr dann auch geschwärmt, das heißt zur Fortpflanzung ziehen die Bienen sich im gleichen Stock eine neue Königin heran. Die alte Königin zieht mit einem Teil des Volkes aus. Zuerst sammeln sie sich in der Nähe der Beute hängend an einem Baum, um ein neues Zuhause zu suchen. Wenn man schnell genug ist, kann man sie tatsächlich durch Wackeln am Baum in einer Kiste „fangen“ und in eine neue Beute einschlagen. Als erfahrener Imker merkt man dem Volk wohl an, wenn es sich auf das Schwärmen vorbereitet und kann dementsprechend handeln. Ich muss da noch dazulernen, ich hab nur ein Volk erwischt (lacht).

Was raten sie allen angehenden Jungimkern oder Interessierten?

Ich bin ja selbst noch Jungimker (lacht). Die ersten fünf Jahre ist man immer Jungimker, egal, wie alt man ist, das sind die Lehrjahre. Empfehlen würde ich in jedem Fall den Bienenkurs Theorie und die Begleitung durch das erste Jahr. Auch wenn Theorie nur das eine ist, was die Bienen draus machen das andere. Überhaupt sind die Unterstützung und die Angliederung an den Verein unglaublich hilfreich. Das Interesse am Thema muss da sein, der Wille, einiges zu lernen. Es sollte jedem klar sein, dass Bienen zwar keine Haustiere sind, man sich aber dennoch um sie kümmern muss, es ist ein lebendes Volk. Imker sind Landwirte und halten Nutztiere.

Und was empfehlen Sie uns anderen, können auch wir die Bienen unterstützen?

In jedem Fall. Schon ein kleiner Blühstreifen im Garten hilft ihnen, Futter zu finden. Möglichst keine Pflanzenschutzmittel einsetzen und den Honig natürlich regional kaufen und somit die Imker und Bienenvölker vor Ort unterstützen.

Wurden Sie auch schon gestochen?

Nicht nur einmal (lacht). Mein Volk ist ein bisschen garstig. Aber es ist in Ordnung, schließlich gehe ich an ihr Brutnest und klaue ihnen die Nahrung. Da ist es nur vernünftig, dass sie sich wehren. Wer würde sich denn nicht wehren, wenn man bei einem zuhause an den Kühlschrank geht? Man sagt, die ersten Stiche machen gar nichts, die nächsten 30 Stiche tun richtig weh und ab dann wird es besser. Ab 200 Stichen ist man immun.

Fragen: Nicole Burkhart

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