Carina Rehbein ist sichtlich aufgewühlt. „Mein Lager ist noch voll mit der Winterkollektion, die Messen, auf denen ich sonst in Italien Ware für die nächste Saison bestellen würde, sind abgesagt und aktuell wird die Kollektion für die warmen Monate geliefert“, schildert sie. „Ich weiß zur Zeit nicht, was ich machen soll“, sagt die Betreiberin des Schuhgeschäfts „Acca 44“ in Friedrichshafen. Aktuell müsste sie eigentlich Ware für die nächste Wintersaison ordern. Sonst könnte es sein, dass sie dann zu wenig Schuhe im Lager stehen hat.

Carina Rehbein hofft auf eine baldige Wiedereröffnung des Einzelhandels und mehr Unterstützung durch den Staat.
Carina Rehbein hofft auf eine baldige Wiedereröffnung des Einzelhandels und mehr Unterstützung durch den Staat. | Bild: Lena Reiner

Aktuell sehe es dort ganz anders aus. Rund zwei Drittel der Winterware habe sie nicht verkaufen können, berichtet Carina Rehbein. Und auch die Lieferung der Frühjahrskollektion stelle ein Problem für sie und andere Einzelhändler dar. „Die Lieferanten möchten ja bezahlt werden und normalerweise finanzieren wir das natürlich mit den Einnahmen der Saison davor.“ Rund 100 000 Euro sei allein das wert, was sie an Wintermodellen nicht verkaufen habe können.

In Lindau, wo Carina Rehbein ein weiteres Schuhgeschäft betreibt, habe sie kein einziges Paar Schuhe über ‚Click und Collect‘ verkauft. „Hier in Friedrichshafen war das bis 15. Januar der Fall, seitdem bestellen immerhin ein paar Kunden etwas“, schildert sie. „Das Geschäft, das nach Weihnachten normalerweise läuft, wenn sich einige ein neues Paar Schuhe gönnen, ist komplett weggebrochen.“ In ihrem Schaufenster hat sie die verfügbaren Modelle ausgestellt, daneben stehen die jeweils erhältlichen Größen. Ein Onlineshop sei für sie keine Option. Zum einen, da sie eine „One-man-show“ sei, zum anderen, weil sie eher unbekannte Marken führe, nach denen kaum jemand online suche.

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Händler wollen endlich wieder planen können

Schräg gegenüber wirbt das Modegeschäft Huchler mit satten Rabatten. Bis vor wenigen Tagen gab es außerdem sogenannte Wundertüten mit den Käufern vor dem Kauf unbekanntem Inhalt. Diese Wundertüten seien sehr gut bei den Kunden angekommen, schildert Geschäftsführer Martin Huchler. „Wir konnten unser Winterlager unter diesen Bedingungen relativ gut räumen.“ Auch seien sie online sehr aktiv. Trotzdem, betont er, handle es sich lediglich um den sprichwörtlichen Tropfen auf den heißen Stein: „Wir benötigen schnellstmöglich eine Öffnungsperspektive!“

Planen können möchte auch Florian Sedlmeier endlich wieder. Er führt gleich zwei Geschäfte in der Häfler Innenstadt: Streetone Cecil und den Camel Active-Store. Der Branchenprofi, der seit 1988 selbstständig im Bereich Textilien ist, zeigt sich so besorgt wie seine Kollegen. „Wir kennen bisher immer noch nicht die Details der staatlichen Hilfen: Es wurde angekündigt, dass wir nicht verkaufte Ware irgendwie abschreiben könnten.“ Unklar sei allerdings noch, was die Bedingungen dafür seien. „Ich würde ja gern Ware, die in der nächsten Saison sicherlich nicht mehr verkauft wird, weil sie auffällige aktuelle Muster oder dergleichen hat, dem Roten Kreuz spenden. Ich weiß aber nicht, ob ich dann auf den Kosten sitzen bleibe.“ Auch wenn er nicht beziffern mag, wie viel überschüssige Ware in seinen Geschäften noch hinter den Kulissen lagert, erklärt Sedlmeier: „Wir sind auf die Hilfe angewiesen, da will ich keinen Hehl draus machen.“

Florian Sedlmeier ist seit 1988 selbstständig in der Modebranche. Er betont: „Auch Mode ist eine verderbliche Ware, denn die Leute wollen keine alte Kollektion kaufen. Der Vorteil unseres Ladens hier ist, dass wir einige zeitlose Modelle haben, die es immer wieder gibt.“
Florian Sedlmeier ist seit 1988 selbstständig in der Modebranche. Er betont: „Auch Mode ist eine verderbliche Ware, denn die Leute wollen keine alte Kollektion kaufen. Der Vorteil unseres Ladens hier ist, dass wir einige zeitlose Modelle haben, die es immer wieder gibt.“ | Bild: Lena Reiner

Einen Vorteil biete allerdings die Kollektion von „Camel Active“: „Es gibt hier viele Modelle, die zur Grundausstattung zählen und immer wieder kommen.“ So lasse sich auch Ware aus der aktuellen Saison teilweise noch zu einem späteren Zeitpunkt verkaufen. Momenten jedenfalls konzentriere er sich auf eine hoffentlich bald anstehende Wiedereröffnung: „Wir bekommen aktuell Ware geliefert und bereiten die Geschäfte auf die aktuelle Saison vor.“

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Einen Kontrast bildet der Sportbereich. Udo Dewald von „Trends Sport“ in der Paulinenstraße antwortet auf SÜDKURIER-Nachfrage: „Glücklicherweise ist dieser Schaden bei uns nur im geringen Maße vorhanden.“ Auch bei Vaude in Tettnang zeigt man sich positiv gestimmt. Unternehmenssprecherin Brigit Weber erklärt: „Wir haben keine Überbestände von Winterware, da wir die Warenbestände sehr umsichtig geplant hatten.“ Außerdem verzeichne Vaude eine hohe Nachfrage, da durch die Corona-Pandemie auch das Interesse an Outdoor-Aktivitäten stark zugenommen habe: „Daher wird bei uns sicherlich nichts vernichtet. Ganz im Gegenteil, wir stellen uns bewusst gegen die Wegwerfmentalität und das Vernichten von Textilien.“ Vaude setze sich seit vielen Jahren für ein langes Produktleben und eine lange Nutzung seiner Textilien ein und haben dafür vielfältige Maßnahmen ins Leben gerufen.

Filialleiterin Isabel Bauder von „Marco Moden„ in der Goldschmiedstraße verbreitet gute Laune, beweist Kreativität mit handgemalten Schildern und Aufstellern und betreibt das Abholgeschäft über „Click und Collect“: „Lohnen, das kann man nicht sagen, aber es geht darum, präsent zu sein und ich mache das gerne, es macht Spaß.“

Die Filialleiterin von Marco Moden in der Goldschmiedstraße, Isabel Bauder, freut sich darauf, wenn sie wieder regulär für ihre Kunden in Friedrichshafen öffnen darf: „Es ist wirklich toll, wie sie mich aktuell unterstützen. Ich habe nicht danach gefragt oder gebeten und sie machen von sich aus Werbung für meine Produkte.“ So habe sie trotz Ladenschließung Neukundinnen gewinnen können. Die Wintermode, die im Bild noch teilweise zu sehen ist, wird in den nächsten zwei Wochen gegen die Frühjahrskollektion ausgetauscht: „Die wartet schon im Lager.“
Die Filialleiterin von Marco Moden in der Goldschmiedstraße, Isabel Bauder, freut sich darauf, wenn sie wieder regulär für ihre Kunden in Friedrichshafen öffnen darf: „Es ist wirklich toll, wie sie mich aktuell unterstützen. Ich habe nicht danach gefragt oder gebeten und sie machen von sich aus Werbung für meine Produkte.“ So habe sie trotz Ladenschließung Neukundinnen gewinnen können. Die Wintermode, die im Bild noch teilweise zu sehen ist, wird in den nächsten zwei Wochen gegen die Frühjahrskollektion ausgetauscht: „Die wartet schon im Lager.“ | Bild: Lena Reiner

Seit 15 Jahren ist sie in Friedrichshafen Filialleiterin, daher habe sie die Handynummern einiger Kundinnen. Diese versorge sie per WhatsApp mit Fotos der aktuellen Ware. Analog dekoriere sie regelmäßig das Schaufenster um, um die verfügbaren Modelle zu zeigen: „Manche fragen auch ganz gezielt, ob wir etwas Bestimmtes dahaben und ich fotografiere es ihnen dann ab“, sagt Bauder. Selbst neue Kundinnen habe sie während der Ladenschließung gewinnen können. Wie es dazu kam? „Meine Stammkundinnen haben meine Bilder aus WhatsApp auf Facebook geteilt“, schildert sie und lacht. Sie selbst sei ja gar nicht in den sozialen Medien aktiv. Nur für die Schließungszeit habe sie nun einen Instagram-Account für den Laden angelegt.

Sonst beliebte Modelle bleiben über Wochen hängen

Mit einem Onlineshop wollte Sandra Weiß von „Louise“ in der Karlstraße Verluste der Schließungszeit abfedern. Erfolg hatte sie damit wenig: „Wir sind zwar auf der Plattform, über die unser Onlineshop läuft, unter den 15 erfolgreichsten neuen Onlineshops, aber wir verkaufen nur einen Bruchteil von dem, was wir sonst verkaufen.“ Auch sei auffällig, dass Kundschaft, die den Laden kenne, zwar im Onlineshop die Bilder anschaue, aber dann lieber zum Telefonhörer greife, als auch direkt digital zu bestellen.

Sandra Weiß zeigt einen Pullover, der in normalen Jahren innerhalb einer Woche ausverkauft wäre: „Über den Onlineshop interessiert er niemanden. Die Menschen möchten anfassen und anprobieren.“
Sandra Weiß zeigt einen Pullover, der in normalen Jahren innerhalb einer Woche ausverkauft wäre: „Über den Onlineshop interessiert er niemanden. Die Menschen möchten anfassen und anprobieren.“ | Bild: Lena Reiner

Um zu verdeutlichen, was „ein Bruchteil“ bedeutet, greift sie ins Regal zu einem besonders beliebten Pullover-Modell, das hier direkt viermal in zwei Farben hängt. In Normalzeiten seien von dieser Art Pulli 20 Stück innerhalb einer Woche ausverkauft gewesen. „Jetzt hängt er nach Wochen noch hier.“