Zwei junge Frauen, die gerade auf dem Franziskusplatz angekommen sind, wirken schüchtern. Sie schauen sich vorsichtig um. Überall bunte Menschen, hier sind sie richtig. Sie holen ihre Regenbogenflaggen aus dem Rucksack. Mit der Flagge über den Schultern, inmitten anderer Menschen mit ähnlichen Erfahrungen, können sie aufatmen, sehen plötzlich mutig, stolz und glücklich aus.

500 Teilnehmer bei Kundgebung zum Christopher Street Day

Am Samstag haben sich 500 Menschen zu einer Kundgebung zum Christopher Street Day (CSD) in Friedrichshafen getroffen. Ihr Ziel: zeigen, dass es sie gibt und sich öffentlich für die Rechte aller Menschen einsetzen, vor allem derer, die nicht heterosexuell sind.

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Dass so viele Queere gekommen sind, erstaunte selbst Organisatorin Jona Gold, die mit bürgerlichem Namen Jonathan Oremek heißt. Jona Gold bezeichnet sich selbst als „Polittunte“, benutzt Sie- und Er-Pronomen, aber lieber erstere. Sie lebt in Friedrichshafen und weiß, wovon sie redet, wenn es um Anfeindungen und Diskriminierung geht. „Ich bin 18 Jahre alt und werde diskriminiert, seitdem ich lebe, aber ich habe mir geschworen keine Angst mehr zu haben“, sagt Jona Gold bei der Kundgebung an der Musikmuschel.

„Ich bin 18 Jahre alt und werde diskriminiert, seitdem ich lebe“, schilderte Jona Gold (links) bei der Kundgebung an der ...
„Ich bin 18 Jahre alt und werde diskriminiert, seitdem ich lebe“, schilderte Jona Gold (links) bei der Kundgebung an der Musikmuschel. „Aber ich habe mir geschworen keine Angst mehr zu haben.“ | Bild: Andrea Fritz

Nach dem Outing vor zwei Jahren hätten Hasskommentare und physische Angriffe zugenommen. „Dabei wollen wir einfach nur leben, aber ich weiß, dass ich mit euch über die Promenade laufen und im nächsten Augenblick im Krankenhaus liegen kann“, sagt sie außerdem bei der Kundgebung. Dass man queeren Menschen in Friedrichshafen feindselig begegne, erlebe sie fast täglich. Weil das auch in der Schule zunehme, habe sie jetzt das Abitur abgebrochen.

Unlängst habe sie mit ihrem Freund an der Uferpromenade ein Eis gegessen und dabei Händchen gehalten, da hätten ihnen Männer vor die Füße gespuckt und Prügel angedroht. „Ich muss in Friedrichshafen aufpassen, in welchem Kiez ich bin“, sagt Jona Gold, in Ravensburg sei das ganz anders. Auf Instagram nennt sie sie sich „Obertunte“, weil sie sich nicht verstecken will. Dafür hat sie nach eigenen Angaben Morddrohungen erhalten.

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Für den Demonstrationszug durch die Innenstadt und die anschließende Kundgebung auf der Uferpromenade wurde deshalb eine Notrufnummer eingerichtet, außerdem wurde die Kundgebung von einem Heer an Ansprechpartnern begleitet, die notfalls schlichtend eingreifen sollten. Die Polizei war nur vor Ort, damit der Verkehr geregelt war und die Auflagen vom Ordnungsamt eingehalten wurden.

„Queer sein ist keine Einstellung, denn eine Einstellung sucht man sich aus, seine Sexualität aber nicht“, sagt Jona Gold.
„Queer sein ist keine Einstellung, denn eine Einstellung sucht man sich aus, seine Sexualität aber nicht“, sagt Jona Gold. | Bild: Andrea Fritz

Beim Ordnungsamt wurde die Veranstaltung bereits im April angemeldet. Vier Tage vor der Kundgebung wurden die Auflagen aber offenbar geändert, man könne nun doch nicht bis 20 Uhr an der Musikmuschel bleiben, wegen einer anderen Veranstaltung, hieß es vor Ort. Das ist für Jona Gold ein „strukturelles Problem von Queerfeindlichkeit“, in einer Stadt, in der schon das Aufhängen einer Regenbogenflagge ein Problem ist – nicht nur am Rathaus.

Regenbogenflagge an der Molke wurde abgehängt

Zuletzt ist im Jugendhaus Molke eine Regenbogenflagge, die dort für ein paar Monate geflattert hatte, wieder abgehängt worden. Daraufhin haben queere Jugendliche sich mit einem offenen Brief an die Verantwortlichen gewandt und ein Gespräch eingefordert. „Bis heute ohne Erfolg“, sagt Jona Gold.

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„Die Molke ist ein offenes Haus für alle Jugendlichen. Die Regenbogenflagge war ein Abschiedsgeschenk einer früheren Mitarbeiterin und zu der Zeit der Schenkung war es stimmig diese aufzuhängen. Es war jedoch nicht vorgesehen, die Flagge dauerhaft aufzuhängen“, heißt es auf Nachfrage des SÜDKURIER seitens der Stadt. In einem längeren Prozess und nach mehreren Reflexionen habe sich das Molke-Team der Offenen Jugendarbeit aus pädagogischer Sicht, sowie auf Grundlage des gesetzlichen Auftrags und der Konzeption, die Basis für die tägliche Arbeit im Café sei, dazu entschieden, die Flagge wieder abzunehmen, heißt es weiter. Man wolle sich auf Gemeinsamkeiten fokussieren und die Integration aller Jugendlichen in den Treffalltag fördern, ohne eine Gruppe besonders in den Vordergrund zu rücken.

„Jetzt erst recht“, stand als Motto über dem CSD in Friedrichshafen. Es brauche dringend Sichtbarkeit und Aufklärung, damit es irgendwann für alle okay ist, nicht heterosexuell zu sein. „Queer sein ist keine Einstellung, denn eine Einstellung sucht man sich aus, seine Sexualität aber nicht“, sagt Jona Gold unter Beifall.