Frau Meisert, Herr Weng, wie war das erste Jahr für Ihr Team?

Simone Meisert: Wir sind sehr gut angenommen worden, besonders im westlichen Bodenseekreis. Die Erleichterung, Unterstützung zu bekommen, ist spürbar. Aber auch bei Ärzten, Pflege- und Hospizdiensten und Sanitätshäusern ist die Akzeptanz groß. Und hilfreich war, dass die Mitarbeiterinnen, die das Gebiet früher im Auftrag von Clinic Home Interface in Ravensburg betreut hatten, bekannt waren.

Für 2019 rechneten Sie vor mehr als einem Jahr mit zirka 60 todkranken Patienten, die Sie betreuen wollten. Wie viele waren es tatsächlich?

Matthias Weng: Wir haben in unserem ersten Jahr etwa 280 Patienten betreut. 50 Fälle waren ausschließlich Beratungen. Diese Zahlen zeigen die Notwendigkeit eines eigenen Palliativteams für den Bodenseekreis.

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Wie groß ist das Team, das die Menschen zu Hause besucht und den Angehörigen mit Rat und Hilfe zur Seite steht?

Matthias Weng: Wir sind vier Palliativfachkräfte mit Zusatzausbildungen, eine Sekretärin, sieben Kooperationsärzte und ich als ärztlicher Leiter.

Und was waren die häufigsten Probleme und Fragen?

Matthias Weng: Medizinisch gesehen geht es meist um die Behandlung von Schmerzen, was man dagegen tun kann, um ein möglichst erträgliches Leben zu ermöglichen. Häufig stellt sich aber auch die Frage nach dem Sinn des Leidens und der Krankheit. Denn die Patienten, die wir betreuen, sterben in aller Regel. Nicht alle verstehen das und fragen: „Warum gerade ich?“ Es geht aber auch um materielle Probleme. Wenn zum Beispiel in einer Familie mit Kindern der besser verdienende Partner stirbt, besteht die Sorge, wie es weitergehen soll. Vielleicht hat der Patient sogar ein schlechtes Gewissen, gehen zu müssen. Das kann den Sterbeprozess verlängern, weil der Patient nicht loslassen kann.

Wie lang betreuen Sie die Patienten durchschnittlich?

Simone Meisert: Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal begleiten und betreuen wir Menschen akut nur für wenige Stunden. Aber im Durchschnitt sind es rund drei Monate.

Und wie oft gerät die häusliche Betreuung an ihre Grenzen?

Simone Meisert: Es gibt immer wieder Situationen, die an die Grenzen gehen und die häusliche Versorgung unmöglich machen. Das kann bei allein lebenden Menschen der Fall sein. Es kann auch Familienstreitigkeiten geben, die sich so dramatisch entwickeln, dass ein Pflegehaushalt nicht funktioniert. Und wenn die Angehörigen von der Situation komplett überfordert sind, ist das durch das beste Netzwerk nicht auszugleichen. In seltenen Fällen sind die Schmerzen auch so stark, dass sie zu Hause nicht medikamentös eingestellt werden können. Aber drei Viertel unserer Patienten können wir ihrem Wunsch gemäß bis zum Lebensende zu Hause begleiten.

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Der Kreistag des Bodenseekreises hat die Übernahme eines Defizits von bis zu 300 000 Euro in den ersten drei Jahren zugesagt. Mussten Sie davon Gebrauch machen?

Matthias Weng: Das Defizit für 2019 ist erfreulicherweise geringer als erwartet. Aber auch in diesem Jahr wird am Ende keine schwarze Zahl stehen. Wir brauchen also vermutlich auch 2020 die finanzielle Unterstützung des Bodenseekreises.

Wie hat die Corona-Pandemie die Arbeit des Palliativteams verändert?

Simone Meisert: Trotz Corona haben wir unverändert Patienten angenommen. Um jedoch Ansteckungen untereinander vorzubeugen, haben wir nur telefonischen Kontakt miteinander. Wir waren also in vollem Umfang arbeitsfähig. Problematischer waren Einschränkungen im Umfeld: Hausärzte haben weniger Hausbesuche gemacht, Hospizgruppen zeitweise ihre Arbeit eingestellt, in Hospizen der Region gab es keine Aufnahmen und Pflegedienste haben kaum neue Patienten aufgenommen.

Todkranken Menschen in der letzten Lebensphase mit Maske und Mundschutz zu begegnen, belastete das die Arbeit nicht zusätzlich?

Simone Meisert: Menschen mit Masken wirken manchmal unheimlich auf andere und verwirrte Patienten reagieren da besonders stark. Dazu fehlende Berührungen. Aber diese Maßnahmen waren notwendig und Patienten und Angehörige haben dies auch in aller Regel verstanden.

Wie sehen Sie die Zukunft des Palliativteams Bodensee?

Matthias Weng: Der Bedarf ist groß und mit zunehmendem Bekanntheitsgrad werden die Patientenzahlen steigen. Viele Menschen beschäftigen sich ja erst mit dem Thema Palliativpflege, wenn sie persönlich betroffen sind. Eine große Herausforderung wird der Personalmangel in den Pflegeberufen sein, gerade was die Zusammenarbeit mit Pflegediensten und Sozialstationen angeht. An unserer eigentlichen Aufgabe wird sich wenig ändern.

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