Nazli Yucad kennt ihre Kunden. Dem einen schreibt sie noch schnell eine WhatsApp-Nachricht, weil die bestellte Ware gekommen ist. Den anderen, die ihren „Mut“-Laden betreten, winkt sie zu. Und lächelt mit den Augen. „Willst du den Schal hier vorne?“, „Wie geht‘s dem Baby?“, fragt Yucad. Und wären da nicht ein Dutzend Fläschen von Desinfektionsmitteln, verteilt auf alle Ecken des Ladens, eine Plexiglasscheibe vor der Kasse und die Masken, die jeder hier trägt – „Verweigerer habe ich nicht“, sagt Yucad – könnte man fast vergessen, wie ungewöhnlich, wie hart die Zeiten für Einzelhändler nach wie vor sind.

Gerade jetzt zeigt sich: Der Einzelhandel ist auf den Tourismus angewiesen

„Es läuft besser als gedacht“, sagt Yucad. „Aber einfach ist es nicht.“ Während des Lockdowns war sie innerhalb der Stadt von der Mötteli- in die Wilhelmstraße gezogen, hatte also wegen der Renovierungsarbeiten schon mit Umsatzeinbußen gerechnet und sagt deshalb: „Mich trifft es nicht so hart wie andere.“ Sie wisse von Kollegen, denen die „Krise ziemlich zusetzte“ und die aktuell gerade „auf die Touristen angewiesen sind.“ Und hat damit gar nicht mal so unrecht, wie ein Streifzug durch die Friedrichshafener Innenstadt zeigt.

„Nach dem Lockdown ging es nur zögerlich los“, sagt Stefan Zimmer, Inhaber des Modehauses Heka. Doch: „Die Touristen bringen langsam Geld ein.“ Zimmer betont das „langsam“. Denn die Sommermonate – so gut sie auch sind – können den Umsatzverlust des Frühjahrs nicht ausgleichen. Und die Kunden? Die seien „sehr rücksichtsvoll.“

Hygiene und Abstandsregeln werden eingehalten

Tatsächlich wirkt vieles wie eingespielt: Während Zimmer ein paar Hemden sortiert, kommt eine Kundin in den Laden, ihr Mann wartet draußen, „damit es nicht zu voll wird.“ Sie trägt die Maske, bezahlt später kontaktlos und erledigt ihren Einkauf mehr oder weniger schnell. „Früher hätte ich mir Zeit zum Bummeln gelassen, dies und das angefasst“, sagt sie. Heute überlege sie zweimal, ob sie etwas brauche, kaufe aber trotzdem. Lokal, um den Einzelhandel zu stärken.

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Ähnliches berichtet die Stadt: „Der Einzelhandel hält sich sehr genau an die Vorschriften“, sagt Andrea Kreuzer, eine Sprecherin der Stadt. Umgekehrt hielten sich auch die Kunden „an die Hygiene- und Abstandsreglungen und auch die Maskenpflicht wird eingehalten.“ Überhaupt seien die Kunden, gerade die Stammkunden, ein Anker in dieser Zeit, sagt Zimmer und erzählt von ermunternden Anrufen und einem handgeschriebenen „Mut-mach-Brief“, der von einer Stammkundin kam.

Während des Lockdowns nutzte Sandra Weiss Soziale Kanäle wie Instagram, um mit den „Louise“-Kunden in Kontakt zu bleiben. Jetzt sind es vor allem Touristen, die bei ihr einkaufen.
Während des Lockdowns nutzte Sandra Weiss Soziale Kanäle wie Instagram, um mit den „Louise“-Kunden in Kontakt zu bleiben. Jetzt sind es vor allem Touristen, die bei ihr einkaufen. | Bild: Daniela Biehl

Auch Sandra Weiss, Inhaberin von „Louise“, hat solche „treuen Seelen“, wie sie sie nennt. „Ich hatte diese eine Kundin, die während des Lockdowns alle zwei bis drei Tage etwas bestellt hat und ich habe es ihr nach Hause gebracht.“ Um den Kontakt zu den Käufern nicht zu verlieren, nutzte sie Soziale Kanäle wie Facebook, vor allem aber Instagram. Bei Live-Streams und kleinen Präsentationen konnten die Kunden direkt bestellen. „Dass das nicht alles aufgefangen hat, ist klar, aber so sind wir zumindest in Erinnerung geblieben.“

Live-Streams will sie auch nach Corona veranstalten – und spricht wie Thomas Goldschmidt vom Stadtmarketing auch von den Touristen, die Geld in die Kasse bringen. Wären es nur die Häfler käme sie aktuell nicht über die Runden. Goldschmidt formuliert es so: „Es sind jetzt sehr viele Touristen am Bodensee. Davon profitiert der Einzelhandel.“ Friedrichshafen könne sich also glücklich schätzen. „Es gibt Städte, da sieht es ganz anders aus.“

Kritisch ist die Herbst-Wintersaison

Dennoch: „An den Umsatz der Vorjahre kommt kein Laden heran“, sagt Goldschmidt. Es fehle schlicht an Umsatzanlässen wie Hochzeiten, Geburtstagen, kleine Bummeltouren. Und wer in Kurzarbeit sei und nicht wisse, wie es beruflich weitergehe, „hält sein Geld beisammen.“

Sorgen bereitet Goldschmidt auch gar nicht so sehr die aktuelle Sommerphase, sondern vielmehr der Herbst: „Dann, wenn die Touristen weg sind und die Ware für die Wintersaison bezahlt werden muss, wird es bei vielen eng.“

Während des Lockdowns setzten die Einzelhändler auf Instagram

Die Ungewissheit kennt auch Marita Witan von Leder Meid. „Was soll man machen? Wir müssen es abwarten“, sagt sie und fügt schnell hinzu. „Wir haben einen langen Atem, die schlechten Zeiten überstehen wir auch.“ Schließlich gibt es das Geschäft schon seit 60 Jahren. Schließlich gab es da immer mal wieder unsichere Zeiten.

Mit Witan ein Gespräch zu führen, ist ein schwieriges Unterfangen. Immer wieder muss sie ans Telefon – nimmt Bestellungen entgegen, schaut, welche Anfragen online eingegangen sind – denn die Kundschaft geht vor. Und die bestellt im Augenblick online. „Ich denke, das ist die Zukunft“, sagt Witan, verräumt schnell ein paar Schuhe, die gerade geliefert wurden, und spricht von ihrem Instagram-Account – den hatte ihre Schwiegertochter während des Lockdowns für den Laden eröffnet. Damit die Kunden wussten, dass man sich auf sie verlassen kann, dass weiterhin geliefert wird. „Und plötzlich bekamen wir im Minutentakt Nachrichten, weil die Kunden das Gefühl hatten, doch irgendwie vor Ort zu sein.“

Dass Amazon Bestellung von Büchern während des Lockdowns ausgesetzt habe, freut Martina Kraus von Ravensbuch. Schließlich ist das Buch so etwas wie ein Kulturgut.
Dass Amazon Bestellung von Büchern während des Lockdowns ausgesetzt habe, freut Martina Kraus von Ravensbuch. Schließlich ist das Buch so etwas wie ein Kulturgut. | Bild: Daniela Biehl

Ähnliches berichtet auch Martina Kraus von Ravensbuch. Zwar sei die Buchhandlung schon vor Corona digital gut aufgestellt gewesen. „Einen Online-Shop, Bestellungen per Whatsapp, das haben wir schon lange“, sagt sie. Und merkt doch einen Unterschied: „Während des Lockdowns war das stärker nachgefragt, die Leute brauchten uns, wollten lesen.“

Dass Amazon – der größte Konkurrent des Buchhandels – die Bestellung von Büchern während des Lockdowns ausgesetzt habe, freut Kraus. Klammheimlich. „Corona zeigt deutlich, dass mit so einem Markthai keinem gedient ist.“ Bücher seien ein Kulturgut, sagt sie und ist wegen des wiedererwachten Leserfiebers „ganz gut durch die Zeit gekommen.“ Umsatzeinbußen hat sie dennoch hinnehmen müssen.

Stadtmarketing will dem Handel mit Aktionen unter die Arme greifen

„Am schwierigsten wird es wohl zu Weihnachten“, sagt Kraus. Die eigentlich umsatzstärkste Zeit im Jahr, „wenn es im Laden nur so wuselt.“ Mit welchen Konzepten sie dann für Abstand sorgt – ohne die Kunden zu vergraulen – daran arbeitet Kraus noch.

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Um dem Einzelhandel im Winter unter die Arme zu greifen, plant das Stadtmarketing schon fleißig an „kleinen Aktionen“, wie Goldschmidt verrät. So soll es unter anderem Gewinnspiele geben. Denn: Dass Läden schließen müssen will er auf keinen Fall.

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