Unscheinbar an Gleis 1 am Bahnhof Friedrichshafen steht das kleine gelbe Häuschen der Bahnhofsmission, die nach mehr als 100 Jahren schließen soll. Hier kommen Menschen her, die Angst allein am Bahnhof haben. Manche Menschen mit einer Behinderung warten lieber drinnen bei einer Tasse Kaffee auf ihren Zug. Andere brauchen Hilfe beim Gleiswechsel oder Einsteigen, ganze Zugbegleitungen werden hier organisiert.

Treffpunkt auch für Wohnungs- und Obdachlose

Auch Wohnungs- und Obdachlose treffen sich hier. „Wenn einer sich eine Woche nicht gewaschen hat, schicken wir ihn in die Herberge zum Duschen“, schildert Detlef Luf, der die Häfler Bahnhofsmission seit mehr als sieben Jahren leitet. Manchmal könne sogar ein Job vermittelt werden.

Viele Ehrenamtliche im Team

Seinen ehrenamtlichen Mitarbeitern und ihm sei hier jeder willkommen. Er betont: „Das war ein tolles Team. In meinen 34 Jahren Berufsleben hatte ich nie ein tolleres Team um mich herum.“

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Ehrenamtlichen fehlte Wertschätzung durch Träger

Anfang März, kurz vor der vorübergehenden Schließung der Bahnhofsmission aufgrund der Corona-Verordnung, legten die Ehrenamtlichen aus Protest ihre Arbeit nieder. Peter Rieser erklärt: „Uns fehlte die Wertschätzung.“ Der 81-Jährige musste vor elf Jahren schon einmal aufhören mitzuhelfen. Damals gab es eine Altersbegrenzung auf 70 Jahre für die Mitarbeiter, die später aufgehoben wurde. „Ich hätte gern weitergemacht, habe aber aus Solidarität auch aufgehört“, begründet er die aktuelle Entscheidung. Sobald es einen neuen Träger für die Bahnhofsmission geben werde, denn darauf hoffen die Ehrenamtlichen derzeit, sei er sofort wieder dabei.

Steigen Gesamtkirchengemeinde oder Stadt ein?

Aktuell ist unklar, ob etwa die Gesamtkirchengemeinden oder die Stadt Friedrichshafen die Bahnhofsmission übernommen wollen. Vorerst steht eines fest: Die Bahnhofsmission unter Trägerschaft des Vereins der internationalen Jugendarbeit mit Sitz in Stuttgart wird nur mehr bis 31. Oktober Bestand haben. Das geht aus einer am Donnerstag verschickten Pressemitteilung hervor. „Der Träger vollzieht damit einen Schritt, den er bedauert, der aber den seit mehreren Jahren andauernden finanziellen Schwierigkeiten geschuldet ist. Rückläufige Zuschüsse und fehlende Eigenmittel haben zu dieser bedauerlichen Entscheidung geführt“, heißt es in der Mitteilung.

Leiter selbst erfuhr erst am Mittwoch von Schließung

Auch Luf selbst hat erst am Mittwoch davon erfahren, telefonisch. „Es gibt traurige Neuigkeiten“, habe es da geheißen. Die Begründung des „finanziellen Engpasses“ mag er so nicht gelten lassen. Sie hätten ein großes Spendenaufkommen gehabt.