Die Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio aufgrund der Corona-Pandemie hat unter den Sportlern für viel Unruhe gesorgt. Mancher, der sich seiner Teilnahme schon sicher war, durfte nochmal von vorne beginnen. Wettkämpfe fielen aus, Sponsorenverträge mussten verlängert werden. Da war viel Durchhaltevermögen gefragt, um ein weiteres Jahr am Ball zu bleiben.

Thomas Brüchle nahm im Rollstuhltennis an den Paralympischen Spielen 2016 in Rio teil.
Thomas Brüchle nahm im Rollstuhltennis an den Paralympischen Spielen 2016 in Rio teil. | Bild: privat

Thomas Brüchle ist ein Medaillenkandidat

Thomas Brüchle hatte Glück. Seine Qualifikation für die Paralympischen Spiele von 2020 blieb bestehen. Für den Rollstuhl-Tischtennisspieler fanden seit Ausbruch der Pandemie zunächst keine internationalen, später auch keine nationalen Wettkämpfe mehr statt. Selbst den Unterricht durfte der Lehrer, der am Bildungszentrum Kressbronn unterrichtet, nur noch online von zuhause machen. Training fand für die Sportler mit Handicap unter strengsten Hygieneauflagen und im kleinsten Kreis statt. Da brauchte es schon einen Mentalcoach, um nicht einen Lagerkoller zu bekommen.

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Doch aufgeben ist Brüchles Sache nicht. Fünf Jahre lang hat er sich der zweimalige Silbermedaillengewinner auf seine dritte Teilnahme an den Paralympischen Spielen vorbereitet und ist nach wie vor fest entschlossen, sowohl im Einzel- als auch im Mannschaftswettbewerb eine Medaille zu gewinnen.

Ein letzter Schliff und dann geht der Flieger nach Tokio

Nach dem langen Warten geht jetzt alles ganz schnell: Der letzte Schliff wird ihm in der ersten Augustwoche bei einem Lehrgang in Düsseldorf verpasst. Danach heißt es Kraft tanken, bevor am 17. August die Maschine Richtung Tokio startet. Am 25. gehen dann auch endlich für Thomas Brüchle die Wettbewerbe los. „So langsam“, sagt der 44-Jährige, „kommt Vorfreude auf.“

Julia Sude spielt zusammen mit Karla Borger Beach Volleyball. Hier im Einsatz in Mexiko.
Julia Sude spielt zusammen mit Karla Borger Beach Volleyball. Hier im Einsatz in Mexiko. | Bild: Fivb

Julia Sude war sich ihrer Teilnahme sicher

Auf die Verschiebung der Spiele war Julia Sude bereits mental vorbereitet und der Riesenschock blieb aus. Trotzdem wirbelte es auch bei der Beachvolleyball- Spielerin, die am Spielfeldrand des VfB Friedrichshafen aufgewachsen war, so manches durcheinander. Ein neuer Trainer musste her. Ihr Vater, der ehemalige Volleyballspieler Burkhard Sude, der sie und ihre Partnerin Karla Borger bis Tokio begleiten wollte, habe sich wieder um seine Zahnarztpraxis in Neukirch kümmern müssen. Zudem seien Sponsorenverträge ausgelaufen und neue mussten abgeschlossen werden.

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Obwohl Julia Sude Sportsoldatin ist und daher einen regelmäßigen Sold bezieht, habe sie ihren neuen Trainer nur mithilfe von Sponsorengeldern finanzieren können. Da sei es Glück gewesen, dass Geldgeber an das Team glaubten und mit ihrem finanziellen Beitrag ermöglichten, dass die World Tour weiter gehen konnte.

„Unsere Road to Tokio geht auf die Zielgerade.“
Julia Sude, Volleyballerin

Zweifel, dass die Spiele stattfinden, hatte die 33-Jährige nach eigenen Angaben nie – und auch nicht, dass sie sich qualifizieren würden. Am 13. Juni teilte das Präsidium des Deutschen Volleyball-Verbands den beiden Volleyball-Spielerinnen dann auch ganz offiziell die Nominierung mit. Entscheidend dafür sei neben der sportfachlichen Einschätzung eines Expertengremiums auch die aktuelle Form bei den letzten sechs Turnieren vor diesem Stichtag. Julia Sude schreibt: „Unsere Road to Tokio geht auf die Zielgerade.“

Liane Lippert ist Profisportlerin und beim niederländischen Team DSM unter Vertrag.
Liane Lippert ist Profisportlerin und beim niederländischen Team DSM unter Vertrag. | Bild: Vincent Riemersma

Liane Lippert setzt sich nicht unter Druck

Auf die Zielgerade mussten die Radfahrer etwas länger warten. Erst am 29. Juni wurden Liane Lippert und Laura Süßemilch offiziell nominiert. „Das ist sensationell für unseren kleinen Verein, dass wir mit zwei Olympionikinnen aufwarten können“, freut sich Kurt Lippert, der sich seit vier Jahrzehnten im Vorstand des Radsportverein Seerose in Friedrichshafen engagiert.

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Bis Corona im Frühjahr 2020 alles über den Haufen warf, schien es bei seiner Tochter Liane, der Rennradfahrerin mit einer Leidenschaft für steile Steigungen, nur bergauf zu gehen. Die Profi-Sportlerin, die beim niederländischen Team DSM unter Vertrag steht, sei zwar von der Verschiebung riesig enttäuscht gewesen, aber dran geblieben und so zur größten deutschen Hoffnungsträgerin geworden. Ein zweiter Platz bei der Deutschen Meisterschaft in Stuttgart bestätigte ihr Talent.

„Ich weiß um meine Stärken, besonders am Berg.“
Liane Lippert, Rennradfahrerin

„Eigentlich war ich nicht überrascht“, sagt die 23-jährige Häflerin zu ihrer Nominierung. „Ich weiß um meine Stärken, besonders am Berg.“ Trotzdem habe sie eine große Erleichterung gespürt. Schon am 17. Juli hob ihre Maschine nach Tokio ab. Sie will sich in aller Ruhe an die Zeitumstellung und an die hohen Temperaturen gewöhnen. Druck macht sich Liane Lippert aber nicht. Noch sei sie keine Medaillenkandidatin, sagt sie. Die internationale Konkurrenz sei viel älter und erfahrener als sie.

Laura Süßemilch fährt Bahnradrennen in der Disziplin der Mannschaftsverfolgung.
Laura Süßemilch fährt Bahnradrennen in der Disziplin der Mannschaftsverfolgung. | Bild: privat

Bei Laura Süßemilch kommt Vorfreude auf

Am selben Tag war auch für ihre Freundin Laura Süßemilch klar, dass sie Deutschland in Tokio vertritt. Bei einer Straßenrundfahrt in Tschechien trainierte sich die gebürtige Weingartnerin noch ein wenig Rennhärte an, bevor es zum Stützpunkt in Frankfurt an der Oder zum letzten Bahntraining ging. Bei der Einkleidung, sagt sie, sei schon diese besondere Vorfreude aufgekommen.

Während die 24-Jährige für das belgische Frauenteam Plantur-Pura Straßenrennen fährt, ist sie für den Bahnradsport bei der Bundeswehr angestellt und kämpft sich als Sportsoldatin in der Disziplin der Mannschaftsverfolgung in die Weltspitze vor.

David List fährt auf seinem Mountainbike der Elite auf und davon.
David List fährt auf seinem Mountainbike der Elite auf und davon. | Bild: Lynn Sigel

David List muss einem älteren Sportler der Vortritt lassen

Auch David List aus Friedrichshafen begann seine Radkarriere beim RSV Seerose. Doch während die Verschiebung der Spiele für seine Kolleginnen enttäuschend war, bot sich dem 22-Jährigen eine unerwartete Chance. Als er 2020 bei der Marathon-Meisterschaft die über 23-Jährigen, die „Elite“, alt aussehen ließ und sich die Goldmedaille über 75 Kilometer und 2250 Höhenmeter sicherte, fuhr er mit seinem Mountainbike auf die Longlist der Olympia-Aspiranten für 2021.

„Ich bin sehr enttäuscht, dass ich als Nachwuchsfahrer nicht die Chance bekommen habe.“
David List, Mountainbiker

Zwei Meisterschaften blieben ihm, um sich zu qualifizieren. „Ich bin im Worldcup Zweiter geworden und habe die Norm komplett erfüllt“, sagt David. Trotzdem hat sich sein Verband für einen erfahrenen Sportler, der bereits viermal bei den Spielen angetreten ist, entschieden. „Ich bin sehr enttäuscht, dass ich als Nachwuchsfahrer nicht die Chance bekommen habe“, sagt er. Denn Kopf in den Sand stecken will er aber nicht. In seinem letzten U-23-Jahr will er so gut werden, dass für Paris 2024 kein Zweifel mehr an seiner Qualifikation besteht.

Simon Diesch und sein Vorschoter Philipp Autenrieth im 470er vor Mallorca.
Simon Diesch und sein Vorschoter Philipp Autenrieth im 470er vor Mallorca. | Bild: Lars Wehrmann

Simon Diesch verpasste das Nationen-Ticket

Der Segler Simon Diesch hat es nicht geschafft. „Unsere gemeinsame Olympia-Kampagne ist beendet“, ließ der Jura-Student wissen. Bis zum 28. Juni hatten sich er und sein Vorschoter an die Möglichkeit einer Nachnominierung geklammert. Dann war es offiziell: Weder er noch ein anderes deutsches Herrenteam wird in der 470er-Jolle in Tokio starten.

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Nicht jedes Land der Welt kann zu den Spielen reisen, die Plätze sind limitiert. Viele Regatten wurden 2020 abgesagt, der Druck konzentrierte sich auf nur wenige Events und den beiden Seglern gelang es nicht, das Nationen-Ticket zu holen. Hätte eine Nation auf den Start verzichtet, wäre das Team Diesch-Autenrieth aufgrund seiner Platzierung nachgerückt. Doch das war nicht geschehen. Was seine Zukunft auf dem Wasser bringt, weiß Simon momentan noch nicht. An Land wird er sich jetzt erst einmal auf sein Studium in Konstanz konzentrieren.