Die meisten Menschen kennen das: ein schlechter Tag, miese Stimmung zwischendurch oder sogar der beinahe modische Burnout. Das Leben von Andrea Virani aus Friedrichshafen, die unter Pseudonym schreibt, spielt jedoch in einer ganz anderen Kategorie von Leid und Lebenskampf. Wie sie den psychischen Schmerz trotz allem „überlebt“ hat – allein davor muss man angesichts des Durchlebten explizit Hochachtung haben – beschreibt sie detailliert. So gibt das Buch wertvollen Einblick und Verständnis für diejenigen, denen all dies erspart geblieben ist. Und Mut kann jemand schöpfen, der sich gerade in der Talsohle des Lebens befindet, am Boden ohne Lichtstreifen am Horizont.

Die mitunter leichtfertig gebrauchte Vorstellung von „schwerer Kindheit“ erfährt bei Virani eine eigene Dimension. Eine Mutter, die nicht imstande ist, sich um ihr Kind zu kümmern. Ein Vater, der seine Tochter verleugnet. Die Folge: Pflegefamilien und dortige emotionale Kälte, auch Missbrauch.

Die Befreiung aus dieser ungünstigen Startbedingung gelingt der Autorin jedoch eindrücklich. Ein lebhafter Studienbeginn in Konstanz voller politischer Aktivitäten. In dieser Situation scheinbar völlig unvermittelt die erste ernstere Krise: zunächst die Gedanken an Selbsttötung, dann Wahnvorstellungen. Hier zeigt sich die Essenz in Andrea Viranis Leben, die sich immer wieder bis ins Aktuelle spiegelt: die Sehnsucht nach Liebe, auch nach Geborgenheit.

Erneut steht Andrea Virani auf: Nach dem Aufenthalt in der Psychiatrie führt sie ein ausgesprochen bewegtes Leben. Viele dürften sie um ihre intensiven Momente in Südamerika beneiden. Ihre Abenteuer in Venezuela sind fesselnd zu lesen. „So wohl hatte ich mich in Deutschland nie gefühlt“, schreibt sie. Quirligkeit prägt ihr weiteres Erwachsenwerden.

Sie hat es geschafft, so denkt man. Dabei kommt das scheinbar Schlimmste noch. Dem Leser mögen dank der aufrichtigen Erzählung der Autorin die anderen Biegungen, die in diesem Leben möglich gewesen wären, offenkundig erscheinen. Wieso hat sie so gehandelt und nicht anders, fragt man sich mitunter. Letztendlich bleibt angesichts der beschriebenen dramatischen inneren Zustände nur das Gefühl der Ohnmacht. Katatonie, eine völlige Erstarrung aus der Depressivität heraus, wird durch die Beschreibungen greifbar. Vielleicht sind es die unglücklichen Umstände ihrer zweiten ernsthaften Krise in Stuttgart, die einen ungeheuren Leidensweg zur Folge haben? Antworten kann es keine geben. Die Psychiatrie wird jedenfalls zum Alltag: mit Krankenhauserfahrungen ähnlich wahrer Albträume, aber auch ausgesprochen positiven Klinikbegebenheiten.

Das Buch ist als Lebensabriss einer Frau mittleren Alters geschrieben. Hier stören den Lesefluss teilweise unvermittelte Zeitsprünge und unnötige Redundanzen. Ihre Inspirationen oder Umschreibungen dessen, was sie in schwersten Momenten am Leben gehalten hat – zum Beispiel Musik, Literatur, Filme oder Persönlichkeiten – klingt leider nur im Nachwort an. Das hätte der Ich-Lastigkeit im Erzählstil etwas Abwechslung gegeben.

Ein erweitertes Sachregister mit aus Sicht der Autorin als empfehlenswert angesehenen Hilfsangeboten, Webseiten, Ratgebern oder Büchern für diejenigen, die das Buch aus eigener Betroffenheit lesen, hätte den Mehrwert ebenso gesteigert.

Es bleibt die Hoffnung und Menschenliebe einer Frau, die nie aufgegeben hat. Die Trost und Stärke in der Religiosität gefunden hat. Zudem nach widrigsten Umständen Frieden mit sich und ihrer Umwelt geschlossen und letztendlich privates Glück erreicht hat. Neugierig bleibt der Leser auf die Träume hinsichtlich ihres weiteren Lebens. Diese deutet sie jedoch nicht an. Am Ende mögen manche erkennen, wie man trotz schwersten Leids Zuversicht bewahrt und sich im Leben einrichtet. Andere können ihre Alltagsprobleme oder etwaige Ausgebranntheit relativer einordnen.

Andrea Virani: Seelischer Marathon: Eine ungewöhnliche Lebensgeschichte. Verlagshaus Schlosser. ISBN: 978 396 200 01 03. 12,90 Euro.