„Es sind deutlich weniger Fahrgäste mit dem Bus unterwegs. Natürlich fällt auf, dass die Schüler frei haben. Aber auch insgesamt sind nicht viele Menschen unterwegs“, erzählt Selina Memold, während sie Anfang vergangener Woche am Hafenbahnhof in Friedrichshafen auf den nächsten Bus wartet. Die 21-Jährige arbeitet in einer Arztpraxis und ist für den täglichen Weg zur Arbeit auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen. Tatsächlich sind die sonst zeitweise so vollen Busse kaum besetzt. Den empfohlenen Abstand von anderthalb Metern einzuhalten, scheint kein Problem zu sein. Wo sich sonst Schüler dicht an dicht in die Gänge quetschen, herrscht gähnende Leere. Auch in keinem der Busse, die den Stadtbahnhof verlassen, sind alle Sitzplätze besetzt.

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Diesen Eindruck bestätigen auch die Verkehrsbetriebe: „Ein genereller Rückgang an Fahrgästen ist aktuell zu beobachten, ja“, so Anne Hackert, Pressesprecherin des Bodensee-Oberschwaben Verkehrsverbunds (Bodo). Eine Verunsicherung der Kunden zeige sich auch im Kundenservice. Laut Hackert gingen in den vergangenen Tagen mehr Anrufe zu den Themen Fahrscheinkauf, Buseinstieg und Fahrplaneinschränkungen ein.

Absperrband soll Busfahrer schützen

Zum Schutz von Personal und Passagieren wurden Sicherheitsmaßnahmen von Bus- und Bahnbetrieben getroffen. „Einheitlich für das Land Baden-Württemberg sowie Land Bayern wurde beschlossen, den Ticketverkauf beim Busfahrer einzustellen. Des Weiteren ist der vordere Buseinstieg geschlossen“, berichtet Hackert. Zwischen Fahrer und Fahrgästen versperren nun rot-weiß gestreifte Flatterbänder den Durchgang. Statt das Ticket beim Fahrer zu erwerben, empfiehlt Bodo die Nutzung der App, E-Card oder anderer berührungsloser Kanäle.

Wie hier am Stadtbahnhof Friedrichshafen bleiben bei allen Linienbussen im Bodenseekreis die Vordertüren geschlossen. Fahrgäste müssen bis auf weiteres hinten einsteigen.
Wie hier am Stadtbahnhof Friedrichshafen bleiben bei allen Linienbussen im Bodenseekreis die Vordertüren geschlossen. Fahrgäste müssen bis auf weiteres hinten einsteigen. | Bild: Jana Messmer

Die Stadt Friedrichshafen verzichtet während der Corona-Pandemie auf Parkgebühren und will so mehr Menschen zur Fahrt mit dem privaten Auto animieren. Für Selina Memold stellt dies keine Option dar. Ein Problem ist das für die Häflerin nicht: „Ja, ich fühle mich auch jetzt im Bus noch sicher.“

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Ähnlich sieht die Situation Wolfgang Saupp, der vergangene Woche von Frankfurt aus zurück nach Immenstaad reiste. „Gewöhnlich müsste man für die Strecke bis Friedrichshafen Sitzplätze buchen. Heute war kaum einer im Zug“, schildert er. Er sei froh, dass die Züge noch fahren. „Im Zug muss ich ja niemanden anfassen. Ich fühle mich auch dort sicher“, so der 52-Jährige.

Wolfgang Saupp, 52, steht am Stadtbahnhof Friedrichshafen auf der Durchreise von Frankfurt nach Immenstaad. Er ist froh, dass die öffentlichen Verkehrsmittel weiterhin fahren.
Wolfgang Saupp, 52, steht am Stadtbahnhof Friedrichshafen auf der Durchreise von Frankfurt nach Immenstaad. Er ist froh, dass die öffentlichen Verkehrsmittel weiterhin fahren. | Bild: Jana Messmer

Laut einer Pressemitteilung, die am Mittwoch vom Verkehrsministerium veröffentlicht wurde, soll der öffentliche Verkehr auch weiterhin aufrechterhalten werden. Inzwischen ist das Angebot zwar reduziert, es soll aber ausdrücklich nicht ausgesetzt werden. Dies sei wichtig „damit Menschen, die auf den ÖPNV angewiesen sind, diesen weiterhin nutzen können“, so Landesverkehrsminister Winfried Hermann. Es gelte nun Vorsichtsmaßnahmen und Verhaltensregeln zu befolgen, zum Beispiel Abstand zu halten.

Nicht zu viel und nicht zu wenig

Bernd Grabherr, Geschäftsführer der privaten Busunternehmen im Bodo, beschreibt die aktuelle Arbeit als Balance-Akt: „Wir dürfen nicht zu viel anbieten, da die Menschen derzeit möglichst zuhause bleiben sollten. Gleichzeitig müssen ausreichend Busse fahren, damit sich die Personen, die noch unterwegs sein müssen, nicht zu nahe kommen.“ Das Angebot werde bedarfsorientiert und unter wirtschaftlichen Möglichkeiten eingedampft, führt Grabherr weiter aus. „Auch in einer solchen Situation fühlen wir uns für die Gewährleistung der Mobilität der Bürger verantwortlich, soweit es in unserer Kraft steht“, so Grabherr. Die Fahrer seien angehalten mit den allgemein empfohlenen und bekannten Schutzmaßnahmen vorzusorgen.

Bild: privat

Gemeinsam für das Land Baden-Württemberg haben sich Verkehrsministerium Baden-Württemberg, Landkreis- und Städtetag, die Verbände Deutscher Verkehrsunternehmen und baden-württembergischer Omnibusunternehmen sowie der Zusammenschluss der Verkehrsverbünde im Land auf einige gemeinsame Hinweise verständigt: Die Fahrgäste werden über Informationsmaterial und Displays in den Verkehrsmitteln auf die notwendigen Verhaltensregeln aufmerksam gemacht. Nach Möglichkeit soll ein Abstand von 1,5 Metern zu den Mitreisenden eingehalten werden. Außerdem sollen die Fahrgäste auf nicht erforderliche Fahrten verzichten und Stoßzeiten meiden.

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Dort, wo es technisch möglich ist, werden bei den Zügen an den Bahnhöfen alle Türen vom Fahrpersonal geöffnet, damit die Türöffner nicht von Hand gedrückt werden müssen. Die Reinigung der Züge finde laut Angaben der Bahn weiterhin täglich statt, insbesondere Oberflächen im Bereich Einstieg, Fahrgastraum und WC.

Das wird teuer

Auch für die ÖPNV Unternehmen im Land wird die kommenden Zeit wirtschaftlich nicht leicht zu bewältigen. So heißt es in der Pressemitteilung des Verkehrsministeriums: „Land und kommunale Aufgabenträger sind sich der wirtschaftlichen Situation des öffentlichen Verkehrs durch den allgemeinen Rückgang der Fahrgastnachfrage sowie durch vorsorgende Maßnahmen wie den Verzicht auf Fahrscheinverkauf in den Bussen und durch den Abbau von Fahrplanangeboten bewusst. Neben Liquiditätshilfen erwartet die Branche weitere Absicherungsmaßnahmen zur wirtschaftlichen Stabilisierung der Verkehrsunternehmen.“