„Der Weg zum Nahen ist für uns Menschen jederzeit der weiteste, und darum schwerste.“ Heidegger hat das gesagt, in seiner Festrede „Gelassenheit“ im Oktober 1945, und zitiert wird es von Christoph Jamme (Uni Lüneburg), bei seinem gut besuchten Vortrag „Phänomenologie des Unscheinbaren“ im Rahmen der öffentlichen Ringvorlesung in der Zeppelin Universität.

Der weite Weg zum Nahen

Der Weg zum Nahen ist der weiteste – was soll das heißen? Heidegger meint, und das wird ihn bis zu seinem Tod 1976 beschäftigen, dass uns das unmittelbare Verhältnis zu den einfachen Dingen der Welt abhanden gekommen ist – „weil wir die Natur nur noch als Objekt sehen können, das dem rechnenden Denken unterworfen ist“. Der Philosoph forderte demgegenüber ein „besinnliches“, ein „gelassenes“ Denken. In den „Feldweggesprächen“ aus dem Nachlass formuliert Heidegger: „Es geht um den Weg vom Fragen zum Hören, vom Wollen zum Nichtwollen, vom Tun zum Warten, vom vorstellenden Denken zur Inständigkeit.“

Sich auf die Dinge der Welt in je ihrer Weise einzulassen, sie verstehen zu wollen, anstatt sie in unsere gedanklichen Gebrauchsnetze einzuspinnen und sie zu vernutzen, das ist eine Kritik unserer Lebensverhältnisse, die uns heute vertraut ist. Jamme nennt ein konkretes Beispiel der Auswüchse dieser ausbeutenden Haltung: Die bedenkenlose Kastration von Ferkeln in der Annahme, sie empfänden keinen Schmerz. Das, so Jamme, seien Zustände, die nur ohne eine angemessene Vorstellung von der Kreatur entstehen konnten.

Heiligung der Dinge

Heidegger geht es um eine „Heiligung der Dinge“, besonders der einfachen Dinge – Krug, Baum, Haus, Brunnen; eine ethische und ästhetische Aufwertung. Das weise bis zurück zur Mystik eines Meister Eckart – „Im Ungesprochenen der Sprache der Dinge und Werke soll die Gottheit gefunden werden“, paraphrasiert ihn Jamme -, aber auch zum ostasiatischen Denken Laozis und des Zen. Im deutschen Kulturraum vertritt Adalbert Stifter ein ähnliches Denken. In der Vorrede seiner Erzählungen „Bunte Steine“ (1852) erkennt Stifter Größe gerade in den alltäglichen Dingen der äußeren Welt: „das Wehen der Luft, das Rieseln des Wassers“. In der inneren Natur bestehe die Größe für Stifter wiederum in einem „Leben voll Einfachheit“, denn solchem Leben gelinge ein „gelassenes Sterben“. Heidegger hatte Recht mit der Beschwerlichkeit eines solchen Weges: Stifter starb nicht gelassen und im Einklang mit sich und den Dingen, sondern schnitt sich mit einem Rasiermesser die Halsschlagader durch.

Für Heidegger wird auch Rilke zum Gewährsmann, der etwa 1907 schrieb: „So sehr dinghaft wirklich werden sie, so einfach unvertilgbar in ihrer eigensinnigen Vorhandenheit“. Rilke beschreibt so ein Stillleben von Jean-Baptiste Siméon Chardin aus dem 18. Jahrhundert. Und das schlägt die Brücke zur Kunst, die für Heideggers Denken über die Dinge zentral wird, besonders in Gestalt von Paul Cezanne. „Die Kunst Cezannes bringe die Dinge nahe, indem sie ihnen die Ferne und Unnahbarkeit lasse“, paraphrasiert Jamme Heidegger. Unermüdlich und immer wieder hat Cezanne den St. Victoire gemalt, seinen Hausberg in der Provence, um das ideal der Darstellung zu erreichen: die „réalisation“ (Verwirklichung).

Realisieren bedeutet, den Gesetzen der Natur zu folgen, und zugleich den Gesetzen der Kunst. In einer engen Wechselbeziehung wird die Kunst zum Maßstab der Natur, und umgekehrt. Da Cezanne von sich sagte „Ich male, wie ich sehe, wie ich fühle“, liegt das Bindeglied zwischen beidem, Kunst und Natur, letztlich in ihm selbst, in seiner Beziehungsfähigkeit zur dargestellten Natur, die gerade nicht in den eigenen Entwurf des Malers gezwungen werden soll. Cezanne nehme die Farbe „nur, um das Ding damit zu machen. Die Farbe geht völlig auf in dessen Verwirklichung. Es bleibt kein Rest“. Ersetzt man in diesem Rilke-Zitat das Wort „Farbe“ durch „Denken“, ist man bei Heidegger.

„Cezanne näherte sich den Dingen an, wie sie sich von sich aus geben“, erläutert Jamme. Diese Annäherung dürfte uns heute noch sehr viel schwerer fallen als damals Cezanne. Wir sind gänzlich eingesponnen ins kommerzialisierte Nutzendenken. Was ein Ding „für sich“ sein könnte, ahnen wir weniger denn je.

Handke auf Cezannes Spuren

Trotzdem wird es versucht. Auch vom Schriftsteller Peter Handke, auf den Jamme kurz verweist. Gehen wir an dieser Stelle über die Vorlesung hinaus: 1980 erscheint Handkes Buch „Die Lehre der Sainte-Victoire“, in dem er sich Cezannes annimmt. Handke versucht, sich in eine Weltwahrnehmung einzuüben, die Cezannes „réalisation“ entspricht; eine Geistesverfassung, die sich transparent für die Außenwelt der Dinge macht. „Das Offene kann, immer wieder, auch ich sein“, schreibt Handke. „Ich kann die Verschlossenheit wegwollen. Ich soll beständig so ruhig in der Welt draußen (in den Farben und Formen) sein.

Die Schuld triffft mich dann, wenn ich, in Gefahr, mich zu verschließen, nicht die auf Lebenszeit mögliche Geistesgegenwart will.“ Als ganz bei sich versteht Handke sich, wenn Äußeres in ihn einstrahlt. Ein Schild der Abwehr ist diese Geistesgegenwart gerade nicht. Besonders viele Schilderungen, die sich aus Handkes „offenen“ Momenten ergeben haben, finden sich in seinen veröffentlichten Notizbüchern. Die letzten erschienen 2015 unter dem Titel „Vor der Baumschattenwand nachts“. Handkes Notizbücher sind seine unmittelbarsten Äußerungen, denn was ihn auf dem von Heidegger skizzierten Weg „vom Tun zum Warten“ anfällt, schwebt hier frei, ist nicht in die Architektur eines Erzählzusammenhangs eingepasst, durch den es von sich fortweist wie ein kleines Detail in einem Bild. Auch als Autor von Romanen und Erzählungen bleibt Handke aber der Durchlässigkeit verpflichtet. Handke in seinem Notizen-Band „Am Felsfenster morgens“: „Tritt im Schreiben, Beschreiben zum Äußeren das Innere hinzu und verbündet sich ganz mit dem Außen, so entsteht ein Rhythmus, und aus der Beschreibung wird Prosa.“ Man kann dieses Einschwingen zwischen Innen und Außen als eine Variante der Cezanneschen „réalisation“ begreifen.

Trost für Modernisierungsverlierer

Freilich, die Thematik der Vorlesung ist nicht ohne Pferdefuß, und er wird im regen Gespräch mit dem Publikum diskutiert: Ist Heideggers Zivilisationskritik nicht auch ein Trostpflaster für Modernisierungsverlierer voller Zukunftsangst? Und ist die Rede von den „einfachen“ Dingen nicht eine Verklärung? Wird da eine gute alte Zeit propagiert, die es niemals gab? Die Sehnsucht nach einem schönen Gestern lässt sich letztlich auch als Marketingstrategie verwenden, die beim Gutverdiener-Versandhaus Manufactum die Kassen klingeln lässt, nach dem Motto „Es gibt sie noch, die guten Dinge“. Nur sind diese Dinge dann Retro-Produkte im Dienst von Wertschöpfungsketten, wie Heidegger sie gerade ablehnte.

Wenn Heidegger nicht als mentale Wellnessmassage missverstanden werden soll, ist die Suche nach dem Unscheinbar-Einfachen eine schwierige Sache – weil es darum geht, eine Aufmerksamkeitskultur zu entwickeln, die wir kaum besitzen. Und was sind denn die „einfachen Dinge“ heutzutage eigentlich – immer noch ein Krug, ein Brunnen, also althergebrachte, der Industrieproduktion vorgelagerte Gegenstände? Wichtiger als solche Klärungen ist Jamme, dass Heidegger aufzeigt, was wir verloren haben. Natur nicht mehr in ihrer wie auch immer gearteten Eigenheit zu empfinden, und an die Stelle der Empfindung den objektivierenden Blick zu setzen, das hat immense Folgen – „Stichwort Atomkraft“, meint Jamme.

Natur zu beherrschen bedeute auch, sie zu kennen – das ist ein Irrtum, zu dem die Herrschaft verführt, und dem das Einüben einer dialogischen Haltung entgegenwirkt. Cezanne hat sich daran versucht, indem er sich dem St. Victoire immer wieder annäherte; und auch Handke tut es. „Wiederholung“ ist ein Schlüsselwort seiner Bücher.