Mit einem Schubertlied voller Sehnsucht, Tiefe und Dankbarkeit drückt Dmytro Choni seine Freude aus. Er hat den neunten ZF-Musikpreis gewonnen. "Er verstand es, über alle drei Runden vollends zu überzeugen", verliest Juryvorsitzender Peter Vogel die Begründung. Er lobt den "fabelhaften Klangsinn" des jungen Pianisten. "Die herausragende Technik ist nie Selbstzweck, sondern immer Mittel zu höchster Interpretationskunst." Der Preis ist mit 6000 Euro dotiert. Die Schlussrunde im Graf-Zeppelin-Haus ist die dritte, in der seit Donnerstag sechs junge Pianisten aus aller Welt angetreten sind.

Jedem Teilnehmer war aufgegeben, eine Konzertetüde von Frédéric Chopin zu präsentieren, Choni wählte Nummer 11 des Opus 25. In ein einsames Lied klirren eisige Kaskaden. Während die linke Hand freundliche oder dunkle Muster zeichnet, fegt die rechte weiter, bis das Anfangsthema wieder auftaucht, jetzt majestätisch und kühl.

In der Etüde Opus 8, Nummer 9 von Alexander Skrjabin heben sich Ausrufe über unruhigen Grund und fallen zurück in rastloses Gemurmel. Sachte, aber nüchtern entspinnt sich ein Dialog zwischen heller und dunkler Seite des Flügels, mal behält die eine, mal die andere die Oberhand. Nach wie im Rausch tobenden Läufen nimmt er sich plötzlich zurück, zwei tiefe Töne bleiben.

Peitschende Rhythmen, offene Melodien und jazzige Momente – mit der ersten Klaviersonate des Argentiniers Alberto Ginastera legt Choni richtig los. Nachdenkliche Augenblicke scheinen auf und werden mitgerissen im Sog dahinrasender Pulse. Das bewegte Thema des zweiten Satzes löst sich aus vielschichtigem Flirren, im dritten steigen bedächtige Töne aus der Tiefe des Flügels, ehe im vierten heftige Sechzehntel Pianisten und Musik vorwärts treiben.

Juroren und Finalisten des neunten ZF-Musikpreises (von links): Ritva Sjöstedt, Yuka Imamine, Hans Hyungmin Suh, Peter Vogel, Jung Eun Séverine Kim, Dmytro Choni.
Juroren und Finalisten des neunten ZF-Musikpreises (von links): Ritva Sjöstedt, Yuka Imamine, Hans Hyungmin Suh, Peter Vogel, Jung Eun Séverine Kim, Dmytro Choni. | Bild: Bild: Corinna Raupach

Choni spielt mit dem ganzen Körper, mal kriecht er fast in die Tasten, dann wirft er sich zurück und der Kopf zuckt im Takt. 1993 in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine, geboren, erhielt er mit vier Jahren den ersten Klavierunterricht. Zurzeit studiert er in Graz an der Universität für Musik und Darstellende Kunst. Er hat schon andere Preise gewonnen – wie den "Arturo Bendedetti Michelangeli Prize" – trat als Solist mit Orchestern wie dem National Symphony Orchestra of Ukraine auf und war Gast etwa beim "Kissinger Sommer" oder beim Festival "Next Generation".

"Wir erleben heute Abend Musik auf höchstem Niveau und vielleicht erleben wir den Beginn einer großen internationalen Karriere", sagte Oberbürgermeister Andreas Brand. Einige der bisherigen Preisträger wie Herbert Schuch, Alexej Gorlatch und Claire Huangci haben es auf die großen Bühnen geschafft. "Peter Vogel besitzt ein besonderes Gespür für Talente", sagt Matthias Lenz, Vorstand der ZF-Kunststiftung. Seit 20 Jahren arbeitet die Stiftung mit dem künstlerischen Leiter des Wettbewerbs zusammen. Erst unterstützte sie das "Internationale Festival junger Meister", 2001 verlieh sie den ersten Musikpreis.

"Es ist uns gelungen, Formate zu entwickeln, die es so bisher nicht gab und die in der Umsetzung auch einzigartig geblieben sind", sagt Vogel. So dürfen die Juroren – in diesem Jahr neben Vogel die Professorinnen Yuka Imamine und Ritva Sjöstedt – in keinem Lehrverhältnis zu den Teilnehmern stehen. Besonders ist auch, dass Pianisten und Juroren die ersten Tage des Wettbewerbs gemeinsam in St. Christoph verbringen. Vogel selbst kümmert sich darum, den Künstlern nach der Teilnahme weitere Auftritte in der Region zu verschaffen. "Wir machen unsere Stars selbst", sagt er und verweist auf Preisträger Shawn Choo, der die Säle am Bodensee regelmäßig füllt. Dmytro Choni ist auf dem besten Weg dorthin – den Publikumspreis hat er an diesem Abend ebenfalls gewonnen.

Plätze zwei und drei

  • Den zweiten Platz belegt Jung Eun Séverine Kim, 1994 in Südkorea geboren und heute Studentin bei Bernd Goetzke an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover. Kim ist Preisträgerin des 15. Internationalen Klavierwettbewerbs der Chopin-Gesellschaft in Hannover und gibt Konzerte als Solistin und Kammermusikerin. Sie beweist als einzige an diesem Abend Sinn für leise Töne und beeindruckt durch elegant gebändigte Kraft.
  • Auf den dritten Platz gelangt Hans Hyungmin Suh, 1990 in Südkorea geboren und zur Zeit ebenfalls Student in Hannover, bei Olivier Gardon. Er debutierte als Siebenjähriger, spielte mit dem New York Philharmonic Orchestra und arbeitete mit Dirigenten wie Kurt Masur zusammen. Er besticht im GZH mit einer farbenreichen Interpretation von Ravels "La Valse".