Ist die erwachsen geworden – das Älterwerden bekommt ihr – und die kann ja auch echt gut singen. Und ist so nett. So normal. Gar keine Allüren oder so. Wie fürchterlich abgedroschen das alles klingt. Stimmt aber eben auch. Yvonne Catterfeld ist inzwischen 37, hat einen kleinen Sohn und macht Urlaub am Bodensee. 14 Jahre sind vergangen seit "Für Dich", produziert von Dieter Bohlen, gesungen vom damals blonden Soap-Sternchen, bekannt aus "Gute Zeiten, schlechte Zeiten".

Die Frau, die heute beim Kulturufer auf der Bühne steht, hat mit "Für Dich" nicht mehr viel zu tun. Sie steht da, umringt von ihrer sechsköpfigen Band, und vermittelt dem Publikum, dass sie in diesem Moment nichts lieber täte als hier auf dieser Bühne zu stehen und bei 30 Grad gemeinsam eine gute Zeit mit Musik zu haben. "Guten Morgen Freiheit" heißt ihr neues Album, produziert beim eigenen Plattenlabel. So macht man das, wenn man erwachsen ist und seine eigenen Entscheidungen treffen will. Yvonne Catterfeld erzählt von großen Ängsten speziell bei beruflichen Entscheidungen, vom eigenen Weg der Freiheit, den sie gefunden hat, was freilich ein Weilchen dauerte. Sie erzählt und singt davon, "Was bleibt" – und das sind eben nicht die bunten Lichter und großen Bühnen.

Das Publikum im großen Zelt hängt an den Lippen der 37-Jährigen. Es ist tatsächlich sehr einfach, sie zu mögen. So nett eben. Über Neid – und sind wir ehrlich, vor allem Frauen untereinander können sehr schnell neidisch sein, wenn eine viel kann und/oder gut aussieht – ist sie erhaben. Mit Frau Catterfeld möchte man eine Weinschorle trinken gehen am Bodenseeufer und ihr einfach weiter zuhören. Ganz neidlos anerkennend, dass diese Frau ganz offensichtlich angekommen ist in ihrem Leben und dabei auch noch sehr schlaue Texte schreibt. Sie fragt, warum denn immer alles besser werden muss, um gut zu sein ("Besser werden") und warum wir immer auf der Suche nach irgendwas sind, auf der Suche nach etwas mehr ("Irgendwas").

Bei "Irgendwas" zeigt sich das gesangliche Können der Erfurterin: Die Strophen haben enormes Tempo, da sitzt jede Silbe, da passt jeder Ton. Wenn andere Sängerinnen mit viel Druck arbeiten, um einen Ton noch zu erwischen oder auch mal pressen müssen, damit die Note nicht entwischt, gleitet Catterfelds Gesang mühelos. Das geht mit Talent allein nicht, sondern braucht hervorragende Technik, die die Sängerin unter anderem beim Studium der Jazz- und Popularmusik an der Musikhochschule Leipzig lernte. Die Band steuert ihren Teil bei und ist dabei viel, viel mehr als das Beiwerk eines bekannten Namens.

Im Mittelteil des Sets rücken die Musiker und ihre Sängerin zusammen, spielen zwei Lieder in Akustikversionen. Die Herzen im Publikum machen kleine Hüpfer, weil das so schön und so authentisch (schon wieder abgedroschen!) ist. Musikalisch ist Dieter Bohlen gottlob inzwischen weit, weit weg. Bei "Schwarz auf Weiß" klingt astreiner Reggae durch, an vielen Stellen schwingen Soul und Funk mit. "Irgendwas" lässt an Jay-Z denken.

Und während die Menschen in diesem heißen Zelt der Frau auf der Bühne ohnehin schon ergeben sind, breitet sie die wohlig-warme Decke noch ein bisschen weiter aus, macht es noch etwas kuscheliger. Nicht mit einer Ballade über Herzschmerz, sondern mit einem Loblied an die Region. "Ich bin total verliebt in den Bodensee", sagt Yvonne Catterfeld. Berichtet vom Urlaub in Konstanz, vom Baden am Hörnle und setzt einen Superlativ auf den nächsten. Da ist nichts aufgesetzt, das meint sie ganz genau so. "Die Farbe des Wassers – das gibt es nirgendwo sonst." Ihr Lebensgefährte, Schauspieler Oliver Wnuk, ist Konstanzer.

Eine 37-jährige Frau singt andere Lieder als ein Soap-Sternchen Anfang 20 – wenn sie das denn selbst entscheidet und eben jene Freiheit gefunden hat. Stichwort eigenes Plattenlabel. Sie singt von Kindern ("Ich will, dass du dich traust, dass du fällst, wenn du es brauchst") und von Kommunikationsproblemen im Zwischenmenschlichen ("Du und ich zwischen den Zeilen, zwischen Worten, die nichts sagen"). Sie bewegt sich im ganz normalen und realen Leben eines Erwachsenen Mitte/Ende 30.

Wenn sich Yvonne Catterfeld schließlich einen Song von Kollegen ausleiht, dann wird auch der neidlos anerkennen müssen, dass das Lied ihr besser steht. "Hey" von Andreas Bourani sang Yvonne Catterfeld bei der TV-Show "Sing meinen Song", an diesem Abend bringt sie es auch mit nach Friedrichshafen.

Die Zuhörer wollen nicht so recht loslassen von ihrer Kuscheldecke, von der wohligen Atmosphäre, als wäre es ein Wohnzimmerkonzert. Komm, Yvonne, wir gehen noch eine Schorle trinken am Bodenseeufer. Erzähl uns noch ein bisschen vom Urlaub, sing uns noch ein paar Noten, freu dich nochmal so schön über deine Band. Wir wollen noch ein bisschen weiter kuscheln.