Auf den Rücken der Workshop-Teilnehmer kleben Zettel mit Sätzen wie: "Ich koche gern" oder "Ich kann eine Woche ohne Handy leben". Mit grünen Punkten markieren die Teilnehmer einander, nachdem sie sich gerade zehn Minuten kennen. Die Trefferquote bei dieser Übung ist weit gestreut. "Bei mir stimmt gar nichts", sagt etwa Heidi Funke aus Meersburg. "Mein Mann kocht seit 22 Jahren und die USA sind sicher nicht das Land, das mir zusagt." Eine Teilnehmerin ist gekränkt, weil sie für einen Morgenmuffel gehalten wird. "Bei mir stimmt alles", sagt hingegen Marianne Felsche aus Daisendorf: "Ich koche gern, allerdings eher experimentell, und ich könnte gut ohne Handy leben." Auch die Entscheidungskriterien sind verschieden. Miriam Macak vom Amt für Migration macht sich Gedanken über das Alter: "Eine 20-Jährige kommt wahrscheinlich eher nicht ohne ihr Handy aus", sagt sie. "Sie haben Stiefel an, deshalb dachte ich, Sie wollen vielleicht in die USA reisen", vermutet Timmo Strohm aus Weingarten. "Ich dachte, dass eher Frauen gerne kochen", sagt Josef Schober aus Tettnang.

Was als Lockerungsspiel der Teilnehmer des Trainings "Kompetent gegen rechte Sprüche" erscheint, offenbart gleich zu Anfang: Jeder hat Vorurteile. Aussehen, Geschlecht und Alter sind Anhaltspunkte dafür. "Es gibt aber Vorurteile, die in ausgrenzendes Verhalten münden", sagt Referent Michael Hässler. Zunächst sollen die Teilnehmer die eigene Wahrnehmung hinterfragen. Kaum etwas bleibt undiskutiert: Als einige in der Vorstellungsrunde von Erfahrungen aus der Flüchtlingsarbeit erzählen, warnt Referent Robin Brodt: "Wenn wir über die Gesellschaft sprechen, hat es wenig Sinn, das an Einzelfällen festzumachen." Strohm widerspricht: "Das ist eine populistische Argumentation, die sagt, deine Erfahrung ist nichts wert. Jeder muss seine Einzelerfahrung in Bezug setzen zur Allgemeinheit." Brodt lenkt ein, es gehe darum, sensibel zu bleiben und nicht zu generalisieren. Später erzählt er selbst von einer schwarzen Freundin in Berlin, die häufiger Fremdwahrnehmungen ausgesetzt sei als er, auch wenn ihn sein Dialekt dort als Schwaben ausweist.

Marianne Felsche (Mitte) trägt das Ergebnis ihrer Arbeitsgruppe vor: Diskriminierung Stufe&nbsp;8 für einen jugendlichen Fußballer, den sein Trainer seltener aufstellt, seit der weiß, dass der Jugendliche homosexuell ist. <em>Bild: Corinna </em><em>Raupach</em>
Marianne Felsche (Mitte) trägt das Ergebnis ihrer Arbeitsgruppe vor: Diskriminierung Stufe 8 für einen jugendlichen Fußballer, den sein Trainer seltener aufstellt, seit der weiß, dass der Jugendliche homosexuell ist. Bild: Corinna Raupach

Die Arbeitsgruppen untersuchen Alltagssituationen auf Diskriminierungswerte zwischen eins und zehn. Dass ein Vertreter an der Tür die Hausherrin im Kopftuch für die Putzfrau hält und fragt: "Ist der Chef da?", wertet die erste Gruppe als Faktor neun. "Sie wird wegen ihres Geschlechts und wegen ihrer Religion gering geschätzt", sagt Ulrike Dittert vom CJD. "Es gibt viele Frauen mit Kopftuch, die putzen", wendet jemand ein. Ein anderer sagt, der Chef öffne normalerweise nicht die Tür. "Die eigentlich Diskriminierte ist die Frau, die das Kopftuch trägt, weil man ihr das von Kindheit an eintrichtert. Im Koran steht davon nichts", sagt Waltraud Maidl aus Meckenbeuren.

Sogar das Aufstellen nach Schuhgröße wird hinterfragt: Es ergibt sofort eine Trennung von Frauen und Männern – und Frauen mögen große Schuhgrößen nicht noch betonen. <em>Bild: Corinna Raupach</em>
Sogar das Aufstellen nach Schuhgröße wird hinterfragt: Es ergibt sofort eine Trennung von Frauen und Männern – und Frauen mögen große Schuhgrößen nicht noch betonen. Bild: Corinna Raupach

So sensibilisiert, erarbeiten die Teilnehmer Strategien, Vorurteilen im Gespräch zu begegnen. Ehrlich bleiben, nicht beleidigen und Verständnis aufbauen kann das Gegenüber aufgeschlossener machen. Brodt rät, Gesprächsregeln aufzustellen wie beispielsweise einander zuhören und ausreden lassen. Die Wirkung von Zahlen und Fakten werde oft über-, die der Körpersprache unterschätzt.

In Rollenspielen probieren die Teilnehmer das aus: Als Onkel Erwin zur Feier seines 60. Geburtstags das Essen bei einem Türken bestellt hat, prallt die Schweinebratenfraktion auf Multikulti. "Ich habe gemerkt, dass ich in meiner Rolle gar nicht mehr zugehört habe, weil ich das alles gar nicht hören wollte", sagt Dittert, die vorher Klischees von stinkenden, ungewaschenen Ausländern auf den Tisch geknallt hat. "Ich habe den Vorschlag, nachzufragen, angewendet. Das war gut, da trat ein bisschen Stille ein", sagt Peter Degenhart. "Mir hat gefehlt, dass man auf die Argumente der Parolenschwinger eingeht", sagt Schober. Die Schlussrunde offenbart seltene Einigkeit: Ohne freie Informationen und Meinungsfreiheit gibt es weder Demokratie noch Achtung der Menschenwürde. Dafür werden die Teilnehmer weiter und vielleicht noch lebhafter streiten.

Im Rollenspiel streiten die Gäste an Onkel Erwins 60.&nbsp;Geburtstag über das Essen, das er bei einem Türken bestellt hat. <em>Bild: Corinna </em><em>Raupach</em>
Im Rollenspiel streiten die Gäste an Onkel Erwins 60. Geburtstag über das Essen, das er bei einem Türken bestellt hat. Bild: Corinna Raupach

Angebot für Ehrenamtliche

Das Amt für Migration und Integration hat das Argumentationstraining "Kompetent gegen rechte Sprüche" zusammen mit der Landeszentrale für politische Bildung angeboten. Eingeladen waren ehrenamtlich Engagierte in der Flüchtlings- und Migrationsarbeit und all jene, die sich gegen rechtsradikales Gedankengut zur Wehr setzen wollen. Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg ist eine überparteiliche Einrichtung mit der Aufgabe, politische Bildung im Land zu fördern und zu vertiefen, etwa mit Seminaren, Workshops, Büchern, Zeitschriften und ihrem Internetauftritt. Die Referenten Robin Brodt und Andreas Hässler arbeiten dort bei "Team meX.Mit Zivilcourage gegen Extremismus". Das Projekt klärt vor allem junge Menschen über Funktion und Wirkung von Vorurteilen und extremem Denken auf. (cor)