Die Landesregierung erwägt, auf der Bodenseegürtelbahn Züge mit Hybridantrieb aufs Gleis zu bringen. "Zu einer konkreten Umsetzung und der Finanzierung laufen derzeit noch Gespräche zwischen MTU und dem Verkehrsministerium", teilte eine Sprecherin des Ministeriums gestern auf Anfrage des SÜDKURIER mit. Diese Gespräche bestätigt auch Lars Kräft, Leiter des Geschäftsbereichs Industrieantrieb bei Rolls-Royce Power Systems (RRPS) in Friedrichshafen. "Es würde uns sehr freuen, wenn sie zu einem guten Ergebnis führen würden“, sagt er. Wann damit zu rechnen ist, lasse sich derzeit aber nicht sagen, heißt es aus Stuttgart.

Ministerium ändert Meinung

Im Mai war man im Verkehrsministerium noch der Ansicht, dass sich die teure Umrüstung für die gut 20 Jahre alten Triebwagen des Typs VT 612 auf der Interregio-Strecke nicht lohnt und rechnet. Ab Dezember 2023 sollen die Züge nach dem Bau der Oberleitung auf der Südbahn zwischen Ulm und Friedrichshafen rein elektrisch verkehren. Die MTU hält diese Sichtweise für zu kurz.

180 Neigetechnik-Triebwagen mit Dieselbetrieb

In Deutschland seien allein rund 180 Neigetechnik-Triebwagen im Dieselbetrieb auf der Strecke. Und von rund 4600 Schienenkilometern in Baden-Württemberg sind rund 1600 nicht elektrifiziert. MTU hält die Nachrüstung der alten Dieselzüge mit dem Hybridantrieb daher für eine "sinnvolle Brückentechnologie" nicht nur am Bodensee, sagt Kräft.

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Regionalverband strebt weiter Elektrifizierung an

Dieser Sichtweise schließt sich auch Wilfried Franke an, Direktor des Regionalverbands Bodensee-Oberschwaben und Geschäftsführer des Interessenverbandes Bodenseegürtelbahn. "Wir streben freilich weiter die Elektrifizierung an", sagte er gestern. Denn 2026 werde der Löwenanteil der Interregio-Strecken nach Basel oder am Hochrhein elektrifiziert sein. Alles andere als der Lückenschluss am Bodensee sei dann fragwürdig.

Als Brückenlösung sinnvoll

Der Einsatz von Hybridfahrzeugen auf der Gürtelbahn sei daher nur als Übergangslösung sinnvoll. Derzeit sammelt der Interessenverband 3,2 Millionen Euro bei seinen kommunalen Partnern in den Landkreisen Konstanz und Bodenseekreis ein, um die Planung der Elektrifizierung zu finanzieren. Dass dann leicht zehn Jahre ins Land gehen können, bis die Oberleitungen gebaut sind, zeigt die Südbahn. Deshalb begrüße man die Bemühungen der MTU, die Hybridtechnologie auf der Schiene weiterzuentwickeln. "Es wird in Deutschland genügend Strecke übrig bleiben für Hybridantriebe", sagt Franke.

Ministerpräsident informierte sich Anfang Juni vor Ort

Der Interessenverband hatte die MTU parallel beauftragt zu prüfen, ob die Hybridtechnologie auf der Gürtelbahn mit dem gewünschten Taktfahrplan eingesetzt werden kann. Die positiven Testergebnisse hatte MTU im Mai zum Anlass genommen, für den Einsatz der Powerpacks direkt vor der Haustür auf der Gürtelbahn zu werben. Seither haben sich nicht nur Landtagsabgeordnete der beiden Regierungsparteien in Friedrichshafen die Hybrid-Powerpacks erklären und zeigen lassen. Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) schaute Ende Juni bei MTU vorbei und nahm mit, welche Vorteile die Technologie bietet (siehe Kasten). "Dann müssen wir schauen, ob das möglich ist", sagte er.

MTU mit Bahn-Powerpack bei Messe Innotrans in Berlin

Inzwischen ist der Hybridantrieb nicht nur serienreif. MTU ist mit seinem Bahn-Powerpack derzeit bei der internationalen Verkehrstechnik-Messe Innotrans in Berlin präsent – mit Erfolg, wie es aus dem Unternehmen heißt. Vier Kunden hätten Absichtserklärungen für den Kauf des Antriebssystems unterschrieben, wenn die Umrüstung in Testfahrzeugen klappt.

Vier Kunden unterschreiben Absichtserklärung

Die irische Staatsbahn, die Bahn-Leasingunternehmen Porterbrook (Großbritannien) und Alpha Trains (Luxemburg) und ein Verbund der Firmen Abellio, Alstom und Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt wollen Fahrzeuge mit den teilelektrischen Antrieben nachrüsten. "Für die Zeit nach der Erprobung bei den Kunden ist die Abnahme von Hybrid-Antrieben im jeweils dreistelligen Bereich zur Ausrüstung der jeweiligen Triebwagenflotte bereits in den Vereinbarungen formuliert", teilte MTU mit. Alpha Trains etwa will in mehr als 140 ihrer Triebwagen den Antrieb austauschen, von Diesel auf teilelektrisch umstellen.

Umrüstung kostet rund 1,5 Millionen Euro pro Zug

Insgesamt dürften es allein für diese vier Kunden mindestens 500 Powerpacks sein, die MTU produzieren und verkaufen kann, wenn alles gut läuft. MTU taxiert die Kosten der Umrüstung auf rund 1,5 Millionen Euro pro Zug.

Bundesverkehrsminister: Paradebeispiel für umweltfreundliche High-Tech

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (links) ließ sich von RRPS-Vorstandsvorsitzendem Andreas Schell am Messestand bei der Innotrans in Berlin über die Vorzüge der MTU-Bahn-Powerpacks informieren.
Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (links) ließ sich von RRPS-Vorstandsvorsitzendem Andreas Schell am Messestand bei der Innotrans in Berlin über die Vorzüge der MTU-Bahn-Powerpacks informieren. | Bild: Ralf Ruehmeier RRPS

Interesse zeigten bei der Messe aber nicht nur Kunden. „Das MTU-Hybrid-Powerpack hat mich beeindruckt: Es ist ein Paradebeispiel für innovative und umweltfreundliche High-Tech aus Deutschland", wird Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer beim Besuch des MTU-Messestandes zitiert. Der alternative Antrieb könne einen wichtigen Beitrag zum Erreichen der Klimaziele im Schienenpersonennahverkehr leisten. "Wir sollten diese serienreife Technologie so bald wie möglich auch in Deutschland auf die Schiene bringen und neue Kunden für den Bahnverkehr begeistern“, sagte Scheuer.